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18 Bewertungen
79.7% Bewertung
  • Bewertung

    Büchsenöffner

    Multithematische Büchse der Pandora, bei der die Besen mit aufgesteckten Plastikköpfen nicht mehr in die Ecke wollen.

    Visuell und akustisch beeindruckend inszeniert.
    Erzähltechnisch sowie in Charakterzeichnung und -entwicklung irritierend.


    Ich liebe 😍 Intermission.
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    02.12.2025
    19:16 Uhr
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    Keine Sekunde zu lang

    Da für mich schon jeder Spielfilm in normaler Länge wegen des langen ruhigen Sitzens eine Herausforderung darstellt, konnte ich mir nicht vorstellen, das Ende dieses Dramas im Kinosaal miterleben zu können: Doch siehe da, ich blieb bis zum Schluss und konnte kaum glauben, dass die mehr als drei Stunden Spielzeit schon vorbei waren - ein grandioser Film, den ich nur weiter empfehlen möchte.
    08.03.2025
    14:15 Uhr
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    American Nightmare

    Der Hölle der Zeit nach dem 2. Weltkrieg in Europa entkommen um weiterhin zu überleben. Das Leben in Amerika ist für den jüdischen Architekten schwierig, aber er gibt nicht auf …
    DER BRUTALIST, bezieht sich nicht nur auf einen Architektur Stil, sondern auf das Ausnutzen, das Ausnutzen von Menschen (in Not).
    Adrien Brody spielt wieder oscarverdächtig, aber auch Guy Pearce als sein vermeintlicher Mentor und Freund, hat sich die Oscar-Nominierung mehr als verdient.
    Der junge Regisseur Bradly Corbet wandelt auf den Spuren ganz großer Künstler seiner Zunft: Sergio Leone und andere Monumentalfilmemacher würden wohlwollend applaudieren!
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    11.02.2025
    07:55 Uhr
  • Bewertung

    Das Leben ist eine Baustelle

    Da stehe – oder besser gesagt sitze ich – im dunklen Kinosaal, und zwar so lange, dass mir der Allerwerteste schon schmerzt, vor einem Problem, das ich als Grundproblem bei der Betrachtung von Filmen erachte, die durch internationale Kritikerlorbeeren niemals auch nur anders betrachtet werden wollen als vollendet. Für zehn Oscars nominiert, begleiten Der Brutalist Pressestimmen, die wie folgt klingen: „Ein monumentales Meisterwerk von nahezu unendlicher Schönheit“, schreibt Christoph Petersen von filmstarts. „Der zehnfach nominierte Oscarfavorit ist jene Art von Film, wie es ihn nur alle paar Jahre im Kino gibt“, schreibt Jakob Bierbaumer im österreichischen Medienmagazin TV Media. „Ein Film voller Leidenschaft, der in seiner Kühnheit vertraute Sehgewohnheiten sprengt“, schreibt Ralf Blau in der aktuellen Ausgabe von cinema. Blau umschreibt den Film aber bereits schon etwas differenzierter und räumt ein, ihn sowohl minimalistisch als auch monumental zu erachten.

    Bei solchen Lorbeeren wappnet man sich natürlich im Vorfeld, demnächst einem Kinoereignis beizuwohnen, das einem die Sprache verschlagen wird. Doch andererseits: Erreichen diese gezielt marketingtauglichen Lobhudeleien manchmal nicht genau das Gegenteil? Kann man denn glauben, was man liest? Macht dieser Review-Aktivismus Kinogeherinnen und Kinogeher, die diese Kunstform regelmäßig genießen und schon viel gesehen haben, nicht eigentlich skeptischer? Letzten Endes wäre Skepsis bei Sichtung eines minimalistischen Monumentalfilms wie Der Brutalist durchaus angebracht gewesen. Vielleicht, um nicht enttäuscht zu werden, wenn man im Vorhinein erwartet, künstlerisch und qualitativ, und das im positiven Sinn, geplättet zu werden. Filme wie Der Brutalist manipulieren und dekonstruieren die Erwartungshaltungen – die gibt es gerade hier in unterschiedlichsten Formen und Varianten. Letzten Endes ist Brady Corbets über einen langen Zeitraum erdachte und entwickelte Pseudo-Biographie genauso wie einer dieser brutalistischen Gebäude-Klötze, die der fiktive Flüchtling László Tóth bereits errichtet hat und errichtet haben wird: reduktionistisch, avantgardistisch, kühl und unnahbar. Tóth wird in Der Brutalist, der sich sonst allerdings vor historisch korrektem Hintergrund bewegt, in einer alternativen Realität zu einem weltweit angesehenen Zampano in Sachen Architektur. Das war er schon vor dem Krieg, und wird es wieder nach dem Krieg sein. Nur wo und wie, wird Corbet in diesem Film auf einer Länge von über dreieinhalb Stunden beantworten wollen. Ist diese Länge für diese Erzählung denn gerechtfertigt? Nein.

