Forum zu Queer

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77.5% Bewertung
  • Bewertung

    Naked Lunch

    Luca Guadagnino hat in den letzten Jahren als aussergewöhnlicher Regisseur die Filmwelt bereichert. Nach CALL ME BY YOUR NAME, SUSPIRIA, BONES AND ALL und CHALLENGERS geht er mit William S. Burroughs QUEER sein größtes künstlerisches Wagnis ein. Alkohol, Zigaretten, (queere) Liebe und Drogen, aufgeteilt in 3 Kapiteln, begleiten einen einsamen Mann auf der Suche nach Liebe und Heilung. Daniel Craig ist es offensichtlich ein echtes Anliegen zu zeigen, dass er mehr drauf hat als den Doppelnull-Agenten zu spielen. Mission: (größtenteils) gelungen.
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    29.12.2024
    15:30 Uhr
  • Im Schweisse kosmischen Angesichts

    Sieht man sich das schauspielerische Oeuvre von Daniel Craig an, so fällt auf, dass gerade seine finanziell erfolgreichste Rolle des 007-Agenten James Bond im Grunde wohl am wenigsten das schauspielerische Können des smarten Briten illustriert. Seine Bond-Interpretation mag etwas stiernackig und verbissen wirken – ein Charakter, den Craig liebend gerne gegen andere tauscht, die dem Image des charmant-chauvinistischen Actionhelden zuwiderlaufen oder dieses geradezu konterkarieren. Die schmissige Hercule Poirot-Hommage des Benoit Blanc aus Knives Out war da schon ein erster Schritt in die für Craig ideale Richtung. Jetzt kommt das Sahnehäubchen obendrauf, jetzt darf der lange im Dienste der Broccolis gestandene, leidenschaftliche Akteur Dinge tun, die Tür und Tor aufstoßen in eine regenbogenfarbene Vielfalt an verlorenen, verkorksten, herumirrenden Gestalten, die sich in ihren Schwächen verlieren. Und dies mit ausgesuchter Leidenschaft.

    Luca Guadagnino, seines Zeichens Meister im Abbilden verlorener Sehnsüchte – siehe Call Me By Your Name – weiß, was er gewinnt, wenn er Craig besetzt. Für ihn ist dieser ein in hellen Leinenanzügen gekleideter, ungehemmt dem Alkohol und allerlei Drogen zugetaner Privatier mit Fedora auf dem Kopf und genug Geld in den Taschen, um den lieben Gott tagelang einen guten Mann sein zu lassen. Aufgrund seiner Liebe zu rauschigen Stoffen aller Art hat William Lee den Staaten der Rücken gekehrt. Hier, in einem pittoresken, fast unwirklichen Mexiko City der Fünfzigerjahre, ist das Leben ein ewiger Zyklus aus Barbesuchen, Aufrissen und Trunkenheit. Was Lee allerdings begehrt, sind, wie der Titel schon sagt, Männer knackigen Alters, die des Nächtens für die nötige Süße sorgen sollen. Eine Affäre folgt der anderen, bis der Ex-Soldat Eugene Allerton (Drew Starkey aus Outer Banks) Lees Wege kreuzt. Ab diesem Moment ist es aus und vorbei mit der kunterbunten Auswahl an Bettgesellen. Eugene bedeutet mehr, obwohl dieser, eigentlich hetero, nur des Geldes wegen mit dem betuchten Lebemann ins Bett steigt. Alles sieht danach aus, als wäre diese Romanze zum Scheitern verurteilt, als eine gemeinsame Reise in den Dschungel Perus nebst schweißnassem Entzug auch die Entdeckung eines Rauschmittels mit sich bringt, die das Leben der beiden für immer verändern wird.

    Die Vorlage zu Queer lieferte 1985 niemand geringerer als der Meister der literarischen Beat-Generation: William S. Burroughs. Der Konnex zum Kino: Dessen Kultbuch Naked Lunch, ein als unverfilmbar geltendes Sammelsurium an Grenzerfahrungen durch Drogeneinfluss, hatte sich Anfang der Neunziger David Cronenberg zu Herzen genommen. Guadagnino kann es besser. Sein psychologisches Drama einer Reise ins Unbekannte war dieses Jahr der Überraschungsfilm der Viennale und ist deutlich leichter verständlich als der zu Papier gebrachte bizarre Wahnsinn aus Tausendfüßern, Alienwesen und kriminellen Verschwörungen. Daniel Craig liefert in der ersten Hälfte des Films, die sich handlungsarmen Betrachtungen hingibt, dafür aber auf Stimmung setzt, das grenzlabile, psychologisch durchdachte Portrait eines Ruhelosen und Verlorenen, einer zutiefst einsamen Seele, die dem wahren Glück näherkommen will, indem sie sich überall sonst, nur nicht in sich selbst verliert. Der bittersüßen Liebesgeschichte schenkt Craig das schmachtende, fieberhafte Zittern eines Süchtigen. Guadagnino lässt dabei, wie schon in Call Me By Your Name, malerischen Sex unter Männern nicht zu kurz kommen. Hier ist er ein Ausdruck von Nähe und weniger die pure Befriedigung.

