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    Handling the Undead

    Nicht genug, dass durch irgendein metaphysisches Ereignis Norwegens Bevölkerung aus anderen Epochen plötzlich in der Gegenwart aufschlagen – so gesehen in der wirklich sehenswerten Miniserie Beforeigners, die schon 2 Staffeln zählt. Jetzt bringt ein anderes, nicht näher erläutertes und deshalb auch höchst dubioses Ereignis den Stromkreislauf des Landes zum Versiegen, währenddessen die kosmische Energie dafür verwendet wird, all die kürzlich Verstorbenen von ihrer letzten Ruhestätte zu vertreiben. Wer, wenn nicht John Ayvide Lindqvist, der für die Vorlage von Filmen wie So finster die Nacht oder Border sein Copyright hochhält, kann sich dieses Szenario ausgedacht haben. Eines, das auf den ersten Blick so wirkt, als hätten wir es mit einer schnöden Untotengeschichte zu tun. Bei Lindqvist gibt es da meist dieses Mehr an gesellschaftspolitischer Komplexität, er verortet seine fantastischen Komponenten stets in einem äußerst realen, gegenwärtigen und greifbaren Umfeld. Bei Lindquvist kann das Paranormale einen jeden treffen, weil diese Faktoren längst in unserem Alltagsleben inhärent sind.

    Bei Handling the Undead sind die Toten immer noch jene, die zu den Familien der Trauernden gehören. Ihre Verwesung ist noch nicht so weit fortgeschritten, um sie als Monster zu deklarieren. Ihr Verstand verharrt zwar in einer somnambulen Stasis, doch das letzte bisschen Erinnerung und Persönlichkeit mag da noch an die Oberfläche gelangen wollen, um zumindest noch das ehemalige Zuhause zu erkennen, in welches die Schatten ihres früheren Selbst wie selbstverständlich reinschneien. Auf den ersten Blick freut das natürlich jene, die sich längst von ihren Liebsten verabschiedet haben. Hier nochmal mit einem zwar wortkargen, aber physischen Dacapo getröstet zu werden, mag die Tatsache einer völlig anderen Wesensart eines Zombies zumindest temporär verdrängen – alsbald schon liegen die Defizite zur früheren Person klar auf dem Tisch. Was also tun mit den lieben Verwandten, wenn sie durch ausgeprägt lethargisches Verhalten den Alltag erschweren und sich auch dazu hinreissen lassen, das tun zu müssen, was Untote eben tun: Gewalt anwenden.

    Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival mit Handling the Undead debütiert, hat Regisseurin Thea Hvistendahl das vielfach bemühte Zombie-Thema nochmal so weit variiert, dass diese Idee passgenau in die Feiertagsthematik rund um Allerseelen passt. Im Gegensatz zum Tag der Toten in Lateinamerika als kunterbuntes Freudenfest (siehe Pixars Coco – Lebendiger als das Leben) ist dieser Film die depressive Bebilderung eines Jenseitsbesuches, der überhaupt nichts mehr Feierliches, Erhabenes oder Bereicherndes hat. Was da die Lebenden heimsucht, sind leere Hüllen, die als Ersatz der Vermissten nicht lange vorhalten. Genauso wie ihre Zombies hat Hvistendahl allerdings nur wenig Interesse daran, aus ihrem narrativen Minimalismus auszubrechen. Sie wagt oder will es nicht, auf gemeingesellschaftlicher Ebene die heimgesuchte Stadt Oslo im Ausnahmezustand darzustellen, um aus dem paranormalen Phänomen die Diskrepanz zwischen Leben und Tod auszuloten. Sie begnügt sich damit, die Toten atmen zu lassen. Das ist reichlich wenig für eine Anomalie, die eine Menge hergeben könnte, würde Handling the Undead den Fokus nicht nur sehr streng auf drei Einzelschicksale setzen, die untereinander nicht in Berührung kommen, um in fast schon semidokumentarischer Nüchternheit die Grundproblematik fremder Vertrauter zu variieren.

    Das Potenzial also ungenutzt, schlurft der Film blutleer, bitterernst und grau seine abendfüllende Spielfilmlänge ab und hätte dabei aber als griffiger Kurzfilm wohl viel eher funktioniert. Wie in Slow Motion spult Hvistendahl ihre Szenen ab, lange Einstellungen wechseln mit überlangen Szenen, der ganze Film ist wie eine ausgedehnte Schweigeminute für Verstorbene, bei der man tunlichst vermeidet, Emotionen zu zeigen. In diese Tristesse kann man sich aber durchaus fallen lassen. Lebt man im Moment selbst nach diesem Modus der Verlangsamung und der Schwermut eines harten Lebens, könnte man von Handling the Undead aufgefangen und verstanden werden. Im Grunde ist die Idee schließlich reizvoll genug, um über Verlust, Trost und die Hürden des Abschieds nachzudenken.


