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  • Nicht nur die Kirche im Dorf lassen

    Es ist wieder soweit! Nach einem kurzen Vorgeschmack im Frühling, der sich Slash ½ nennt, senken sich mit der herbstlichen Düsternis auch allerlei bizarre Visionen, krude Ideen und verrückte Innovationen aus der Filmbranche auf die Wienerstadt hernieder. Für zehn Tage beschert das Filmcasino und das METRO Kinokulturhaus Genreliebhabern und solchen mit Hang zu Schrecklichem Gustostückerln aus der Independent-Sparte, darunter auch manches, dass nicht ganz so nischig ist, sich aber genauso anfühlt. Wie zum Beispiel der neue Film von Andreas Prochaska, österreichischer Vorreiter und Experte, was vor allem Filme betrifft, die nicht nur auf Subventionen aus der Filmförderung angewiesen sind, weil sonst keiner ins Kino geht.

    Bei Prochaska schrauben sich Besucherzahlen in die Höhe, was vielleicht auch daran liegen mag, dass in seinen Filmen Emotionen getriggert werden, die nicht gleich in erster Linie einen auf gesellschafts- und weltpolitische Betroffenheit machen. Was Prochaska kann, das ist Entertainment, das ist griffig-spektakuläres Mainstreamkino mit Hand zum Autorenfilm, bestes Beispiel wohl Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott – ein Knaller unter den österreichischen Komödien, böse, schelmisch und auf intellektuelle Weise infantil genug, um ordentlich abzukassieren. Neben diesem Ausflug ins Komödienfach musste man Jahre zuvor nur bis drei zählen, schon war man tot: Ein Horrorthriller und sein Sequel sorgte damals, in den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, für Furore. Nicht zu vergessen Tobias Moretti und Sam Riley in der Corbucci-Westernhommage Das finstere Tal. Alles Genrefilme: klar konturiert, famos strukturiert, und handwerklich sowieso erste Liga.

    Landfluch gegen Landflucht

    Sein neuestes Werk, Eröffnungsfilm des eingangs erwähnten herbstlichen SLASH Festivals, kommt dabei deutlich vom Weg ab und holt sich die dörfliche Diabolik aus In 3 Tagen bist du tot wieder ans Set – nur diesmal geht Prochaska noch einen Schritt weiter und orientiert sich an Parametern, die in Stephen Kings Pennywise-Kleinstadt Derry, Lynchs Twin Peaks und in Zach Creggers neuestem Streich Weapons – Die Stunde des Verschwindens zu finden sind. Eine gute Überdosis Mystery injiziert der Filmemacher seinem undurchschaubaren, schleichenden Alptraum, der sich über weite Strecken nicht erklären lässt und der sich, je weiter Schauspielerin Julia Franz Richter (u. a. Rubikon) darin versinkt, immer unmöglicher scheint, dass dieser jemals entwirrt werden könnte. Von der ersten Sekunde an setzt Prochaska auf eine phlegmatische, skeptische Düsternis, die noch durch die desolate Ohnmacht einer durch eine Autobahnbrücke unterjochte Dörflichkeit unterstrichen wird.

    Hier, im österreichischen Nirgendwo, soll die im Kindesalter weggegebene Judith den Nachlass ihres verstorbenen, aber unbekannten Vaters übernehmen – ein altes, mehrstöckiges Jagdhaus, in dem es zu spuken scheint und doch auch wieder nicht, in dem so scheinbar gutmütterliche Gestalten wie Tante Paula darauf warten, das verloren geglaubte Dorfmitglied wieder in ihre Arme zu schließen. Doch Obacht: die phänomenale Gerti Drassl ist diesmal nicht so herzlich und aufopfernd, wie sie anfangs scheint. Selten zuvor hat Drassl eine so perfide Rolle verkörpert wie hier. Die Finsternis steht ihr gut, auch Maria Hofstätter schickt mitunter Seitenblicke, da läuft es einem kalt über den Rücken. Und Inge Maux – Ihr Grinsen ist gespenstisch. So tragen diese drei Frauen und noch viel mehr von der Sorte Mensch dazu bei, dass sich Judith zusehends unwohl fühlt, und mehr darüber wissen will, warum sie seinerzeit im Stich gelassen wurde. Das Stochern im Vergangenen bringt eine diffuse Verschwörung an die Oberfläche, die sich kein einziges Mal deklariert, sich niemals zur Gänze offenbart und in der Mutmaßung und reinen Theorie verharrt, ohne dass Welcome Home Baby jemals für Klarheit sorgt.

