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    Roadmovie-Apokalypse

    Ein Rave-Grüppchen das bis auf eine Ausnahme aus Laiendarstellern besteht, fährt in der Steinwüste Marokkos herum. Wie und zu welchem Zweck sie dort hingekommen sind bleibt offen (Touristen? Auswanderer?) . Die in die Jahre gekommenen Hippies wirken äußerlich spröde und desolat wie die Wüste die sie umgibt, einem fehlt der Arm, dem anderen ein Bein und die Frauen scheinen ebenso von Drogen gezeichnet zu sein. Gefolgt werden sie von einem wohlgenährten Mann mit seinem Sohn welcher seine vermisste Tochter sucht. Auch hier erfährt man keine näheren Hintergründe. Alles bleibt nebulös, dafür bekommt man eine Aneinanderreihung von Tod, Verlust und Trauer zu sehen. Willkommen im Film Sirāt.

    Dabei hätte es dem Film nicht geschadet hier plausible Sinnzusammenhänge zu erfahren. Was verschlägt diese Menschen, die offensichtlich alle keine Marokkaner sind, gerade in eine menschenfeindliche Umgebung die dazu noch stellenweise vermint ist? Was für Schicksalsschläge und Vorgeschichten stecken hinter diesen angedeuteten menschlichen Tragödien? Man hofft dies alles noch bis zum Ende irgendwie erfahren zu können, was wundersamerweise aber nie tiefergehender behandelt wird. So hatte ich am Ende das Gefühl ich hätte einen zweiten Teil einer Filmserie angeschaut. Vieles bleibt offen und ich vermute dem Regisseur und Drehbuchautor Óliver Laxe ging es nur darum möglichst schockierende, provokante Bilder zu dem Thema Tod und Trauer zu zeigen.

    „Brücke, dünn wie ein Haar und scharf wie ein Messer“ soll Sirāt im Arabischen bedeuten. So zeigt es sich auch bei den beruflichen Filmkritikern. Tendenziell wird dieser Film entweder als Meisterwerk gelobt (Telegraph, The New Yorker,…) oder es wird die schlechteste Bewertung vergeben (Le Figaro, Die Zeit, Cahiers du cinéma,…). Das überrascht auch nicht, polarisieren provokante Filme doch am meisten. Es ist dann Geschmackssache ob man dieses Stilmittel aufregend oder als banales Mittel zur Aufmerksamkeitsgenerierung empfindet.

    Meiner Ansicht nach ist Provokation immer leichter zu realisieren als man arbeitet mit subtilen Mitteln, die zwar keine aufdringliche aber dafür vielschichtigere, tiefergehende Botschaften vermitteln. Wenn es dann auch noch auffällige Plot-Holes wie in diesem Film gibt, dann erhöht das für mich auch nicht gerade die Sympathie zu dieser Geschichte. Luis (Sergí Lopez, der einzige Schauspieler mit Erfahrung) rennt in seiner Verzweiflung nach dem Tod seines Sohnes tiefer in die Wüste hinein um dort erschöpft niederzusinken. Er wird dort von der Hippie-Gruppe aufgefunden, doch plötzlich scheinen überall in kurzen Meterabständen Minen zu liegen die bei Betreten explodieren. Es stellt sich die Frage: Wie konnte dann Luis den ganzen Weg zu diesem Ort hinlaufen ohne dass ihm irgendetwas passierte? Eine Begründung wie „großes Glück“ akzeptiere ich dabei nicht.

    Alles in allem kein Film der mich begeistern kann. Wen dieser Film auch psychisch nicht runterzieht den beneide ich um seine gesunde Frohnatur. Die Prozente gibt’s nur für die Schauspieler, die ihre Sache gut gemacht haben.
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    09.02.2026
    00:41 Uhr
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    Independen Mad Max (Extra Dramatic Edition)
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    02.01.2026
    20:26 Uhr
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    Tanzen bis über den Abgrund

    Der Rhythmus ist ein anderer. Die Wüste weiß schließlich, wie sie tickt. Der Mensch weiß es nicht. Denn er muss tanzen. Irgendwo im Nirgendwo, während andernorts das Ende der Welt naht. So ungefähr könnte man Sirāt in seiner fundamentalsten Aussage zusammenfassen. Nichts anderes als ein erschütterndes Gleichnis will der Franzose Ólivier Laxe seinem Publikum zumuten, und er hat gut daran getan, es so geradlinig wie möglich zu halten.

