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    Those were the days, my friend

    Aus der zweiten Reihe

    Es ist der Anfang vom Ende eines glorreichen Höhenflugs, der allerdings schon seit geraumer Zeit mit gröberen Luftlöchern zu kämpfen hat: Die Rede ist vom schwindenden Ruhm eines kreativen Tausendsassas und Naturtalents namens Lorenz Hart, New Yorker Liedermacher und Songwriter, der sich wohl die Hände vors Gesicht schlagen würde, hätte er mitbekommen, dass Richard Linklater sein ihm gewidmetes biografisches Drama mit Blue Moon betitelt – so, als wäre seine ganze Karriere nur das Phänomen eines One Hit Wonders, und nicht einer beflügelten, ruhmreichen Schaffensperiode, die er mit seinem besten Freund und Komponisten Richard Rodgers über mehrere Jahrzehnte halten hat können. Doch dann die Sache mit dem Alkohol – die ließ ihn mehr oder weniger unzuverlässig und unberechenbar erscheinen, Rodgers muss sich letztlich von seinem Buddy abnabeln, muss sich woandershin wenden, und zwar in Richtung Oscar Hammerstein, seines Zeichens ebenfalls Liedermacher und ein Dorn im Auge des kleinen Mannes mit schütterem Haar und überspieltem Kummer, der ihn spätestens dann einholt, als Rodgers mit dem Musical Oklahoma! seinen größten Triumph feiert. Natürlich ohne ihn, ohne Lorenz Hart, der muss aus der zweiten Reihe zusehen, wie er übervorteilt, ausgebootet und letztlich, um es drastisch auszudrücken, verraten wird. Doch was hat er selbst dazu beigetragen, das diese ganze Niederlage so weit hat kommen müssen?

    Linklaters Film beginnt mit den aus dem Off eingesprochenen Schlagzeilen über den Tod eines großen Künstlers, der nach einer kurzen Periode der Abstinenz letztlich wieder zur Flasche griff, in der Gosse landete und an einer Lungenentzündung starb, viel zu früh, mit 48 Jahren. Dann der Rückblick – wir sehen den kleinen, sensiblen, verzweifelten und sich selbst alles schönredenden Mann, wie er die Premiere dieses verhassten Singspiels verlässt, um im New Yorker Restaurant Sardi’s auf das Eintreffen des Premierenpublikums zu warten, mitsamt seines Freundes Rodgers und all der Blamage und Selbsterniedrigung, sollte er sich dazu überwinden können, jenen seinen Respekt zu zollen, die ihn links liegen ließen.

    Lorenz Hart, der Wunderknabe

    So sitzt er nun an der Bar, fast schon therapeutisch betreut von Barkeeper Bobby Cannavale, der, gläserschrubbend, wie es diese Sorte Zuhörer immer schon getan hat und bis in alle Ewigkeit tun wird, dem schwermütigen Vielredner ein offenes Ohr schenkt. Und viel reden, das kann er, dieser Lorenz Hart, und es wäre vielleicht gepflegte Langeweile, einem Mann zuzuhören, den man bislang überhaupt nicht am Schirm hatte und der einem auch gar nicht tangiert, wäre es eben nicht dieser zwar nicht mit den Maßen des Adonis gesegnete, aber mitreißende männliche Charakter gewesen, der, sehnlichst suchend nach Bestätigung, die Klasse von einst, die er hatte, als unaufgefordertes Da Capo wiedergibt. Dieser Lorenz Hart, ein Wunderknabe. Und ein Wunderknabe auch, der sich dazu entschlossen hat, diesem tief gefallenen Genius ein Gesicht, eine Stimme, seinen Manierismus zu geben. Wer hätte gedacht, dass Ethan Hawke diese Figur so meisterlich ins Leben zurückrufen kann, mit all seinem Charisma, seinen Illusionen und seiner eloquenten Erzählkunst? Zeit seines Lebens soll Hart mit seiner homosexuellen Neigung zu kämpfen gehabt haben, letztlich aber lässt ihn Linklater eine ganz bestimmte weibliche Person anschmachten, und zwar vielleicht weniger sexuell als viel mehr so hingebungsvoll, als würde es sich um ein sphärisches, engelsgleiches Kunstwerk handeln. Elizabeth Weiland heisst die bildschöne junge Dame, hinreißend dargeboten von Margaret Qualley, die den kleinen, genialen Lorenz Hart ins Herz geschlossen hat – allerdings auf eine Art, die diesen womöglich nicht erfüllt.

