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74.5% Bewertung
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    Entmannung unter Palmen

    Wäre Send Help nicht von Sam Raimi, sondern von zum Beispiel Boris Dagtekin im deutschsprachigen Raum entstanden, hätten wir wohl als chauvinistischen Business-Lackaffen Matthias Schweighöfer auf der einen Seite und auf der anderen wohl Anke Engelke. Dagtekin hätte mit seiner Geschlechterkampf-Inselromanze Türkisch für Anfänger ja schon ein bisschen Survival-Luft geschnuppert, da hätte er auch noch mühelos eins draufsetzen und das Inselfeeling zum Horror mutieren lassen können – wie es eben Sam Raimi nun getan hat, der Dämonenhorror-Veteran schlechthin. Tanz der Teufel zählt ja bis heute zu seiner größten Nummer – mal abgesehen von Spider Man, der zwar ein Kassenerfolg war, aber längst nicht so innovativ wie die Cabin in the Woods-Sause, in der das Böse wirklich keinerlei Gefangenen macht.

    Crusoe und Freitag, der 13te

    Nicht ganz unwesentlich an diesem Kult beteiligt war und ist wohl Raimis Methode der virtuosen Kamera, die wie vom wilden Affen gebissen im First View durch die Botanik prescht und kompromittierende Close Ups reinschneidet, als wäre man sturzbetrunken. Diesen visuellen Wahnsinn will Raimi nochmal genießen – und verbrät ihn in seinem neuen Inselwahnsinn, den eben auch Boris Dagtekin filmen hätte können, mit Schweighöfer und Engelke. Hier aber haben wir den smarten, aber relativ unscheinbaren Dylan O’Brien – und die ganz bewusst zur Außenseiterin überzeichnete, militant-nerdige Rachel McAdams mit Majo im Mundwinkel, Flohmarktfummel und fettigen Haaren. Klar, man soll ja nie nach dem Äußeren gehen. Sehr wahrscheinlich ist Linda Liddle ein herzerwärmend guter Mensch und sowieso sozial integrer als all die andern vorwiegend männlichen Management-Schnöseln, die hier, mit Sebastian-Kurz-Frisur, Slimfit-Anzügen und unauthentischer Jovialität nur so tun als ob und in Wahrheit das Schlimmste von Linda denken, ganz ungeachtet ihrer beruflichen Vorzüge. Was Dylan O’Brien als ihr frischgebackener Yuppie-Boss nicht weiß: Linda liebt Survival-Shows wie andere ihre Hauskatze. Und was er auch nicht weiß: Die Geschäftsreise per Privatjet mitsamt Linda im Schlepptau endet in einem Worst-Case- Szenario. Das Flugzeug stürzt ab, das tosende Meer spült aber lediglich ihn und die ungeliebte Assistentin an den Strand. Was von da an passiert, ist nichts, was das bisher etablierte Machtgefälle noch unterstützen würde. Hier, im Nirgendwo, dreht sich der Spieß ungefähr so um wie bei Cathy Bates und James Caan in Stephen Kings Misery.

    Fast-Romanze mit Eber

    Nur ist O’Briens Figur kein begnadeter Schriftsteller, sondern einfach nur ein Arschloch. Und Rachel McAdams – nun, ihre Möchtegern-Insulanerin, nimmt im Laufe dieser schwarzhumorigen Robinsonade immer psychopathischere Züge an, sodass einem der Yuppie-Jungspund langsam leid tun könnte. Doch leider kommt es so, dass sich Raimi in dieser schnell ausgereizten Dynamik zwischen den beiden verliert – und, wie das bei Flugzeugen und Luftlöchern so ist – zwischendurch immer wieder etwas absackt. Es ist, als würde Send Help, wenn man die Handlung einfach laufen lassen würde, ganz andere Wege gehen wollen als Raimi das vorhat. Dabei geht es meistens nur um Minuten, in denen der alte Regie-Hase zu spät reagiert – und schon hat man als Zuseher den Eindruck, die Szenerie gefällt sich letztlich dann doch als Screwball-Romanze mit Halali-Elementen wie dem Erlegen eines aus der Herkules-Sage geklauten Erymanthischen Ebers.

    Nein, so will es Raimi aber nicht – er will, dass sich alle an seinen Tanz der Teufel erinnern, deswegen grätscht er mit reminiszierender Kamera und perfiden Gewaltspitzen immer wieder in den Flow – und biedert sich am Ende dann doch einem wie Ruben Östlund an, der mit Triangle of Sadness genau die gleiche Prämisse, einen ähnlichen Plot (nur mit schmuckem Ensemble) und einen erschreckend identen Storytwist bietet. Alter Schwede, dürfte sich Raimi wohl gedacht haben: Sowas mach ich auch.


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    11.02.2026
    18:53 Uhr
  • Bewertung

    SEND HELP (und bessere Filme)!

    Exklusiv für Uncut
    Manchmal stellt man sich die Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Nützliches, etwa ein Feuerzeug, ein Messer oder eine Angel, steht dabei oft ganz oben auf der Liste, aber auch Unterhaltung für den Zeitvertreib, wie das Lieblingsbuch oder der Lieblingsfilm. Eine Kopie von „Send Help“ würde es wahrscheinlich bei den wenigsten auf diese Liste schaffen – und das ist durchaus nachvollziehbar.