    Es wäre aber nicht Burroughs, wenn dieses flirrende Delirium von Film nicht vollends in einen surrealen Albtraum kippen würde, der im tropischen Dschungel den irreversiblen Schritt in halluzinogene Welten wagt, um hinter den Vorhang des Realen zu blicken. Queer wird zum selbstvergessenen Horrortrip, verrückt bebildert, kosmisch aufgeladen und bewusstseinsverändernd. Wie Guadagnino diese Brücke schlägt, ist gewagt, gelingt aber dank Craigs beharrlichen Ego-Eskapaden so überzeugend, als hätte Captain Willard aus Apocalypse Now am Ende seiner Reise festgestellt, General Kurtz gäbe es nur in seiner vom Kriegswahn gezeichneten Vorstellung. In Queer ist es der Drogenwahn, dem man am liebsten zu zweit frönt. Und so eigentümlich dieses Psychodrama sich auch anfühlt – so, als könnte man sich kaum etwas Erbauliches mitnehmen aus diesem Dilemma – sickern Filme wie Fear and Loathing in Las Vegas ins Gedächtnis: Auch dieser nur ein Trip in die fantastischen Welten psychedelischer Substanzen.

    Guadagninos Psycho-Abenteuer ist eine Überdosis Burroughs – der Wahnsinn kommt nicht überraschend. Sein existenzialistischer Schlussakkord wiederum erinnert an Lovecraft. Oder, um es anders auszudrücken: Der transzendente Abenteuerfilm ist zurück. Und Craig gibt ihm Seele.



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    09.11.2024
    21:07 Uhr
  • Bewertung

    Amore und Ayahuasca

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Man kennt ihn als James Bond: den Geheimagenten mit der Nummer 007, der Personifikation des Martini-trinkenden, hypermaskulinen Weltretters. So zart, gebrechlich und nackt (sprichwörtlich und buchstäblich), wie er sich im neuen Film von Luca Guadagnino zu erkennen gibt, hat man Daniel Craig aber noch nie gesehen. Dabei gibt er auch hier zu Anfang den Kerl mit der harten Schale, die schwer zu brechen ist. Dahinter aber ein fragiler, von Einsamkeit geplagter Mann; dessen Fassade lediglich ein Bewältigungsmechanismus. Einblicke in sein Innenleben bekommt man über ungeschnittene, auf dem Gesicht des Hauptdarstellers verweilende Nahaufnahmen. Die Verletzlichkeit seiner Figur bringt Craig herausragend gut zum Ausdruck. Der Film um ihn herum weiß ebenso zu betören, wenngleich dieser, das muss gesagt sein, viele rätselnd zurücklassen wird.

    Verfilmung eines „unverfilmbaren“ Romans

    Mit „Queer“ wagt sich Guadagnino an eine Adaption des gleichnamigen Romans von William S. Burroughs. Burroughs, sein bekanntestes Werk „Naked Lunch“ einst von Body-Horror-Meister David Cronenberg zum Leben erweckt, war dafür bekannt, sich selbst auf seine Hauptfiguren zu projizieren. Wie auch Lee, dem geplagten Protagonisten in „Queer“, war Burroughs im echten Leben homosexuell und heroinabhängig. Ein Lebemann, immer auf der Suche nach dem nächsten Rausch. Sein Werk war jedoch auch durchzogen von surrealen Passagen, die ewig als unverfilmbar galten. Wie Guadagnino und sein Drehbuchautor Justin Kuritzkes („Challengers“) diese auf die Leinwand bannen und über ihren ursprünglichen Zweck hinaus ausdehnen, ist mitreißend und hypnotisch. Aber auch fordernd. Denn alles beginnt noch ganz geerdet. Wie man es durch andere Romanzen Guadagninos (u.a. „Call Me By Your Name“) erahnen würde. Es sollte noch ganz anders kommen.

    Verlorene Seele sucht nach Liebe

    Auf den Straßen Mexico Citys zieht Lee (Craig), ein Weltkriegsveteran, in den 1950er-Jahren um die Häuser. Es geht von Bar zu Bar, in der Hoffnung den einen oder anderen Typen abzuschleppen. Mit schicker Garderobe, dauerverschwitztem Haar und blumiger Sprache versucht er sein Glück. Gene (Drew Starkey: wunderbar), ein fescher Bursch in seinen Zwanzigern, geht dem alternden Casanova nicht mehr aus dem Kopf. Das Problem: Gene ist heterosexuell. Zumindest gibt er den Anschein. Als die beiden dann einen Ausflug nach Südamerika anpeilen, wendet sich das Blatt jedoch auf schräge Weise. Im Dschungel Ecuadors möchte Lee unbedingt Ayahuasca ausprobieren. Das halluzinogene Pflanzensud, das, wie der von Gleichgültigkeit zerfressene Ex-Soldat behauptet, telepathische Fähigkeiten erweckt. Es folgt eine Reihe von psychedelischen Trips, mit denen Lee herausfinden möchte, ob Gene denn seine Gefühle erwidert. Gesprochen wird kaum mehr, man suhlt sich in phantastischen Bildern; innerer Tumult wird ausdrucksstark zwischen den Zeilen angedeutet. Lynch und Fassbinder lassen grüßen. Mit diesem radikalen Stilbruch wird der Film in der zweiten Hälfte manche Zuschauerinnen und Zuschauer verlieren, so viel steht fest. Wer sich auf diese eigenwillige Selbstfindungsodyssee einlassen kann, den wird „Queer“ aber nicht mehr wieder loslassen. Erotizismus und Sinnlichkeit stellt man im Dauerrausch unterdrückten Leiden gegenüber, denen selbst mit bewusstseinserweiterndem Eskapismus nicht mehr entflohen werden kann. Nirvana-Songs, die als Anachronismen zum Einsatz kommen, werden zur Hymnen der unerwiderten, queeren Sehnsucht. Ein herausforderndes, im Kern tragisches Enigma, über das noch viel diskutiert werden dürfte.
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    06.09.2024
    21:41 Uhr