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    Eine Abrissbirne fürs Schneckenhaus

    Das „potscherte“ Leben gibt’s nicht nur hier im morbiden, leicht psychotischen Wien. Das gibt es auch auf der anderen Seite des Erdballs, genauer gesagt auf dem Kontinent namens Australien. Fern jeglicher Down-Under-Exotik aus Kängurus, Uluru und Great Barrier Reef hadern die Ausgestoßenen in existenzieller Düsternis um ihr Schicksal, und damit sind gar nicht mal die um ihr Recht auf Glückseligkeit gekommenen Ureinwohner gemeint – sondern allenthalben die Nachkommen weißer Siedler, die auf einem Kontinent der Superlativen ihr Leben soweit dahinleben wie die anderen, wie die Norm, wie das Schicksal es verlangt. Adam Elliot hat sich nach Mary & Max – Schrumpfen Schafe, wenn es regnet abermals den Nonkonformisten, den Außenseitern, Sonderlingen und Verlieren hingegeben, er weiß schließlich, dass genau sie es sind, die der Menschheit die Menschlichkeit erhält. Er weiß, das genau sie es sind, die wie der gute alte Hiob aus der Bibel soweit vom Leben genötigt und getriezt werden, nur um es letztlich besser zu verstehen als alle anderen. Durch Verzicht, Verlust und Enttäuschung hindurch sieht man das, was man hat, deutlich klarer. Doch ist das nicht ohnehin der gepredigte Weg des Schmerzes? Ist der Content hier vielleicht allzu religiös angehaucht? Überhaupt nicht.

    So, wie Elliot die Lebenssituationen der Zwillinge Grace und Gilbert beschreibt, lässt sich spüren, wie behutsam er seine zerbrechlichen, sensiblen und sehnsüchtigen Figuren auf die Probe stellt, ohne sie mit ihren Tragödien und schmerzlichen Umwegen zu überfordern. Die beiden fahlgesichtigen kleinen Puppen, an denen Tim Burton sicher seine helle Freude hat, stemmen, indem sie sich ihrem Charakter selbst treu beiben, das Unwegsame. Sie assimilieren sich nicht, besitzen aber gleichzeitig durch ihre Andersartigkeit die Fähigkeit, sich allem, was passiert, in melancholischer und gleichsam resignativer Hoffnung zu fügen. Das mag ein Widerspruch in sich sein, weckt aber den Lebenskünstler. Das ist Pragmatismus zur rechten Zeit – und Grace, die scheinbar alles im Laufe ihres Lebens verliert und sich ihren psychischen Problemen hingibt, wird zur Anti-Heldin eines schnöden Lebens.

    Wie schon in seinem Vorgängerfilm erliegt Elliot nicht der Versuchung, die optische Raffinesse seiner Arbeit, vor der man ohnehin auf die Knie fällt, über die Geschichte zu stellen. Fast ist genau das Gegenteil der Fall. Memoir of a Snail – und damit ist die über Vergangenes sinnierende Grace in ihrem Schneckenhaus gemeint – ist die untergründige Antithese zu Wallace & Gromit und dem Sandmännchen, sie ist die dunkle Gasse, das Elend hinter heilem Entertainment. Als Trickfilm für Erwachsene, der die Kleinen wohl eher verstören würde, thematisiert das bizarre Wunderwerk sozialen Abstieg, Krankheit, Verlust und Fetischismus. Religiösen Fanatismus genauso wie die Symptome psychischen Ungleichgewichts und Trauer, unter welcher Gracie im wahrsten Sinne des Wortes fast erstickt.

    Doch es ist nicht nur das zentrale Geschwisterpaar, das mit seinen stets tränennassen großen Augen das Herz des Publikums erobert. Es ist vor allem die sagenhaft illustre Riege an Nebenfiguren, allesamt Außenseiter und einsame Seelen, deren Resignation und Verlorenheit sich in ihren Gesichtern spiegelt, die aber dennoch das Leben hinnehmen, wie es kommen muss. Gracies Freundin Pinky, gesprochen von Jacki Weaver, ist dabei ein absoluter Knaller – eine schräge Gestalt, liebevoll konturiert und beschrieben, herzlich und kurios, bis zum Ende.