    Symbolism Overkill

    Ein Umstand, der als ein höchst unbefriedigender zumindest anfangs ein freudloses Mysterydrama prägt, angereichert mit traumartigen Visionen über Ertrinken, Schwangerschaft und Feuertode im Wald und mit der leisen Metapher auf drohende Landflucht. Mit Symbolik weiß Prohaska nicht wirklich umzugehen, lieber macht er Nägel mit Köpfen. Bei einem polanskischen Suspense-Horror wie diesem entgleiten ihm die Versatzstücke, poltern viel zu viele Genre-Imitate durchs Bild, und als wäre das nicht schon genug, füttert er sein unklares Treiben mit versteckten Gängen, Totenköpfen und hexischem Treiben. Dieses Zuviel an bigotter Tarnung, Verwunschenheit und symbolistischer Traumata beschert Prochaska keine eigene Handschrift mehr, das meiste wirkt auffallend arrangiert, wenig originär, sondern inspiriert durch andere Vorbilder wie Rosemary’s Baby oder Aris Asters Midsommar. Ein zuviel kann folglich auch übersättigen, und ist man übersättigt, wird man müde, und so zieht Welcome Home Baby in behäbiger, viel zu entschleunigter Bedrohlichkeit, die den Verve von In 3 Tagen bist du tot vermissen lässt, hin zu einem überladenen Folk-Horror-Brimborium, das sich in seiner behaupteten Metaphysik nur noch übernimmt.

    „Wie ist es, auf der anderen Seite?“, fragt im Flüsterton die bettschwere Linde Prelog – einer der unheimlichsten Momente des Films. Nun, das werden wir nie erfahren. Alles hier schöpft doch nur aus diesseitigen Quellen.



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    20.09.2025
    08:37 Uhr
  • Bewertung

    Landleiden

    Wenn er auch nicht der erste war der was in die Richtung gemacht hat, dem Jugendlichen Markus hat Andreas Prochaska damals mit „In 3 Tagen bist du tot“ zum ersten Mal gezeigt, dass österreichischer Film mehr sein kann als Heimatkomödie oder Familiendrama. Der und besonders sein Nachfolger haben immer schon einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich bin seitdem großer Fan und sehe jedem Projekt erwartungsvoll entgegen. Nach „Das finstere Tal“ (Meisterwerk!) ist er nun zum zweiten Mal auf der Berlinale zu Gast. Meine Erwartungen an „Welcome Home Baby“ waren dementsprechend gigantisch. Und damit geht leider immer Enttäuschungspotential einher.

    Judith (Julia Franz Richter) arbeitet als Notärztin in Berlin. Ihre Eltern hat sie nie kennen gelernt. Eines Tages erhält sie die Nachricht, dass sie wegen dem Tod ihres Vaters ein Haus in der österreichischen Provinz geerbt hat. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ryan (Reinout Scholten von Aschat) fährt sie dorthin, mit dem Ziel es zu verkaufen. Doch die Gemeinde will ihre neu gewonnene Tochter nicht so schnell wieder loslassen…

    Als jemand mit dem Landleben vertraut ist, ist es für mich immer wieder witzig, wie Andreas Prochaska es schafft österreichische Dörfer so furchtbar abstoßend und trostlos darzustellen.
    Er inszeniert die Flucht vor dem gesellschaftlichen Druck, insbesondere dem Kinder kriegen, als psychologischen Horror mit Folk Anstrich a la „Midsommar“. Leider wirkt eben alles wie schon mal da gewesen, selten schafft er es eine wirklich unheimliche Atmospäre zu erzeugen; der ein oder andere Jumpscare ist vergebliche Müh. Lediglich im Finale dreht der Film nochmal ein bisschen auf.

    Julia Franz Richter überzeugt als die Heimkehrerin, die langsam aber sicher den Bezug zur Realität verliert, inklusive Blackouts und seltsamen Visionen.
    Gerti Drassl macht sich selbst ja mittlerweile zu einem Highlight jedes Films in dem sie auftritt, dafür bekommt Maria Hofstätter diesmal eher wenig zu tun.
    Die heimlichen Stars stehen aber dieses Mal sowieso hinter der Kamera. Sound und Musik gehen tief unter die Haut und die Bilder von Kamerafrau Carmen Treichl
    kommen mit einer visuellen Wucht daher, die ihresgleichen sucht.

