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    Man muss ein Schwein sein in dieser Welt

    Ebenezer Scrooge hatte immerhin noch den Anstand, seine Abneigung vor den Menschen zuzugeben. Der Misanthrop wird eines Besseren belehrt werden, und zwar von drei Geistern, die Scrooge dazu bringen, über sein Tun zu reflektieren. Diese weisen Wesen wünscht man sich sehnlichst angesichts eines Wahltriumphes, der sich wie Realsatire anfühlt und von welchem man am liebsten glauben möchte, dass alles wäre nur ein sehr verspäteter Aprilscherz. Angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte folgt die Ernüchterung auf dem Fuß, denn so viel Fantasie lässt sich maximal bei den Simpsons als bizarre Zukunftsvision erleben. Tatsächlich aber ist der Mensch ein wahnsinnig leicht manipulierbares Herdentier, welches sich wie Wollvieh gerne in ein Geviert sperren lässt, damit man ihm das Blaue vom Himmel lügen kann. Passt die Verarsche schließlich in die eigene Convenience-Blase, sind alle glücklich.

    Um so eine Vorgehensweise als Politiker an den Tag zu legen, muss einer wie Donald Trump damit kein Problem haben, wider besseren Wissens falsche Fakten zu verbreiten. Und das nur, um Macht zu gewinnen oder besser gesagt: diese zu erhalten. Denn gewonnen hat dieser alte weiße Mann schon alles. Dass den Niederträchtigen die Welt gehört, war schon immer so. Man muss ein Schwein sein in der Gesellschaft, man darf sich nichts gefallen lassen. Und man muss mit unlauteren, illegalen Mitteln arbeiten, um auf schnellstem Wege das zu bekommen, was man will. Rechtschaffenheit ist dabei ein Fremdwort, das in Ali Abbasis The Apprentice (bezugnehmend auf Trumps ehemals eigene Casting-Show) ein einziges mal fällt. Rechtschaffenheit, Werte, Aufrichtigkeit. Dabei hat Donald Trump im alles verschluckenden Schatten seines Vaters Fred den Eifer eines gewissenhaften Wirtschafters vor sich hergetragen. Von Tür zu Tür ist er gegangen, um die Mieten der familieneigenen Immobilien zu kassieren. Doch für etwas Besseres hat sich der Blondschopf schon immer gehalten. Und landete so in elitären Clubs für ausgewähltes Klientel. Einer dieser Stammgäste war Roy Cohn. Des Teufels Advokat oder der Teufel als Advokat – wie man es nimmt. Der solariumgebräunte Tunichtgut, der mit Sicherheit als Vorbild für den Breaking Bad-Alleskönner Saul Goodman hergehalten hat, findet in Trump einen Schüler, den er zur mächtigen und unerschütterlichen Nemesis für das liberale Amerika formen kann.

    Überraschenderweise verhält es sich bei The Apprentice so, dass Ali Abbasi (u. a. Border, Holy Spider) gar nicht vor hat, ein propagandistisches Schmähwerk zu errichten, angespornt durch linke Lager. Sein Donald Trump ist keine Parodie, keine Monstrosität, kein plakativer Finsterling. Seinem Weltmann begegnet der Film ohne Vorbehalte, vertraulich und offen genug, sich auch manchmal vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine finstere Farce ist das biographische Drama auch nicht, vielleicht eher eine Parabel, ein moralisches Gleichnis und eine kritische Abhandlung toxischer Methoden und Lehrsätze, die Verheerendes anrichten können. Mit Sebastian Stan und Jeremy Strong hat Abbasi ein ausgesucht ambivalentes Duo gefunden, das zur Gänze hinter ihren biographischen Figuren verschwindet. Stan ist im Übrigen kaum mehr wiederzuerkennen. Auch er will seinen zu spielenden Charakter nicht durch den Dreck ziehen. Er will ihn läutern, indem er die Wandlung vom nichtsahnenden Greenhorn zum ausgefuchsten Lügenbaron mit dem Riesenego an chronologischen Eckpunkten festmacht. Die Entwicklung stimmt, stolpert nur am Ende über sich selbst oder will gar zu sehr die Korrumpierung eines Charakters in deftigen Verhaltensabnormen seinem Publikum noch einprägsamer vor Augen führen als notwendig. Ja schon gut, wir erkennen ohnehin, welche Richtung Trump letztlich einschlagen wird. Da bleibt Cohn als schmächtige Schreckensgestalt noch die unberechenbarere Bedrohung. Der Dynamik von Meister und Schüler aber folgend, wird letzterer sein Vorbild irgendwann stürzen.