    Memoir of a Snail ist ein sonderbares Kleinod mit Alleinstellungsmerkmal, die dunkelgraue Seite des Animationsfilms, reich an Lebensphilosophie, Zärtlichkeit und im richtigen Moment herzlich sarkastisch. Inhaltlich vergleichbar wäre Elliots Werk mit Jean-Pierre Jeunets Die fabelhafte Welt der Amélie, denn hier wie dort ist der Alltag der Einsamen eine Märchensammlung poetisch-bizarrer Anekdoten. Neben diesen bezaubernd bebilderten, aufwändig visualisierten Ideen ist es doch die gehaltvolle Story im Kern, die so richtig bewegt und gemeinsam mit dem Reiz des Stop-Motion-Films die Liebe zu einem Leben feiert, das sich selten als kooperativ erweist.


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    09.02.2025
    19:16 Uhr
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    Schnecken als Trauerbewältigung

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Schon mit seinem ersten Langfilm, dem 2009 am Sundance uraufgeführten Stop-Motion-Film „Mary & Max“, hat sich Regisseur und Animator Adam Elliot als unvergleichliches Talent im Animationsgenre hervorgetan, für seinen Kurzfilm „Harvie Krumpet“ wurde er bereits 2003 in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“ mit einen Oscar ausgezeichnet. In seinem neuen Film „Memoir of a Snail“, der über einen Zeitraum von mehr als acht Jahren entwickelt wurde, verbindet der Filmemacher erneut Melancholie mit schrägem Humor. Als internationale Synchronsprecher:innen konnten unter anderem Sarah Snook (Succession), Kodi Smit-McPhee (Elvis, Power of the Dog) und Eric Bana (Hulk, Black Hawk Down) gewonnen werden. Der Film wurde dieses Jahr im Rahmen des Festival d’Animation Annecy, das weltweit als wichtigstes Festival für animierten Film gilt, als Bester Langfilm ausgezeichnet.

    Der Knetanimationsfilm folgt dem tragischen Schicksal der beiden Zwillinge Grace und Gilbert in den 1970ern, die nach dem Tod ihres Vaters Vollwaisen sind und in verschiedene Familien jeweils ans andere Ende Australiens gesteckt werden. Voller Trauer und Sehnsucht nach ihrem letzten verbliebenen Familienmitglied, beginnt Grace sich in ihrer immer größer werdenden Schneckensammlung zu verlieren. Gilbert hingegen, der von einer Familie religiöser Fanatiker:innen adoptiert wurde, versinkt mehr und mehr in Depressionen und Wut über seine ausweglose Situation. Grace und Gilbert versprechen sich mittels Briefkorrespondenz so schnell wie möglich wieder zueinander zu finden, nichts ahnend wie viele Stolpersteine ihnen dabei in den Weg gelegt werden.

    Dass das Projekt fast ein Jahrzehnt an Produktionszeit gebraucht hat, lässt sich relativ leicht mit dem Umstand erklären, dass „Memoir of a Snail“ (in Gegensatz zu anderen Stop-Motion-Filmen, bei denen häufig mit digitalen Effekten nachgeholfen wird) zu hundert Prozent von Hand gemacht wurde. Der aufwendige Schaffensprozess hat sich hierbei in jedem Fall gelohnt, Elliot bedient sich seinem bereits in „Mary & Max“ etablierten Stil und schafft eine homogene, dreidimensionale Welt voller schrulliger Charaktere, die trotz ihrer beinahe kruden Gestaltung, Wärme und Sympathie ausstrahlen.

    Obwohl der Film thematisch sehr bedrückende Themen wie Depressionen, Einsamkeit, Homophobie und Tod erörtert, sind es die vielen humoristischen Momente im Werk, die „Memoir of a Snail“ seine Einzigartigkeit geben und ebenso herzerwärmend wie herzzerreißend machen. Selbst wenn einem das Leben nicht so hart bestraft hat, wie Protagonistin Grace, fällt es Zuseher:innen leicht sich auf emotionaler Ebene in ihre Situation hineinzuversetzen, ihre scheinbare Ohnmacht sich aus ihrem selbst geschaffenen Käfig befreien zu können, ist ein zutiefst menschliches Problem. Schlussendlich ist eine der Kernaussagen des Films, dass es nie zu spät ist, sich seinen Problemen zu stellen und neu anzufangen.

    Ein Film zum Lachen, Weinen und Hoffen!
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    04.10.2024
    17:04 Uhr