    Linda vs. Wild

    Tollpatschig, aber fleißig: So überlebt Linda Liddie (Rachel McAdams) ihren Büroalltag. Ihre hohe Arbeitsmoral und Genauigkeit werden von ihrem neuen Vorgesetzten, dem Unternehmererben Bradley (Dylan O’Brien), wenig bis gar nicht belohnt, und sie muss mit wichtigtuerischen Golfspielern um Beförderungen konkurrieren. Bei jeder Gelegenheit wird ihr Wohlwollen ausgenutzt, und hinter ihrem Rücken machen sich ihre Kollegen über ihre schrullige Art und ihre Leidenschaft für die Reality-TV-Serie „Survivor“ lustig.
    Das alles soll sich bald ändern, als Linda ihren Vorgesetzten zu einem Geschäftstermin nach Bangkok begleiten darf. Das Flugzeug gerät in ein Unwetter, und nach einem turbulenten Absturz findet sich Linda an einem Strand wieder. Der einzige andere Überlebende? Natürlich Bradley, ihr Chef.

    Triangle of Cringeness

    Der wohl spannendste Aspekt der Geschichte ist der Wechsel der Dynamik zwischen Linda und Bradley. Der präpotente Unternehmersohn muss sich widerwillig eingestehen, dass die autodidaktische Überlebensexpertin auf der Insel das Sagen hat. Die Beziehung zwischen den beiden erreicht jedoch nie die nötige Tiefe, um wirklich interessant zu werden. Beide Figuren werden sehr oberflächlich gezeichnet, und die Motivation hinter ihrem Handeln bleibt meist unnachvollziehbar. Hinzu kommt ein ermüdendes Hin und Her, ob die beiden nun miteinander oder gegeneinander arbeiten.

    Rachel McAdams und Dylan O’Brien haben eigentlich schon öfter unter Beweis gestellt, dass sie schauspielerisch etwas draufhaben. Bei „Send Help“ ist davon leider wenig zu sehen. Jeder Dialog und jeder Gesichtsausdruck bekommt noch eine Extraportion Theatralik, wodurch es schwerfällt, irgendetwas ernst zu nehmen. Fairerweise muss man erwähnen, dass der Film als Horror-Komödie vermarktet wird. Allerdings landen die Witze (genauso wie das Flugzeug) nicht, und es ist – bis auf zwei bis drei blutige Szenen und Jumpscares – wenig Horror zu finden. Auf die vielversprechende „Psycho-Thriller“-Stimmung aus dem Trailer wartet man selbst beim Abspann noch, und auch die (leider vorhersehbaren) Twists können den Film nicht retten.

    Überleben für Anfänger?

    Beim Drehbuch war Sam Raimi dieses Mal scheinbar nicht beteiligt, weshalb man nach seiner Handschrift in anderen Aspekten des Films suchen muss. Hin und wieder blitzen seine Ideen in witzigen Übergängen oder makabren Effekten durch, im Großen und Ganzen vermisst man jedoch den Einfallsreichtum des legendären Regisseurs.

    Die generelle Optik erinnert eher an die Inselszenen von „Türkisch für Anfänger“ oder „Fack ju Göhte 2“ und wird dem angeblichen Budget von 40 Mio. Dollar nicht gerecht. Alles wirkt ein bisschen zu perfekt, und zu keinem Zeitpunkt kauft man den beiden Figuren ab, dass sie gerade wirklich gestrandet sind und ums Überleben kämpfen.

    Übrig bleibt ein unentschlossenes Werk, das in keinem Aspekt ganz überzeugt und wahrscheinlich davon profitieren würde, wenn es eine halbe Stunde kürzer wäre. Auf die einsame Insel sollte man sich eher Filme mitnehmen, die ähnliche Geschichten und Beziehungen besser erzählt haben – wie „Triangle of Sadness“ oder „Misery“.
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    07.02.2026
    16:59 Uhr
  • Bewertung

    The Emancipation of Linda Liddle

    Linda Liddle, unverzichtbare Angestellte aus der Abteilung "Strategy & Planning", scheint zunächst die stereotype "graue Maus" mit Faible für Survival-TV-Formate zu sein: Sie arbeitet genauso engagiert wie akkurat, schmiert sich Pausensandwiches, trägt farbenarme Kleidung und wird trotz ihrer Fachkompetenz bei der ihr versprochenen Beförderung übergangen, da ihr "das gewisse Etwas" fehle. Ausgerechnet der schmierige Kollege und Buddy des Ne(p)o-Chefs Bradley Preston wird an ihrer Nase vorbei zu dessen rechter Hand ernannt (ein Plot, der so mancher Frau wohl bekannt vorkommt). Bradleys "Gang" aus Wichtigtuern macht sich zudem ganz offen über sie lustig, als sie im Flugzeug ihr Bewerbungsvideo zur TV-Show "Survivor" ansehen.
    Wenige Minuten später stürzt das Flugzeug ab, nur Linda und Bradley überleben und stranden auf einer einsamen Insel.
    Nun sind die Machtverhältnisse umgekehrt: Bradley ist verletzt, kann sich kaum bewegen und wildnisunerfahren, während Linda ihre Survival-Kenntnisse voll umsetzt, sich dabei nahezu im Handumdrehen um einen trockenen Unterschlupf, Nahrung und Wasser kümmert. Bradley ist also komplett von Linda abhängig und tut sich natürlich schwer, das zu akzeptieren, und gibt ihr anfangs auch noch Anweisungen. Schließlich erkennt er mehr und mehr, dass es klüger ist, sich anzupassen und unterzuordnen.
    Dass sich der Film trotz des Grundthemas (im Grunde geht es um Machtverhältnisse) nicht zuuu ernst nimmt und es sich nicht lediglich um einen (Psycho-) Thriller oder Horrorfilm handelt, wird spätestens beim ersten Auftritt eines wirklich wilden Wildschweins klar. Für mich ist der Film ein irrer Mix aus Action, Thriller, Komödie (mit Hang zu schwarzem Humor) und etwas Horror (mit durchaus splatterartigen Sezenen).
    Sehr unterhaltsam.
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    31.01.2026
    21:38 Uhr