    Späte Paraderolle für einen Star

    Blue Moon wird zu einer Sternstunde der gegenwärtigen Schauspielkunst. Autor Robert Kaplow hat ein so geschliffenes Sprachstück aus dem Ärmel geschüttelt, ohne Zwang und Krampf und bemühter Virtuosität, dass man völlig die Zeit vergisst. Gesprochen und interpretiert wird dies von Hawke mit einer Leidenschaft und einer Hingabe, dass man gut und gerne auf die Knie fallen würde, fast so wie in der Kirche, schließlich ist diese später auch wieder trinkfreudige Predigt eines Unverbesserlichen die zu Herzen gehendste, die man jemals wohl gehört hat. Zwischen Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Abgesang und wehmütigem Rückblick tischt Hawke die inbrünstig gefühlte Rekapitulation eines ganzen Lebens auf, reflektiert durch Menschen an seiner Seite wie den von Andrew Scott so liebevoll und doch distanziert verkörperten Richard Rodgers. Auch hier bricht ich das Gefühl einer enttäuschten Freundschaft Bahn, deren gemeinsamer Lebensabschnitt zwar sehr viel wiegt, die Zeiten aber nichts daran ändern können, das alles, und vorallem in der Kunst und im Showbiz, sein Ende finden muss.

    So gehet hin und habt Erfolg

    So steht er da, der kleine, gebrochene, aber stolze und niemals im Selbstmitleid versinkende Mann, und unsereins würde ihn umarmen wollen, mit ihm einen trinken gehen, auch wenn man gar nichts trinkt. Ihm Zuhören und seine Lieder spielen, sofern man die Klaviatur eines Tasteninstruments versteht. Man würde sogar anfangen, diese Kunst zu erlernen, nur um diesen Lorenz Hart noch länger reden und vielleicht gar singen zu hören. Währenddessen schrubbt Cannavale die Gläser, geben ihn Gefährten die Ehre, tun so, als wäre alles gut, und holen sich tatsächlich noch Inspiration für das eigene kreative Schaffen. Denn wenn man genau hinhört und hinsieht, ist die Sache mit Stuart, der Maus, eine, die ganz woanders weitere Kreise ziehen wird.

    Linklaters Geniestreich eines Kammerspiels schreit nach einer Academy Award Trophäe für einen vielgestaltigen Schauspiel-Kapazunders wie Hawke längst einer ist. Mit dieser Rolle übertrumpft er alles, was er bisher geleistet hat. Und das ist nicht wenig.



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    14.11.2025
    17:00 Uhr
  • Bewertung

    Das Ende einer wunderbaren Freundschaft

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2025
    Eine schicksalhafte Nacht in einer New Yorker Bar läutet das Ende der Karriere von einem der profiliertesten Songschreibern der Geschichte ein. Ein bestechender Ethan Hawke spielt Lorenz Hart.

    Dass es gar keine Übertreibung ist, Lorenz Hart als einen der erfolgreichsten Songwriter zu bezeichnen, den die amerikanische Theaterszene je gesehen hat, wird bereits in der Eröffnungsszene deutlich, in der ein Radiomoderator bei der Nachricht seines Todes einen umfangreichen Nachruf spricht und gar nicht mehr aufhören will, Songtitel, die Hart geschrieben hat, zu nennen. Aber der Mann hinter den Evergreens wie eben der titelgebende „Blue Moon“ ist nur noch ein Schatten seiner selbst, als er bei der Uraufführung von „Oklahoma!“, dem ersten gemeinsamen Stück seines früheren Kreativpartners Richard Rodgers (Andrew Scott) mit Oscar Hammerstein II (Simon Delaney), neben seiner Mutter in einer Loge sitzt. Es ist der 31. März 1943, nur sieben Monate vor seinem Tod: Der alkoholkranke und sehr exzentrische Hart begibt sich, noch bevor der Vorhang fällt, in die nahegelegene Bar „Sardi’s“, wo gerade der Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) seinen Dienst schiebt und Lorenz eigentlich nichts mehr ausschenken darf. Der GI Morty (Jonah Lees), von Lorenz liebevoll „Knuckles“ genannt, sitzt am Piano, und der Dichter und Schriftsteller E.B. White (Patrick Kennedy) ist ebenfalls in der Bar und hört sich geduldig Lorenz‘ ausschweifende Geschichten an und liest ihm eigene Gedichte vor. Wenig später trifft die 20jährige Studentin Elizabeth (Margaret Qualley) ein, für die Hart etwas empfindet, während sie sich durch ihn nur die Bekanntschaft mit Rodgers erhofft. Dann taucht auch schon die Feiergemeinschaft rund um das umjubelte neue Traumduo des Theaters auf, das die ersten euphorischen Kritiken erwartet. Hart versucht verzweifelt, die Scherben seiner Existenz aufzusammeln und nach außen hin Würde zu bewahren. Er schlägt dem wenig begeisterten Rodgers die Produktion eines extravaganten Marco Polo-Musicals vor, doch Rodgers, der wegen Harts zunehmender Unzuverlässigkeit sich seinem Freund und Mentor gegenüber sehr reserviert verhält, schlägt ihm stattdessen ein Revival ihres alten Erfolgs „A Connecticut Yankee“ mit fünf neuen Songs vor. Es wird klar, dass sich ihre Wege, trotz anderslautender Beteuerungen, wohl bald endgültig trennen werden.

