Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Für Lynne Ramsay schlittert Jennifer Lawrence in eine postnatale Psychose, die auch Robert Pattinson als leidgeprüfter Ehemann an die Grenzen bringen wird. Eine Tour de Force von einem Film.
Im letzten Jahr hat es bereits einige filmische Abhandlungen darüber gegeben, wie herausfordernd Mutterschaft sein kann. Marielle Heller schickte Amy Adams in „Nightbitch“ auf einen abgründigen, tierischen Trip. Rose Byrne durchlebte in Mary Bronsteins preisgekrönter schwarzen Komödie „If I Had Legs I’d Kick You“ eine zweistündige Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Grazerin Johanna Moder verhandelte das Thema mit dem stellenweise als Horrorthriller anmutenden „Mother’s Baby“ mit Marie Leuenberger in der Hauptrolle einer spätberufenen Mutter, die glaubt, dass mit ihrem Säugling etwas nicht stimmt.
Und dann ist da noch „Die, My Love“, der fünfte Spielfilm der gefeierten schottischen Drehbuchautorin und Regisseurin Lynne Ramsay, acht Jahre nach ihrem bislang letzten Werk, dem düsteren Crime-Thriller „You Were Never Really Here“ mit Joaquin Phoenix. Gemeinsam mit ihren Ko-Autoren Enda Walsh und Alice Burch schrieb sie eine filmische Adaption des gleichnamigen ursprünglich in Spanisch veröffentlichten Romans der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz. Die Handlung verlegte Ramsay aus dem ländlichen Frankreich in die USA, doch der Kern der Geschichte ist natürlich erhalten geblieben. Hier haben wir es schließlich mit einem universellen Thema zu tun.
Das junge Paar Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) bezieht von Jacksons unter bizarren Umständen verstorbenen Onkel ein heruntergekommenes kleines Haus mitten in der Natur, das so abgeschieden ist, dass sie Musik in ohrenbetäubender Lautstärke hören können, ohne dass es jemanden stört. Dort geben sie sich in der Folgezeit ihren wilden sexuellen Gelüsten hin, bis Grace schließlich schwanger wird und einen Buben zur Welt bringt. Was ein einschneidender und glücklicher Moment in ihrem Leben sein sollte, wird sehr schnell zu einer ernsthaften Belastungsprobe für ihre Beziehung. Während Grace ihre schriftstellerischen Ambitionen, als ob sie jemals solche hatte, zugunsten ihres Säuglings endgültig aufgibt, ist Jackson die meiste Zeit beruflich unterwegs und vernachlässigt sie auch, wenn er zuhause ist. In ihrer Schwiegermutter Pam (Sissy Spacek), die mit dem Verlust ihres Mannes Harry (Nick Nolte) fertigwerden muss, findet sie eine verständnisvolle Stütze, aber auch sie kann Grace nicht davor bewahren, langsam aber sicher in eine postnatale Psychose abzudriften.
Ramsay gewährt einen ungefilterten und ungeschönten Blick auf die Herausforderungen des Mutterdaseins und auf die Erwartungshaltung, die einer solchen von vielen Seiten aufgebürdet wird. Sie hütet sich davor, Graces Geschichte als Stigmatisierung zu missbrauchen und auch davor, diese nur auf eine simple postnatale Depression zu reduzieren. So komplex und herausfordernd sie ihre Protagonistin gestaltet, so unfokussiert und konfus ist der Plot, der oft unvermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen Traum und Realität wechselt. Das erfordert viel Konzentration und Denkarbeit, um nicht völlig vom Film abzudriften oder sich gar auszuklinken. Das passt aber wiederum gut, um sich ein wenig in den Zustand der Hauptfigur hineinversetzen zu können, und ihr labiles Gemüt ein Stück weit nachzuempfinden.
In einer ähnlichen Rolle acht Jahre zuvor, in Darren Aronofskys wütend-brutaler Bibel-Allegorie „mother!“, spielte Jennifer Lawrence schon einmal eine Mutter am Rande des Wahnsinns. Hier ist sie wesentlich gereifter, auch weil sie inzwischen selbst zweifache Mutter ist, und gibt sich mit Haut und Haaren ihrer Figur hin. Ohne künstliche Überhöhung und melodramatischem Exzess, aber mit viel Mut zu animalischen Gesten – etwa wenn sie, sexuell frustriert, mit Schere in der Hand wie eine Raubkatze durch den Garten kriecht – oder vollkommen durchgedrehten selbstzerstörerischen Einlagen. Ihre Unberechenbarkeit macht „Die, My Love“ zu einem sehenswerten Psychogramm. An ihrer Seite weiß Robert Pattinson als wenig aufmerksamer und unzuverlässiger Partner zu überzeugen, auch wenn er von Lawrence gnadenlos an die Wand gespielt wird. Schauspielveteranin Sissy Spacek wiederum verleiht der Geschichte mit ihrer Präsenz und ihrem Handlungsbogen eine tiefere Ebene, die nicht nur den Umgang mit der Geburt, sondern auch jenen mit dem Tod aufgreift. Nick Nolte als Jacksons schwerkranker Vater und LaKeith Stanfield in einer mysteriösen Nebenrolle kommen leider viel zu kurz, ihre Geschichten verlaufen zumindest bei letzterem ins Nichts und sind eher unnötiges Beiwerk denn denkwürdige Figuren.
So bleibt unterm Strich eine in Ansätzen spannende, mit einer Jennifer Lawrence in Topform aufwartende Studie über die Freuden und Herausforderungen des Mutterdaseins, die sich mit zunehmender Laufzeit immer mehr zerfasert, aber anders als „mother!“ nicht völlig ausartet, da Ramsay ihrer Hauptfigur wesentlich mehr Einfühlungsvermögen und Empathie entgegenbringt. „Die, My Love“ eignet sich ganz gut als warnendes Beispiel für werdende Eltern: Mutter werden ist nicht schwer, Mutter sein dagegen sehr…