    Wer schon den ein oder anderen Horrorfilm gesehen hat, der wird sich hier nicht gerade zu Hause fühlen.
    Aber selbst wenn ich dieses Mal ein bisschen unterwältigt war, ein Genrevertreter aus der Heimat ist bei mir immer willkommen.
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    21.02.2025
    16:55 Uhr
  • Bewertung

    Im Dorf der Verdammten

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2025
    Tradition hat ihren Preis. Das große Grauen der Gegenwart, ein Blick auf jüngste Wahlergebnisse sollte genügen, lauert im Sittenbild der Ewiggestrigen. In der Angst vor dem Fremden und Unbekannten. Vom ganz realen Terror Österreichs, dem Druck, ausgedienten Rollen und Normen entsprechen zu müssen, haben erst letztes Jahr Veronika Franz und Severin Fiala in „Des Teufels Bad“ erzählt. Mit erschütternder historischer Präzision. Dass der konservative Horror isolierter Dorfgemeinden ins Hier und Jetzt übergreift, macht ihr Genre-vertrauter Kollege Andreas Prochaska in seinem neuen Film deutlich. Er zieht den Schluss: Frau muss sich nicht alles gefallen lassen.

    (Unver)trautes Heim

    In Berlin arbeitet Judith (Julia Franz Richter) erfolgreich als Notärztin, von ihrer eigentlichen Herkunft weiß sie kaum Bescheid. Plötzlich soll ausgerechnet sie ein altes Haus in Österreich erben, das lange im Besitz der Familie stand. Dieselbe Familie, die sie als Kind weggeben hatte. Widerwillig macht sie sich mit Ehemann Ryan (Reinout Scholten von Aschat) auf den Weg in die Heimat, um die Übernahme des Elternanwesens einzufädeln. Man könnte ja immerhin Profit aus dem Weiterverkauf schlagen, wird sich gedacht – wohnen möchte man dort ohnehin nicht. Von der eigenen Tante (Gerti Drassl) empfangen, erschleicht die junge Frau sogleich ein Unwohlsein. Als dann die gebuchten Hotelzimmer wie durch Zauberhand storniert wurden, muss das Paar vorübergehend in das klapprige Haus einziehen. Je länger Judith da verweilt, umso mehr Verdrängtes kommt wieder hoch. Der Ort, der ihr angeblich fremd war, wirkt plötzlich vertraut. Ein vertrautes Grauen.

    Folk-Horror in roher Bildgewalt

    Nach zehnjähriger Filmpause, zwischenzeitig versuchte man mit „Das Boot“ den Sprung ins Prestige-Fernsehzeitalter, hat Andreas Prochaska zurück zum Kino gefunden. Der Wiener, der Lokalkolorit mit für Österreich untypischen Genrefilm-Elementen vermengt, ist seinen Wurzeln treu geblieben. Mit „Das finstere Tal“ versuchte er zuletzt noch den Schneewestern in ein alpines Gewand zu packen, jetzt ist Prochaska wieder dort eingekehrt, wo seine Karriere einst zum Abheben begann: im Horrorfach. Während er mit „In 3 Tagen bist du tot“ den Hollywood-typischen Teenieslasher ins Salzgummergut verlegte, widmet man sich in „Welcome Home Baby“ einem weit finstereren Horror. Dem Horror des Rückschritts; der all das, was man sich behutsam aufgebaut hat, in den Abgrund zu stürzen droht. Zu erkennen gibt sich dieser durch verstörende Bild- und Klangwelten, gefangen zwischen Realität und Fiktion, in denen sich die Protagonistin und das Publikum verlieren. Kamerafrau Carmen Treichl und ihre pittoresken Aufnahmen der ländlichen Tristesse sind der heimliche Star. Zugegeben, erzählerisch kann der Film mit seinen visuell verführerischen Kreationen nicht immer mithalten. Narrativ orientiert man sich an bekannten Versatzstücken klassischer und neuer Filmgeschichte: dem ungewollt im Bauch heranwachsenden Irgendwas aus „Rosemarys Babys“, dem trügerischen Dorfzusammenhalt aus „The Wicker Man“ oder „Midsommar“. Nicht jedes Versatzstück findet am Ende zusammen. Ein bedrückend beeindruckendes Stück Folk-Horror ist „Welcome Home Baby“ dennoch. Furchtlose Schauspielkunst trifft auf hochästhetisches Grauen, das hierzulande seinesgleichen sucht. Das darf man gerne willkommen heißen.
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    14.02.2025
    23:12 Uhr