    Wenn es etwas gibt, worin Richard Linklater ausgesprochen gut ist, dann, dass er seinen Filmen eine wohlige Atmosphäre gibt. Bis auf den Zusammenbruchs Harts auf regnerischer Straße in der Eröffnungsszene und der kurzen Szene in Harts Loge während der „Oklahoma!“-Premiere ist der gesamte Film in der Bar nahezu in Echtzeit erzählt. Linklater gibt seinem Publikum das Gefühl, Teil der Abendgesellschaft zu sein und weicht Hart in keinem Moment von der Seite. Das stellt Ethan Hawke vor die besondere Herausforderung, den Löwenanteil von „Blue Moon“ zu schultern und seine intensiven dialoglastigen Szenen mit einem atemberaubenden Tempo zu absolvieren. Was bereits bei ihrer gemeinsamen „Before“-Trilogie wunderbar funktioniert hat. Das Drehbuch von Robert Kaplow ist nur so gespickt von pointierten Dialogen und vielen Referenzen – wer immer schon mal wissen wollte, welche die beste und welche die schlechteste Dialogzeile in Michael Curtiz‘ „Casablanca“ (1943) ist, der sollte genau aufpassen – aus der Film- und Theaterszene, und gibt seinen Schauspielern damit ordentlich viel Material an die Hand, mit dem sie arbeiten können. Der Film fühlt sich aber, dank Linklaters leichter und unaufgeregter Inszenierung, nie überladen oder verkopft an und es gelingt ihm, das Interesse des Publikums an seinem Protagonisten aufrechtzuerhalten.

    Das ist natürlich der besondere Verdienst von Ethan Hawke. Seit über drei Jahrzehnten schon ein vielseitiger und überaus talentierter Charakterdarsteller wie auch ein weltgewandter Zeitgenosse, liefert er in „Blue Moon“ eine seiner absolut besten schauspielerischen Leistungen ab. Wie er sich Szene für Szene, Gespräch für Gespräch, um Kopf und Kragen redet und sich dabei sprichwörtlich die Seele aus dem Leib spielt, ist schlichtweg faszinierend. Man möchte ihm an manchen Stellen am liebsten den Mund verbieten, ihm Vernunft ins Gewissen reden oder einfach nur weismachen, was uns die Geschichte später über ihn gelehrt hat, nämlich, dass seine Glanzzeit endgültig vorüber ist. Aber Hawke schafft es, seine Figur nie ins Lächerliche oder übermäßig Verzweifelte abdriften zu lassen. Und auch wenn seine Szenenpartner zumeist eigentlich nur als seine Stichwortgeber fungieren, bringen auch sie wirklich gutes Schauspiel in „Blue Moon“. Bobby Cannavale spielt mit viel Charme den sympathischen Barkeeper, Margaret Qualley meistert ihre kokette Figur bravourös, aber es ist Andrew Scott, der neben Hawke am meisten besticht, denn es sind die Momente zwischen Rodgers und Hart, in denen das Ungesagte zwischen den Beiden der Geschichte ihre Tragik gibt. Scotts stille, aber dennoch Bände sprechende Performance im Zusammenspiel mit Hawke bildet das Herzstück des Films.

    Eine wunderbare, elegisch inszenierte Tragikomödie mit bestens aufspielenden Charakterköpfen, mit stimmungsvoller Musik unterlegt, ist „Blue Moon“ eine würdevolle und sehr bewegende Hommage an eine lange in Vergessenheit geratene Songwriter-Legende. Ethan Hawke setzt schon jetzt ein starkes Ausrufezeichen im noch jungen Kinojahr 2025.
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    22.02.2025
    17:10 Uhr