2 Einträge
5 Bewertungen
62% Bewertung
  • Bewertung

    Stereotypen des Neuen Wilden Westens

    Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

    Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

    Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

    Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

    Auf den Hund gekommen

    Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

    Grenzschutz in der Postapokalypse

    Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

    Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

    Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

    Make Wild West great again!

    Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

    Immer dieser Retro-Charme

    Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

    Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.



    Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!
    filmgenuss_logo_quadrat_2a3baf4bcc.jpg
    06.09.2026
    17:58 Uhr
  • Bewertung

    Das Leben nach der Apokalypse in Colorado

    Exklusiv für Uncut
    Spannungsarmes Endzeit-Szenario über die wenigen Überlebenden einer Grippe-Pandemie, die sich im unwirtlichen Colorado durchschlagen wollen. Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley und Guy Pearce stellen sich dieser Herausforderung in Ridley Scotts 30. Regiearbeit.

    Wenn Sir Ridley Scott einen neuen Science-Fiction-Film in die Kinos bringt, dann ist die Erwartungshaltung von Haus aus sehr hoch. Immerhin hat uns der visionäre britische Filmemacher so zeitlose Klassiker wie „Alien“ (1979) und „Blade Runner“ (1982) sowie den modernen Publikumsliebling „Der Marsianer - Rettet Mark Watney“ (2015) beschert. Man darf also durchaus mit einer gewissen Vorfreude in seinen neuen Film gehen, den Drehbuchautor Mark L. Smith von dem 2012 publizierten Roman „The Dog Stars“ des Schriftstellers Peter Heller adaptierte. Smith selbst hat sich einen Namen mit den beinharten Survival-Dramen „The Revenant“ (2015) von Alejandro González Iñárritu und „The Midnight Sky“ (2020) von George Clooney gemacht, beide in einem kargen winterlichen Setting angesiedelt. Nun, ein bisschen was von beidem findet sich auch hier.

    Im Jahr 2035 ist die Zivilisation durch eine verheerende Grippe-Pandemie nahezu ausgelöscht worden. In Colorado lebt der gelernte Mechaniker Hig (Jacob Elordi), der den Tod seiner schwangeren Frau noch nicht verwunden hat und mit seinem treuen, aber bereits in die Jahre gekommenen Hund Bailey in seiner gelben Cessna regelmäßig ins verwahrloste Denver fliegt, um Vorräte und Medizin einzusammeln, die er zu einer abgelegenen Mennoniten-Siedlung in den Bergen bringt. Unterstützt wird er dabei vom raubeinigen Ex-Marine Bangley (Josh Brolin), der marodierende Herumtreiber, die sich in sein Areal verirren, mit gezielten Kopfschüssen liquidiert und anschließend verbrennt. Hig hält es derweil nicht so mit Gewalt, überhaupt hat er die Hoffnung auf das Überleben der Menschheit über die Grenzen seines Gebiets hinaus nicht aufgegeben. Immer wieder erhält er Funksprüche aus dem weiter entfernten Grand Junction und will, trotz Bangleys eindringlicher Warnungen, dorthin fliegen. Als er unterwegs eine Notlandung einlegen muss, macht er die Bekanntschaft mit der ebenfalls verwitweten Cima (Margaret Qualley) und ihrem argwöhnischen Vater Pops (Guy Pearce), mit denen er sich gemeinsam nach Grand Junction durchschlagen will – ohne zu wissen, was sie dort erwartet.

