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    Ein Märchen vom Mittelalter

    Noah Gordon hat Ende der Achtzigerjahre einen historischen Abenteuerroman mit dem Titel Der Medicus verfasst. Ein Bestseller, der, irgendwo zwischen Aladdin, Die Päpstin und Lawrence von Arabien, zumindest den Anspruch erhebt, mit realen historischen Figuren auskommen zu wollen, wenn schon Protagonist Rob Cole, der als Medizinstudent unter die lehrreichen Fittiche eines Gelehrten namens Avicenna gerät, in der Weltgeschichte nichts verloren zu haben scheint. Doch dagegen, da ist wirklich nichts einzuwenden. Zahlreiche historische Filme arbeiten auf diese Weise: Sie schaffen eine Identifikationsfigur, die es so nicht gegeben hat, einzig und allein, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, um ihn mitfiebern und gleichzeitig lernen zu lassen, was zu dieser Zeit an diesem Ort an Geschichte wohl passiert sein mag.

    Bezugspersonen durch die Geschichte

    Frank Schätzings Roman Tod und Teufel zum Beispiel beschreibt das Köln der Frührenaissance akribisch genau und verwebt seine Antihelden in einen historischen Kriminalfall, den man auf diese Weise wohl noch nicht gelesen hat. Die Netflix-Serie The Last Kingdom setzt einen Universalhelden namens Uthred in das chaotische Geschehen Großbritanniens des neunten Jahrhunderts, um zahlreichen historischen Persönlichkeiten zu begegnen, die das frühe England geprägt hatten. Was dieser Serie dabei so grandios gelingt, ist, die Figur des Uthred nahtlos in das historische Geschehen einzuweben, um ihn danach daraus so zu entfernen, als wäre er eines aus den Fakten getilgtes Mysterium. Im Medicus war es immerhin der Gelehrte namens Avicenna, den es wirklich gegeben hat.

    In der nun freien Fortsetzung, die auf keines der Arbeiten von Noah Gordon beruht, hat europäische Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr. Das einzige, woran wir uns orientieren können, ist England, das alte London, die Themse. Der Begriff Hakim taucht immer wieder auf, arabisch für Arzt und Gelehrter. Und damit war es das auch schon zum Thema Wissensvermittlung. Alles andere ist wild zusammenfabuliert, entbehrt jeglicher historischer Grundlage und setzt eine alternative vergangene Realität vor die Kamera, die ungefähr so relevant ist wie jene, die wir in Grimms Märchen entdecken.

    Die früheren Leben des Sigmund Freud

    Im Zentrum des konstruierten Bilderreigens an Mittelalterklischees steht abermals Rob Cole, der nach einem Sturm vor der Südküste Englands Schiffbruch erleidet und mit seinen Gelehrtenkollegen, einem Sohn im Arm und der Trauer ob seiner ums Leben gekommenen Geliebten versucht, im London des 11. Jahrhunderts Fuß zu fassen. Mit im Gepäck: Ein ledergebunder Wälzer mit allerhand neumodischem Gesundheitskram. Schließlich wissen wir: das alte Arabien war in so frühen Zeiten dem in Finsternis und Aberglauben dahinsiechenden Europa mehrere Nasenlängen voraus. Damit einhergehend drängt Cole das Bedürfnis, Gesundheit leistbar werden zu lassen, und zwar für jede und jeden, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß. Das alles natürlich ohne Versicherung, ohne Selbstbehalt, ohne Bereicherung der Gesundheitskasse. Mit dieser Einstellung stößt Cole bei der Gilde der Mediziner auf Missfallen. Und nicht nur dort: Auch des Königs sinistre Gattin Mercia, die sich so nennt wie ein ganzes Königreich, hat wenig Lust daran, denn kranken Monarchen gesund zu sehen. Cole gelingt es aber, diesen zu heilen und überdies noch die einzig würdige Thronerbin Ilane (womöglich abgeleitet von Insane) aus ihrem Siechtum zu befreien. Das tut er mit erstaunlicher Kenntnis über Psychotherapie und selbiger Analyse, zum damaligen Zeitpunkt eher nicht wirklich State of the Art, es sei denn, Freud wäre durch die Zeit gereist.

