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    Die Lüge der Mutterliebe

    Nach „We don’t talk about Kevin” bohrt die schottische Regisseurin Lynne Ramsay abermals ins warme Herz der Mutterschaft. War es 2011 noch die krankhafte Psychopathie des Kindes Kevin, die zur Belastung wurde, taumelt die Mutter in „Die My Love“ direkt nach der Geburt des Babys in eine tiefe postpartale Depression. Jennifer Lawrence produziert gemeinsam mit Regielegende Martin Scorsese ihr Herzensprojekt. Scorsese befand sie als perfekte Besetzung in dieser Adaption der gleichnamigen Romanvorlage von Ariana Harwicz.

    Das simple Setting: Grace (Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson), sehr leidenschaftlich verliebt, ziehen aus New York ins ländliche Montana. Nach der Geburt ihres Kindes wird Grace dreifach isoliert: von der Gesellschaft, von ihrem lohnarbeitend distanzierten Freund und von sich selbst. Nur ihre Schwiegermum Pam (Sissy Spacek, bekannt als „Carrie“) und ein mysteriöser Biker geben den Anschein von Zivilisation. „Die My Love“ handelt vom Schein, von den großen Lügen der modernen Welt.

    Es ist zum einen die Scheinfreiheit des Wohlstandsversprechens, das sich hier als neue Form der Unfreiheit entpuppt. Wer sehnt sich nicht nach einem üppigen Haus mit seiner Familie? Ist das nicht der allseits verbriefte Idealzustand? Der moderne Biedermeierstil? Ramsay sticht mit diesen Fragen mitten ins Herz gesellschaftlicher Musterzustände und positioniert Jennifer Lawrence in diesem Anwesen wie in einem Sozialexperiment: Was, wenn sich der Vermögenstraum in eine Isolationshölle mit schreienden Kindern, kläffenden Hunden und zerberstenden Glastüren verwandelt? Was, wenn das Haus kein Statussymbol, sondern ein mentales Gefängnis ist?

    Nervtötende Töne in dieser Naturumgebung, die nie das Versprechen einer ach so ruhigen Entschleunigung einlöst. Dazu eine körnige, klaustrophobische 4:3-Bildsprache, in der sich Fantasie mit Wirklichkeit vermengt, in der Psyche und Umwelt nicht mehr getrennt werden. Hard Cuts und aggressiver Hard Rock zerschneiden die vermeintliche Stille, oft als Stilmittel, gelegentlich als plumpe Schrecksekunde. Ramsay komponiert ein beängstigendes Psychogramm, das zum Ende hin immer stärker ausfranst in episodenhafte Auswüchse der tranceartigen Krise. Auch der minimale Einschub einer einsamen Schriftstellerin („Shining“ lässt grüßen): gar nicht notwendig, die Banalität der Mutterschaft im ersten Jahr hätte ausgereicht.

    Denn hauptsächlich verhandelt und entlarvt: Mutterschaft und Liebe als Lebensziel und Lebensglück. Auf Partys erleben wir die Oberflächlichkeit standardisierter Unterhaltungen, Grace wird zunehmend irrsinnig. Wer kann es ihr verübeln? Krasses Schlafdefizit, keinerlei Unterstützung und das Haus, in das sie eher gedrängt wurde. Ihre heteronormative Liebe: ein Fallstrick des Patriarchats, dem sie nicht entfliehen kann. Die Paardynamik: ungesund, unkommunikativ. Vorstellungen einer zuckersüßen Romanze: von Ramsay und Lawrence an den Haaren durch den Wald gezogen und buchstäblich verbrannt. Hochglanzaufnahmen: Fehlanzeige. „Die My Love“ ist der Abgesang an männliche Hegemonie, an kunterbunten Liebeskitsch und ein Ruf an alle Frauen: seid wachsam!

    Unbedingt zu erwähnen: Jennifer Lawrence, die „Die My Love“ trägt und ein – im wahrsten Sinne – wahnsinniges Comeback feiert. Sie tanzt lebendig, sie kriecht mit Küchenmesser durch hohe Gräser, sie rekelt sich nackt, sie schreit, sie weint, sie zerkratzt Wände. Tabuloses Körperkino, umwerfend verstörende Physis, in der sich die schleichend irrsinnige Psyche Bann bricht. Mentale Leerstellen, aufgefressen durch den Drang des Körpers, durch sexuelle Sehnsucht, durch den unbändigen Wunsch nach Freiheit. Glücklicherweise verliert Lawrence nichts von ihrem beißenden Humor, würzen doch flapsig-schwarzhumorige Bemerkungen das Geschehen, lockern es auf.

    Fazit: Nicht perfekt und nicht mehrheitsfähig. Form, Stil und der radikale Anti-Natalismus verhindern eine breite Rezeption dieses intensiven Kinoerlebnisses - leider. Es ist die Demontage einer Mutterschaft, die hier eher Zwangsregime als Kinderglück bedeutet. Getragen von einer imposanten, ekstatischen Jennifer Lawrence. Ein düsterer Bewusstseinsstrom, mal schrill, mal still, immer müde, immer befremdlich-ostentativ im Angesicht der modernen Lügen von Grundstücks-Wohlstand und Klischee-Hetero-Liebe. Ein Film, bei dem sich im wahrsten Sinne die Fingernägel hochklappen, provokant, unangenehm. Sehenswert!
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    03.11.2025
    13:58 Uhr
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    Von der Krux der Mutterschaft

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Für Lynne Ramsay schlittert Jennifer Lawrence in eine postnatale Psychose, die auch Robert Pattinson als leidgeprüfter Ehemann an die Grenzen bringen wird. Eine Tour de Force von einem Film.

