2 Einträge
6 Bewertungen
78.3% Bewertung
  • Bewertung

    Das Leben improvisieren

    „Ihr seid jetzt alle Spaghetti in kochendem Wasser“, so die Anweisung von Karoline Herfurth, die in der Verfilmung eines autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff eine Lehrkraft gibt, die den kommenden Größen deutscher Schauspielbühnen beibringen soll, wie man improvisiert. Doch dieser Joachim im Film besteht wohl nicht aus Hartweizen, der durch Feuchtigkeit und Hitze eben mal jedwede Stehkraft verliert. Er hat keine Ahnung, wie man etwas ist, was man unmöglich sein kann. Wie man über sein eigenes Ich hinausgeht, da man ja gar nicht mal genau weiß, wie das eigene Ich überhaupt aussieht. Oder wie es mit dem Leben klarkommt, dass so seine Gemeinheiten hat. Wie zum Beispiel den Tod. Der kam als Autounfall und hat diesem Joachim seinen geliebten Bruder genommen. Tieftraurig und mit sich selbst überhaupt nicht im Reinen, versucht der Blondschopf die Flucht nach vorn. Nicht weg vom Leben, sondern ins Leben hinein. Und landet daraufhin bei seinen Großeltern.

    Die Alten als Rückendeckung

    Ab diesem Moment scheint sich diese Lücke, die der Bruder durch sein Ableben hinterlassen hat, ja fast schon wieder zu schließen, denn die beiden Altvögel sind exzentrisch genug, um einen Teil dieser Leere zu füllen, entsprechen sie doch wohl kaum dem, was man sich auf gängige Weise unter Großeltern vorstellt. Senta Berger und Michael Wittenborn nehmen sich dabei Meyerhoffs Erinnerungen an seine Verwandtschaft sehr zu Herzen und lassen all die Absonderlichkeiten niemals so aussehen, als wären sie schräge Kuriositäten, über die man abfällige Bemerkungen macht. Hermann Krings und Inge Birkman sind anders, aber mit Stolz. Letztere war mal Schauspielerin, demnach weiß sie, was ihrem „Liebeling“ wohl blühen wird, sollte er die Aufnahmsprüfung denn schaffen. Die wiederum gilts als unendlich schwer, und nur acht Kandidaten von einem ganzen Pulk an Bewerberinnen und Bewerbern kommen durch. Wie wir wissen, sofern wir ins Burgtheater gehen, hat dieser Meyerhoff es geschafft. Längst steht er auf den großen Bühnen, darf sich nebenher auch als Bestsellerautor bezeichnen – sieht man Simon Verhoevens Film, kann man kaum glauben, dass am Ende zumindest beruflich noch alles gut wurde.

    Schauspieler, gegen den Strich gebürstet

    Für einen Coming of Age-Film ist der von Bruno Alexander (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – die Serie) dargestellte Joachim zu alt, für eine Tragikomödie eigentlich überhaupt keine Komödie, denn all das, was als kurios erscheint und den Eindruck erweckt, vielleicht sowas wie Humor zu kolportieren, ist es gar nicht. Das, was hier vielleicht schmunzeln lässt, ist nur das Leben an sich. Kein Gag, kein Kalauer, keine Witzkiste. Stattdessen wahrhaftige Erinnerungen und die Psyche eines kurzzeitig verlorenen jungen Menschen, der mit einer ganz anderen Generation aus ganz anderen Zeiten als Sidekick alle Anfänge schwer werden lässt. Und so verblüffend es auch aussieht, so sehr man fest der Meinung ist, dass dieser Joachim Meyerhoff womöglich vieles kann, aber ganz sicher nicht schauspielern – ist doch wohl das Unbequeme in dieser autobiografisch erfassten Person, was diese geradezu prädestiniert dafür, unter Applaus zu reüssieren.

    Simon Verhoeven, Sohn von Senta Berger, setzt seine Mutter mit ausgesuchter Würde in Szene – eine große Rolle hat sie da ergattert, deren Esprit sie nicht bis zum letzten ausreizt und dadurch das Geheimnisvolle bewahrt. Man fragt sich manchmal, ob hier wirklich nur Joachim Meyerhoff diese Lücke zu schließen versucht – letztlich muss es auch Großmama gelingen, während sie, fast schon am Ende ihres Lebens angekommen, das Lückenhafte in der Welt erstaunlich schlüssig kommentiert.


    Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!
    filmgenuss_logo_quadrat_2a3baf4bcc.jpg
    18.02.2026
    18:00 Uhr
  • Bewertung

    Die Lücke, die wir in uns tragen

    Gleich vorweg: Dieser Film hat mich gekriegt.
    Schon der Trailer traf genau meinen Geschmack - mit der skurrilen Darstellung des Schauspielunterrichts und der exzentrisch-liebenswerten Großeltern. Der Film übererfüllt die Erwartungen, die der Trailer weckt, aus meiner Sicht.

    In dieser Romanverfilmung begleiten wir Joachim, wie er lernt, bei sich zu sein, und seine Großeltern, wie sie mit der Zumutung des Älterwerdens umgehen.
    So entschließt sich Joachim zur Überraschung seiner Eltern dazu, Schauspieler zu werden und sich an der Falckenberg-Schule zu bewerben. An dieser renommierten Schauspielschule lehrte einst schon seine Großmutter, großartig verkörpert von Senta Berger.

    Herausragend ist für mich die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers, Bruno Alexander, der im Laufe des Films zunehmend zu Joachim Meyerhoff wird. Aber auch in den kleineren Nebenrollen glänzen durchwegs bekannte Schauspieler:innen - seien es Karoline Herfurth als Schauspiellehrerin, Friedrich von Thun als bekannter Filmregisseur oder Tom Schilling als Regieassistent; allesamt mit dem perfekten Maß an Exzentrik.

    Der Film setzt dabei die Buchvorlage treffend um und man bekommt am Ende auch Einblicke in Joachim Meyerhoffs eigene frühe Schauspielleistung, denn im Abspann werden Originalaufnahmen gezeigt.

    Im Gegensatz zu "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (Regie: Sonja Heiss) schafft es Simon Verhoeven (übrigens Senta Bergers Sohn), neben der Tragik auch den Witz des Buches auf die Leinwand zu übertragen. So entstand ein fesselnder Film, der es versteht, die Emotionen zu wecken - vom herzhaften Lachen bis zum einen oder anderen Tränchen.
    Absolute Empfehlung.

    Ein großer Dank geht an Uncut, da ich die Tickets gewonnen hatte.
    img_20200605_173259_47744f14a3.jpg
    07.02.2026
    19:54 Uhr