    Beats wie Schicksalsschläge

    Alles, alles ist miteinander verbunden, jeder Krieg, jede Qual, jedes nationale Dilemma wird irgendwann Einfluss auf das ganz kleine, einzelne Individuum haben. Wie man es auch dreht und wendet, so sehr man sich auch bemüht, eine befriedigende Freiheit zu erlangen, weil man es satt hat, mit dem Zynismus der Mächtigen konfrontiert zu werden: In Sirāt wird es kaum gelingen, dem Schicksal zu entkommen. Erbaulich ist das nicht. Dafür jedoch faszinierend, hypnotisch, unkonventionell. Und immersiv. Denn Sirāt ist neben all den felssturzschweren Schicksalsschlägen vorallem auch eins: Ein Werk, das durch den Gehörgang kriecht und auf akustischem Wege mit resoluter Willensstärke mitmischt. Als wäre das wieder eine andere Geschichte.

    Schon ganz am Anfang beeindruckt das scheinbar surreale Setting der marokkanischen Wüste als Schauplatz für ein tage- und nächtelanges Rave-Happening. Gigantische Soundboxen werden übereinandergestapelt, in strenger Symmetrie arrangiert. Schon bald erklingen stampfende Techno-Hämmer und lassen die Sandkörner vibrieren. Verschwitzte Leiber kommen in den Rhythmus, verfallen in Trance. Fast wäre man bei Gaspar Noé gelandet, wäre da nicht Sergi López, der sich als Störfaktor in seinem ganz eigenen Rhythmus, der den Beats zuwiderläuft, durch die schlingernde Menschenmenge drängt, an seiner Seite sein junger Sohn. Beide suchen Schwester und Tochter, die auf ihrer Reise in der Wüste bald schon nichts mehr von sich hören ließ. Um sie zu finden und zurückzubringen, deswegen sind sie hier – nichtsahnend, wie das funktionieren soll, zumindest aber mit dem Know-How der Verzweiflung gerüstet. Und dann passiert das: Ein dritter Weltkrieg bricht aus, auch Marokko ist beteiligt, Soldaten brechen die Feier ab, Touristen und Abenteurer von außerhalb müssen das Land verlassen. Nicht aber Luis und Esteban, die nicht so weiteres wieder abrauschen können. Sie folgen einem Konvoi aus zwei Bussen, besetzt mit einer Handvoll wagemutiger Aussteiger, die an die mauretanische Grenze wollen, denn dort sollen nochmal die Boxen dröhnen, ein letztes Mal gefeiert werden, so kurz vor dem Weltuntergang. Der Weg durchs Nirgendwo wird fast schon zur Reise eines Captain Willard, der im Dschungel Vietnams den verrückt gewordenen General Kurtz finden muss. Hier sind es ein Vater und sein Sohn, bereit oder auch nicht bereit für ein Abenteuer, das eigentlich nur zum Schlussstrich für so manche wird, die keine Grenzen mehr akzeptieren wollen.

    Um die Hölle herum

    Wie soll das gehen, in einer Welt voller Grenzen, in der das Machbare zur tödlichen Falle wird? Óliver Laxe setzt sein Publikum erschütternden Wendungen aus, die sich mitunter schwer begreifen lassen. Diese als Ironie des Schicksals zu bezeichnen, klänge fast schon zu banal, zu harmlos, zu wenig reflektiert. Nicht umsonst wählt Laxe Sirāt als Titel, der aus dem Arabischen stammende Begriff beschreibt eine messerscharfe, schmale Brücke über die Hölle, den die Toten überqueren müssen, um ins Paradies zu gelangen. So mancher Pfad durch die Wildnis spiegelt als Sinnbild die klitzekleinen Chancen wider, die ein Mensch haben kann, um sich ins Elysium durchzuboxen.

    Was so aussieht wie handfeste Gelände-Safari, wie ein wüstenheisses, immersives, wummerndes Roadmovie, ist gleichsam ein leidensfähiger Abgesang auf Erfüllung und Freiheit. Das klingt ernüchternd, andererseits wird der völlig angstbefreite Stoizismus, kurz gesagt: die Resignation, zum Schlüssel. Nicht für das Angestrebte, sondern für eine völlig andere Neuordnung der Dinge.


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    14.09.2025
    19:27 Uhr