    Konventionelles in schönen Bildern

    Es entspinnt sich ein pittoresk-biederes Märchen aus den Überbleibseln einer zugestandenen Geschichtsschreibung, von versteckten Königstöchtern, integren Herrschern, die Vernunft walten lassen wollen, dies aber nicht können, weil Intrigen, wie einst in Game of Thrones, alles zersetzen. Apropos Game of Thrones: Philipp Stölzl weiß, wie er sein Publikum ins Kino bringt. Er besetzt ganz einfach die eine oder andere Rolle mit bekannten Gesichtern aus dieser Jahrhundertserie, darunter Liam Cunningham als Märchenbuchkönig und natürlich „Kleinfinger“ Aidan Gillen, der den Intriganten aus dem FF beherrscht. Auch Emily Cox, die in eingangs erwähnter Serie The Last Kingdom eine tragende Rolle spielt, will auch hier in gelangweilter Bösartigkeit die Macht an sich reißen. Diesen Leuten sieht man schließlich gerne zu, auch wenn sich die Handlung allzu sehr in konventionellen Bahnen bewegt und mit einer Vorherhsehbarkeit klarkommen muss, da scheinen selbst Rumpelstilzchen und Co mit Storytwists nur so um sich zu werfen. Wie Stölzl und sein Postproduktionsteam es aber zustande bringt, Der Medicus 2 mit solch epischen Bildern zu illustrieren – vorrangig vom frühmittelalterlichen London – ist bemerkenswert. Schön anzusehen ist das ganze ja durchaus, die pure Erfindung des Mittelalters aber eine bittere Enttäuschung.


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    31.01.2026
    17:43 Uhr
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    Von religiöser Toleranz und reaktionärer Medizin

    Exklusiv für Uncut
    11. Jahrhundert: Der Medicus Rob Cole strandet mit seinen Weggefährten nach seiner Flucht aus Isfahan in seiner alten Heimat London, um dort das Licht seines medizinischen Wissens zu verbreiten. Bald wird er in die Intrigen des Königshauses verstrickt und wieder muss er kämpfen: Um das Leben seiner Patienten, für die Anerkennung seiner Arbeit und gegen eine ganz neue Herausforderung – das Leiden der menschlichen Psyche.

    Noah Gordon hat mit der „Medicus-Trilogie“ drei Weltbestseller geschrieben. Vor mittlerweile zwölf Jahren kam die Verfilmung des ersten Buches (aus dem Jahr 1986) in unsere Kinos. Allerdings genügten weder die 155 Minuten der Kinoversion, noch der mehr als drei Stunden lange Director’s Cut, um die ganzen 1280 Seiten des Hardcover-Buches im Film erzählen zu können. Man konnte zwar mit der Vertreibung von Rob Cole aus Isfahan eine Art Abschluss im Film finden. Allerdings blieben einige Kapitel des Buches unerzählt. Daher hatte man von Beginn an den Plan zu einem weiteren Teil, falls „Der Medicus“ erfolgreich sein würde. Das war er absolut. Trotzdem dauerte die Produktion des Nachfolgers derartig lange. Es handelt sich bei „Der Medicus II“ also NICHT um die Verfilmung des zweiten Buchs der Trilogie. „Der Schamane“ erzählt nämlich die Geschichte von Rob Coles Sohn bei den Indianern in Nordamerika.

    „Der Medicus II“ schließt direkt an den Vorgänger an, es wäre also ratsam, sich vorher noch einmal das mittlerweile zwölf Jahre alte Original anzusehen. Im Vergleich zu Teil Eins fehlen im Nachfolger die wundervollen Landschaften der marokkanischen Wüste, die im Film Persien darstellen sollten sowie die namhaften Schauspieler (Ben Kingsley, Stellan Skarsgård) - allerdings konnten die meisten anderen Darsteller wiedergewonnen werden (wenn auch teilweise nur für kurze Auftritte). Inhaltlich, in puncto Regie (ebenso Phillip Stölzl), Kamera und von den schauspielerischen Leistungen her steht der Film dem Original genauso wenig nach wie von der wunderschönen Ausstattung, den Kostümen und dem Bühnenbild. Wieder stehen die Suche nach dem Wissen und die Toleranz zwischen den einzelnen Religionen als zentrale Themen im Film. Letzteres könnte aktueller nicht sein. Als Neuerung kommt das Interesse des Protagonisten an der Psychologie der Kelten hinzu. Etwas weniger Platz bekommt dafür die übersinnliche Komponente in der Rob Cole den Tod vorhersehen kann. Etwas verunglückt ist der Handlungsstrang mit dem Baby (im Buch hat Cole übrigens zwei Kinder). Das Kind ist zwar da, spielt aber eigentlich keine Rolle. Das hätte man doch besser lösen können. Auch der plötzliche (wiederholte) Sinneswandel von einigen Figuren – zum Beispiel Hunne (Aidan Gillan) – ist teilweise nicht nachvollziehbar.

    Fazit: Handwerklich gut gemacht und solide in Szene gesetzt können wir froh sein, nach all den Jahren nun endlich die gesamte Abenteuergeschichte des Weltbestsellers auf der großen Leinwand betrachten zu können. Wer „Der Medicus“ gefeiert hat, wird mit dem Nachfolger ebenso seine Freude haben, wer allerdings mit mittelalterlichen Historienfilmen nichts anfangen kann, der sollte einen weiten Bogen darum machen.
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    12.12.2025
    11:08 Uhr