    Während das letzte Dreistunden-Epos, nämlich Der Graf von Monte Christo, trotz seiner Laufzeit fast schon nicht mehr wusste, wohin mit seiner Handlung, erhält Brady Corbet, der bereits Natalie Portman in Vox Lux als schwer fassbare Operrolle inszenierte, für sein Werk genug Raum, um sich auszudehnen und seine psychosoziale Nachkriegsstudie aufzublasen. Das tut er auch, er kleckert dabei nicht, sondern klotzt im wahrsten Sinne des Wortes. Der Baugrund ist enorm, man blickt in alle Richtungen bis zum Horizont und noch weiter. Im Zentrum dieser Fläche soll das Einzelschicksal eines jüdischen Architektur-Genies errichtet werden, dass fast schon verloren wirkt und die Traumata des Konzentrationslagers, des Weltkriegs und der Flucht in sich trägt. Es werden diesem László Tóth ganz andere Betonblöcke in den Weg gelegt werden, nämlich jene des Neuanfangs, der Integration und der Selbstbehauptung. Was man dabei nicht vergessen darf: Es gibt auch noch Ehefrau Erzsébet und die rätselhafte, weil anfangs mutistische Nichte Zsófia, die Schwierigkeiten haben, auszureisen. Auf die beiden muss László jahrelang warten, währenddessen aber belohnt ihn das Schicksal in Gestalt eines wohlhabenden Unternehmers namens Harrison Lee van Buren, der seine Zeit braucht, um zu begreifen, welchen Nutzen der Jude für ihn haben kann – und diesen als Haus- und Hofarchitekt für ein Mega-Projekt nahe Philadelphia engagiert.

    Der Brutalismus selbst mag ein Architekturstil sein, der ab 1950 mit mehreren Ausrufezeichen hintendran darum bemüht war, im Stechschritt Richtung Moderne alles Gestrige hinter sich zu lassen. Dieses Gestrige war schließlich hässlich genug, also auf zu neuen Ufern. Ob es ein Stil war, der breitenwirksam Gefallen gefunden hat? Wohl eher weniger. Dafür aber hat diese Andersartigkeit mit Sicherheit fasziniert, kann man bei solchen Konstrukten – ähnlich wie bei Unfällen – einfach nicht mehr wegsehen. Dieses Gestrige hat die von Adrien Brody meisterhaft gespielte Figur schon in Europa versucht, hinter sich zu lassen, jetzt schleppt er die Innovation im Doppelpack mit einem zerrütteten Altleben in die neue Welt – in eine Gesellschaft, die längst nicht mehr das Land unbegrenzter Möglichkeiten verkörpert und jüdische Immigranten wie diesen da maximal duldet, sofern sie von Nutzen sind. Dieses toxische Kräftemessen zwischen Neuanfang und etabliertem Establishment rückt Corbet in den Mittelpunkt, braucht dafür Platz und den künstlerischen Willen, sowohl das epische Erzählkino eines Sergio Leone (Es war einmal in Amerika) oder Bernardo Bertolucci (1900 – Gewalt, Macht, Leidenschaft) stilistisch aufzugreifen als auch mit den Methoden weitestgehend unabhängiger Autorenfilmer bewährte Erzählstrukturen aufzubrechen.