    Dass Scott mit seinen bald stolzen 89 Jahren immer noch bildgewaltige Filme inszenieren kann und das Gefühl einer untergehenden Welt gekonnt einzufangen weiß, ist nach 30 Spielfilmen in fast 50 Jahren keine Verblüffung mehr. Man merkt ihm hier aber doch eine gewisse Müdigkeit an, vielleicht wollte er nach „Gladiator II“ mal ein, zwei Gänge runterschalten und etwas Hoffnungsvolleres und Romantischeres produzieren. Die permanent angezogene Spannungsschraube aus „Alien“ und die atemberaubende visuelle Ästhetik aus „Blade Runner“ werden hier schmerzlich vermisst. Über weite Strecken der immerhin ökonomischen 118 Minuten begleiten wir Jacob Elordis sympathischen, aber doch blassen Protagonisten auf seinen Erkundungstouren durch Colorado – die beeindruckenden Naturaufnahmen sind allerdings allesamt in Italien gedreht worden. Brolins ruppiger Charme sorgt in der ersten Hälfte zumindest für einige unterhaltsame Dialogszenen. So richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst mit den Auftritten von Qualley und Pearce auf, wobei besonders letzterer Brolin fast schon die Show in Sachen Coolness stiehlt. Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird Allison Janney, die eine unberechenbare Stewardess in einem irren Flughafen spielen darf. Das schmerzt ein wenig über die zuweilen spannungsarme und blutleere Inszenierung hinweg.

    „The Dog Stars“ reiht sich in eine lange Riege postapokalyptischer Science-Fiction-Streifen ein, ich dachte beim Schauen an Werke wie Joseph Kosinskis inhaltlich ähnlichem „Oblivion“ mit Tom Cruise, der seine dünne Handlung mit viel Atmosphäre übertünchen konnte, etwas, das hier nur bedingt gelingt. Parallelen und Referenzen lassen sich auch zu anderen Genrebeiträgen ziehen: die gefeierte HBO-Serie „The Last of Us“ (seit 2023) etwa, in der es auch um die Nachwirkung einer katastrophalen Pandemie geht, ein Thema, das so kurz nach COVID-19 scheinbar umfassend künstlerisch aufgearbeitet werden muss. Oder Cormac McCarthys Roman „The Road“, 2009 verfilmt, ein wesentlich pessimistischerer Endzeit-Western, in dem ein Vater (Viggo Mortensen) verzweifelt versucht, seinen Sohn (Kodi Smit-McPhee) in Sicherheit zu bringen. Die Formel scheint in jedem Werk nahezu gleich aufgestellt: man nehme einen kernigen Typ, der das Ende der Menschheit nicht nur miterlebt, sondern überlebt, sich als einer der wenigen Immunen gegen degenerierende Monster zur Wehr setzt und die Frage beantworten muss, wohin die Menschheit eigentlich steuern will wenn nicht in ihr unvermeidliches Unheil. Das haben schon „I Am Legend“ (2007) und die „28 Days/Years“-Filme (seit 2002) narrativ abgearbeitet – und das sehr effektiv.

    Es scheint, als wollten Scott und sein Team noch ein wenig an der postapokalyptischen Filmparade teilnehmen, solange das Thema noch am Zahn der Zeit liegt. Nur wirft das die Frage auf, ob sie dafür nicht ein paar Jahre zu spät gekommen sind. Vielleicht ist es aber der Tatsache geschuldet, dass die Vorlage nicht mehr hergibt, da sie aus Versatzstücken früherer und ungleich besserer Werke zusammengestoppelt scheint. Eine originellere, unkonventionelle Herangehensweise an die Thematik hätte womöglich einen besseren Eindruck und Nachgeschmack hinterlassen. So bleibt aber die emotionale Resonanz auf Higs Schicksal bescheiden. Das ist schade, denn Jacob Elordi hat spätestens mit seiner Oscar-nominierten Rolle des Monsters in Guillermo del Toros „Frankenstein“ eine große darstellerische Bandbreite bewiesen.

    Der Film ist dennoch recht kurzweilig unterhaltsam und handwerklich gut gemacht. „The Dog Stars“ wird sich zwar in der beachtlichen Filmografie Scotts eher im Mittelfeld einreihen, aber das muss bei einer lebenden Regielegende nicht allzu negativ aufgefasst werden. Es darf davon ausgegangen werden, dass Ausschnitte aus diesem Film nicht in Retrospektiven-Clips, z.B. bei seinem bevorstehenden Ehren-Oscar im November, gezeigt werden. „Das Ende der Sterne“ ist aber hoffentlich noch nicht das Ende von Scotts Karriere.
    14202689_10202226751748269_7605103679564950054_n_89ac4b59ea.jpg
    26.08.2026
    14:32 Uhr