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    02.10.2024
    19:15 Uhr
  • Bewertung

    Atmosphärisches Zombiedrama aus Norwegen

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Es kann gut sein, dass die Vermarktung von Thea Hvistendahls „Handling the Undead“ nicht die einfachste Aufgabe ist. Die ‚Undead‘, also die Untoten, bevölkern das Genrekino meist als Vampire, von glitzernd bis zu unansehnlichen Monstern, oder als Zombies. Die Regisseurin geht in Richtung Zombies der ruhigen Art. Sie verwendet für ihre Geschichte einen Roman des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist als Vorlage, mit dem sie gemeinsam am Drehbuch gearbeitet hat.

    Abseits von altbekannten Pfaden

    Die beiden verleihen ihren untoten Figuren aber eine eigene Mythologie. Zumindest in Ansätzen, um vom Mysterium nicht allzu viel wegzunehmen. „Handling the Undead“ ist aber weder typischer Zombiehorror à la „Dawn of the Dead“ noch Zombiekomödie wie „Zombieland“ oder „Shaun of the Dead“. Hvistendahl macht ihren Film zu einem gediegenen, atmosphärischen Drama über große Themen wie Leben, Verlust und Trauer.

    Kleine Leute, große Fragen

    Hvistendahl entwickelt die Geschichte langsam, während gleich zu Beginn die feierlich-getragene Musik in ihren Bann zieht. Die Regisseurin folgt im ersten Abschnitt einigen Hinterbliebenen in ihrem Alltag. Manchmal nah, manchmal aus der Vogelperspektive. Ganz klein werden die Figuren, verschwinden in der Landschaft. Ganz groß sind die Fragen und Gefühle, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, um selbst zu überleben.

    Auferstehung der Toten

    Ein kompletter Stromausfall setzt in der Großstadt Oslo ein unerklärliches (und unerklärtes) Phänomen in Gang. Dem äußerst unangenehmen Lärmen von Radios und anderen Geräten folgt völlige Dunkelheit. Dann ist ein leises Klopfen aus dem Sarg eines toten Kindes zu hören. Opa befreit den Burschen, der nicht der/die einzige Tote ist, der/die zu den Angehörigen zurückkehrt, und bringt ihn zu seiner Mutter (Renate Reinsve, bekannt aus „The Worst Person in the World“).

    Kann die Wiederkehr Trauer verjagen?

    Hvistendahl erforscht die Auswirkungen der plötzlichen Auferstehung des Kindes, der Mutter, Ehefrau oder Geliebten. Dazu folgt die Regisseurin den Familien in ihre eigenen vier Wände, beleuchtet Dynamiken, ausgelöst durch die Wiederkehr der Verstorbenen. Doch sind sie noch dieselben? Was tun mit ihnen? Sie erschießen, wie im Zombie-Shooter-Game, in das Flora zu Beginn des Films so vertieft ist? Sie komplett untersuchen, um eine medizinische Erklärung oder gar Lösung zu finden? Oder kann gar der ganz normale Familienalltag wieder einkehren, Trauer verjagen? Auch, wenn die Anzeichen des Todes – dank des Make-up-Teams – deutlich zu sehen sind.

    Ästhetik der Impressionen und Symbole

    Regisseurin Hvistendahl sorgt für beeindruckende, symbolisch aufgeladene Bilder, um die Frage, was Leben eigentlich bedeutet, zu stellen. Der Schauplatz: eine Großstadt mit riesigen, unpersönlichen Wohnhäusern, sterile Arbeitsplätze, zu einem Mausoleum mutierende Innenräume, aber auch Straßen, Wälder, Seen. Über allem liegt ein grauer Schleier. Meisterlich und hochemotional erzählt sie nur mit Symbolen des Alltags, untermalt mit Stille, von den Opfern. Kaum aus dem Gedächtnis zu bekommen sind die Monster- und Saurierfiguren in der Wohnung, in der es kein Kindergeschrei gibt. Ähnlich emotional aufgeladen sind die Szenen des Wiedersehens mit den Untoten. Die Versuche, die verloren geglaubten Personen in den leeren Augen wiederzufinden.

    Ein bleierner Sog

    Der eine oder andere Jumpscare durchbricht die langsam erzählte Geschichte. Für härtere Horrorfans könnte das zu wenig sein; sie sind trotz der Titelkreaturen allerdings klar nicht die Zielgruppe. Spannung im engen Sinn wird nämlich kaum geboten. Es ist eigentlich ausschließlich emotionale Spannung, die durchaus ankommen sollte. Berührende Szenen zwischenmenschlicher Beziehungen, beeindruckende, trauer-schwere Bilder und mystisch-düstere Musik erzeugen einen Sog; wenn man die Geduld aufbringen kann, sich darauf einzulassen. (Was nicht immer einfach ist.) Hvistendahls Film gibt nicht auf jede Frage klare Antworten, lässt viel Raum zum Nachdenken. Raum, das Leben der Figuren selbst weiterzuspinnen.

    „Handling the Undead“ ist eine nicht allzu leicht konsumierbare, mystisch-emotionale Reise jenseits von lauten, spannungsgeladenen Zombiepfaden.
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    30.09.2024
    22:33 Uhr