    Beide Ansätze stehen sich im Weg. Monumental an Der Brutalist bleibt lediglich die Laufzeit, der Konflikt zwischen Brody und Guy Pearce, der meines Erachtens nach seiner diabolischen Rolle des übersättigten Machtmenschen nur schwer das nötige Charisma entlockt, ist so bruchstückhaft wie alle anderen szenischen Teile des Films. Anfangs gelingt Corbet noch ein dramaturgischer Aufbau, er bringt die Situation ins Rollen, die Thematik rund um Cousin Attila (Alessandro Nivola) gestaltet sich vielversprechend und deutlich interessanter, doch Nivola verschwindet von der Bildfläche viel zu früh, während Felicity Jones viel zu spät auf der Bildfläche erscheint – auch sie stets bemüht, ihrer Rolle Würde, Verletzlichkeit und Inbrunst zu verleihen. Das Timing des Erscheinens und Abtretens so manchen Charakters lässt immer wieder eine Leere zurück, die Brody auffüllen muss, daher wirken viele Szenen wie Bauelemente auf einem Grundstück, die schon mal da sind, aber noch nicht verarbeitet werden können. Dazwischen wortlastige Dialoge ohne driftigem Mehrwert, sie treiben den Film in die satte Überlänge, ohne Notwendigkeit.

    Selbst epische Filme so wie wir sie kennen haben eine gewisse dramaturgische Topographie, doch Der Brutalist lässt diese tiefen Täler und reizvollen Höhepunkte vermissen. Auch will er alles Mögliche in sein Werk hineinpacken, darunter nicht unwesentlich Lászlós Drogensucht. So gesehen wird Der Brutalist immer mehr zum Drogendrama und schwächelt dabei als Künstlerdrama mit Migrationshintergrund. Schon klar, das eine kann nicht ohne dem anderen, doch unterm Strich möchte Der Brutalist sein Publikum nicht abholen, sondern will erarbeitet werden. Der Oscar-Favorit ist somit ein sperriges, klobiges Baustellenkino, unfertig und lückenhaft, ein hartes Stück Arbeit, kein einfaches Werk – und nein, das soll es auch gar nicht sein. Doch die Wahrscheinlichkeit, letztlich irgendwann nicht mehr an dieser „Oper im Dschungel“ mitkonstruieren zu wollen wie seinerzeit Fitzcarraldo, ist dementsprechend hoch. Dabei von „nahezu unendlicher Schönheit“ zu schwärmen – dafür fehlt mir die Sichtweise und auch die Vorstellungskraft. Der Brutalist ist manchesmal, und vorallem in der Wahl seines Scores, gewaltig und großformatig, lässt Adrien Brody vor Kraft nur so strotzen, gilt aber wahrlich nicht als schön, genauso wenig wie der Baustil selbst.


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    03.02.2025
    17:24 Uhr
  • Bewertung

    Das nächste große Epos?

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Es gibt Filme, von denen behauptet man, sie würden heute gar nicht mehr produziert werden. Die kein Hollywoodstudio, der Angst vor fehlender Vermarktbarkeit geschuldet, überhaupt erst anfassen würde. „They don’t make them like they used to.“ „The Brutalist“ von Brady Corbet (u.a.: „Vox Lux“) ist ein solcher Film: ein dreieinhalbstündiges, Jahrzehnte umspannendes Epos über Wunschvorstellung und Wirklichkeit des amerikanischen Traums, festgehalten in schnörkelloser Analogfotografie, umrahmt von einer Ouvertüre und einer 20-minütigen Intermission zur Halbzeit. Vergleichen mit „Der Pate“ oder „Es war einmal in Amerika“, den üppigen amerikanischen Epen der Siebziger, nicht scheuend. Ist das Größenwahn oder genuine Liebe zum Kino? So ganz wird man nach einer Erstsichtung des Films nicht schlau, fordert der Film in all seiner Detailverliebtheit ja geradezu wieder – und wieder entdeckt zu werden. Bemerkenswert ist das allemal.