    Im letzten Jahr hat es bereits einige filmische Abhandlungen darüber gegeben, wie herausfordernd Mutterschaft sein kann. Marielle Heller schickte Amy Adams in „Nightbitch“ auf einen abgründigen, tierischen Trip. Rose Byrne durchlebte in Mary Bronsteins preisgekrönter schwarzen Komödie „If I Had Legs I’d Kick You“ eine zweistündige Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Grazerin Johanna Moder verhandelte das Thema mit dem stellenweise als Horrorthriller anmutenden „Mother’s Baby“ mit Marie Leuenberger in der Hauptrolle einer spätberufenen Mutter, die glaubt, dass mit ihrem Säugling etwas nicht stimmt.

    Und dann ist da noch „Die, My Love“, der fünfte Spielfilm der gefeierten schottischen Drehbuchautorin und Regisseurin Lynne Ramsay, acht Jahre nach ihrem bislang letzten Werk, dem düsteren Crime-Thriller „You Were Never Really Here“ mit Joaquin Phoenix. Gemeinsam mit ihren Ko-Autoren Enda Walsh und Alice Burch schrieb sie eine filmische Adaption des gleichnamigen ursprünglich in Spanisch veröffentlichten Romans der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz. Die Handlung verlegte Ramsay aus dem ländlichen Frankreich in die USA, doch der Kern der Geschichte ist natürlich erhalten geblieben. Hier haben wir es schließlich mit einem universellen Thema zu tun.

    Das junge Paar Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) bezieht von Jacksons unter bizarren Umständen verstorbenen Onkel ein heruntergekommenes kleines Haus mitten in der Natur, das so abgeschieden ist, dass sie Musik in ohrenbetäubender Lautstärke hören können, ohne dass es jemanden stört. Dort geben sie sich in der Folgezeit ihren wilden sexuellen Gelüsten hin, bis Grace schließlich schwanger wird und einen Buben zur Welt bringt. Was ein einschneidender und glücklicher Moment in ihrem Leben sein sollte, wird sehr schnell zu einer ernsthaften Belastungsprobe für ihre Beziehung. Während Grace ihre schriftstellerischen Ambitionen, als ob sie jemals solche hatte, zugunsten ihres Säuglings endgültig aufgibt, ist Jackson die meiste Zeit beruflich unterwegs und vernachlässigt sie auch, wenn er zuhause ist. In ihrer Schwiegermutter Pam (Sissy Spacek), die mit dem Verlust ihres Mannes Harry (Nick Nolte) fertigwerden muss, findet sie eine verständnisvolle Stütze, aber auch sie kann Grace nicht davor bewahren, langsam aber sicher in eine postnatale Psychose abzudriften.

    Ramsay gewährt einen ungefilterten und ungeschönten Blick auf die Herausforderungen des Mutterdaseins und auf die Erwartungshaltung, die einer solchen von vielen Seiten aufgebürdet wird. Sie hütet sich davor, Graces Geschichte als Stigmatisierung zu missbrauchen und auch davor, diese nur auf eine simple postnatale Depression zu reduzieren. So komplex und herausfordernd sie ihre Protagonistin gestaltet, so unfokussiert und konfus ist der Plot, der oft unvermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen Traum und Realität wechselt. Das erfordert viel Konzentration und Denkarbeit, um nicht völlig vom Film abzudriften oder sich gar auszuklinken. Das passt aber wiederum gut, um sich ein wenig in den Zustand der Hauptfigur hineinversetzen zu können, und ihr labiles Gemüt ein Stück weit nachzuempfinden.

    In einer ähnlichen Rolle acht Jahre zuvor, in Darren Aronofskys wütend-brutaler Bibel-Allegorie „mother!“, spielte Jennifer Lawrence schon einmal eine Mutter am Rande des Wahnsinns. Hier ist sie wesentlich gereifter, auch weil sie inzwischen selbst zweifache Mutter ist, und gibt sich mit Haut und Haaren ihrer Figur hin. Ohne künstliche Überhöhung und melodramatischem Exzess, aber mit viel Mut zu animalischen Gesten – etwa wenn sie, sexuell frustriert, mit Schere in der Hand wie eine Raubkatze durch den Garten kriecht – oder vollkommen durchgedrehten selbstzerstörerischen Einlagen. Ihre Unberechenbarkeit macht „Die, My Love“ zu einem sehenswerten Psychogramm. An ihrer Seite weiß Robert Pattinson als wenig aufmerksamer und unzuverlässiger Partner zu überzeugen, auch wenn er von Lawrence gnadenlos an die Wand gespielt wird. Schauspielveteranin Sissy Spacek wiederum verleiht der Geschichte mit ihrer Präsenz und ihrem Handlungsbogen eine tiefere Ebene, die nicht nur den Umgang mit der Geburt, sondern auch jenen mit dem Tod aufgreift. Nick Nolte als Jacksons schwerkranker Vater und LaKeith Stanfield in einer mysteriösen Nebenrolle kommen leider viel zu kurz, ihre Geschichten verlaufen zumindest bei letzterem ins Nichts und sind eher unnötiges Beiwerk denn denkwürdige Figuren.

    So bleibt unterm Strich eine in Ansätzen spannende, mit einer Jennifer Lawrence in Topform aufwartende Studie über die Freuden und Herausforderungen des Mutterdaseins, die sich mit zunehmender Laufzeit immer mehr zerfasert, aber anders als „mother!“ nicht völlig ausartet, da Ramsay ihrer Hauptfigur wesentlich mehr Einfühlungsvermögen und Empathie entgegenbringt. „Die, My Love“ eignet sich ganz gut als warnendes Beispiel für werdende Eltern: Mutter werden ist nicht schwer, Mutter sein dagegen sehr…
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    15.10.2025
    22:20 Uhr