    Ein architektonischer Traum in glanzvollem 70mm

    Bei der Weltpremiere in Venedig ratterten vergangene Woche die analogen Projektoren. Ganz altmodisch hat Corbet mit dem VistaVision-Produktionsformat gearbeitet; das dabei entstandene 35mm-Material wurde nachträglich auf 70-Millimeter-Film gepresst. In Venedig huldigte man den Vorführer als heimlichen Star der Vorstellung, war die Arbeit nach fast vier Stunden vollbracht, gab es erstmals tosenden Applaus aus dem Publikum – verdienterweise. Dass allerdings nur die wenigsten den Film in dieser analogen Bildgewalt bestaunen werden dürfen, kreiert einen fahlen Beigeschmack. Denn: rein technisch kann „The Brutalist“ seine übergroßen Versprechen halten. Wie Corbet und sein Team, das Projekt war sechs Jahre lang in der Produktionshölle, das Amerika der Nachkriegszeit wiederauferstehen lassen, ist prachtvoll mit anzusehen. So formvollendet, ambitioniert und megalomanisch wie die Architektur unseres Protagonisten. Dieser wirkt wie aus dem Leben gegriffen, beim Schauen meint man, die Biografie eines real existierenden Menschen zu erleben. Einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, die von Geschichtsbüchern hintergangen wurde. Dabei hat László Tóth, dessen Lebenswerk ausschweifend nachgezeichnet wird, nie existiert.

    Die perfekte Illusion?

    Als Tóth (Adrien Brody), Holocaustüberlebender ungarischer Herkunft, nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die USA emigriert, kann er sein Glück kaum fassen. Der gewiefte Architekt, der lange in Armut verweilen musste, darf endlich wieder seiner großen Liebe nachgehen. Ein Unternehmer aus wohlhabendem Familiengeschlecht (Guy Pearce) würde zu seinem wichtigsten Klienten werden: der privaten Bücherei soll ein moderner Neuanstrich verpasst werden. Alles scheint wunderbar zu verlaufen, ein paar Jährchen später reisen auch Ehefrau Erzsébet (Felicity Jones) und die verwaiste Nichte Zsófia (Raffy Cassidy) nach ins Land der schier unbegrenzten Möglichkeiten. Im Streben nach bautechnischer Perfektion übersieht man ominöse Warnsignale: antisemitische Ressentiments, eine Arbeitsweise, die auf maximalen Gewinn zielt und das einzelne Individuum nicht berücksichtigt. Toth, ein Mann, der dem Faschismus entflohen war, findet sich auf einmal im Todeskreislauf des Kapitalismus wieder und flüchtet sich in die Sucht. Dem Schlaraffenland des American Dream wird schrittweise der Wind aus den Segeln genommen, das geschieht erschreckend und brachial. Diese bedauerliche Progression lässt einen nicht kalt, trägt Oscarpreisträger Adrien Brody („Der Pianist“) den Spagat zwischen kindlicher Wissbegierde und herzzermürbender Erkenntnis mit sensationellem Feingefühl. Das (Schauspiel-)Duell, das sich Brody und Pearces Van Buren, dessen fragliche Moral mehr und mehr zum Vorschein kommt, liefern, ist furios. Ein Mammutwerk von solch einer Opulenz und Schönheit verlangt jedoch ordentlich Sitzfleisch ab. Da kommt es wenig gelegen, dass im Mittelteil zunehmend melodramatische Abzweigungen genommen werden, das Tempo, so dynamisch der Schnitt sein mag, gelegentlich zu Halt kommt. Ob „The Brutalist“ dem Kanon der amerikanischen Meisterwerke gewachsen ist, der erst 36-jährige Brady Corbet sich derzeit auf der Höhe seines Schaffens befindet, wird sich noch zeigen müssen. Dass nicht mehr schiefgelaufen ist, grenzt, angesichts der hochgesteckten Ambitionen, aber an ein Wunder. Und die passieren im kontemporären Ami-Kino nun wirklich nicht alle Tage.
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    11.09.2024
    11:40 Uhr