    Alles bekämpfen, nur nichts zugeben, und stets gewinnen, auch wenn alles verloren scheint: Die Dreifaltigkeit des Machtkalküls dringt der Trump’schen Figur aus jeder Pore. Mit zunehmender Verkommenheit leidet auch die Bildqualität von Abbasis Versuchsanordnung, und das selbstverständlich absichtlich. Diese manchmal beängstigende Biografie macht einerseits Lust, sich mit der neu gewonnenen Ordnung in Übersee auseinanderzusetzen, andererseits weckt der beklemmende Werdegang den Widerstand, eine Welt wie diese unter dem Befehl eines Mannes wie diesen als gegeben zu akzeptieren. Zumindest zu diesem Werk hätte Trump ausnahmsweise mal stehen können. Womöglich schmeichelt es ihm mehr als uns lieb ist.


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    16.11.2024
    18:30 Uhr
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    Der Lehrling

    Ein sehr detailliertes Biopic des amerikanischen Präsidenten. Die Visagisten haben perfekte Arbeit geleistet, um Sebastian Stan aussehen zu lassen wie der letzte Wahlgewinner der USA. Und der in Dänemark lebende iranische Regisseur Ali Abbasi hat ihm dazu ein lebensnahes Drehbuch auf den Leib geschrieben.
    Trumps Familie: Eltern und Brüder kommen ebenso zu Wort wie seine Ehefrauen: Mutter ist clever, verhätschelt ihn aber, Vater ist streng, ein windiges Subjekt, bald schon dement. Ehefrau Ivana (Marija Bakalowa) versucht ihren Mann abzukochen.
    Roy Cohn (Jeremy Strong) der wichtigste Ratgeber, der den ‘Typ Trump‘ menschlich und geschäftlich maßgeblich formte. Falls der Titel des Originals eine Bedeutung hat, dann die, dass Trump bei ihm quasi eine Lehre als Makler gemacht hat. Sein Rat: 1. Angreifen, angreifen, angreifen (…)2. Nichts zugeben, alles leugnen (…) 3. Egal, was passiert, du beanspruchst den Sieg und gibst niemals eine Niederlage zu. Du musst bereit sein, jedem alles anzutun, um zu gewinnen. Andy Warhol kommt nur am Rande vor. Positive und negative Einflussnahmen aus seinem sozialen Umfeld haben etwa gleichberechtigt ihren Anteil an der Persönlichkeit des Gejagten, wobei die negativen Kriterien die Nase vorn haben. Man kann den Typ mögen wie der nackte Arsch den Kaktus. So eindrucksvoll kommt das ganze Spektakel rüber.
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    12.11.2024
    12:27 Uhr
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    Clevere, aber oberflächliche Studie über Frankensteins Polit-Kreatur

    Donald Trump entkommt man nicht. Nicht einmal im Kino, wobei das für Filmfans nicht ganz so schlimm ist. Regisseur Ali Abbasi („Border“, „Holy Spider“) widmet sich dem jungen Immobilienhai, der seinen Platz erst finden muss, weit vor seiner Präsidentschaft und dem nächsten Versuch, das höchste Amt in den USA zu gewinnen. Dass „The Apprentice“ so knapp vor Wahlen 2024 veröffentlicht wurde, scheint ihm nicht zu schmecken. Seine Kritik, ohne den Film gesehen zu haben, ist definitiv Werbung dafür, macht noch neugieriger. Und entlarvt mögliche Beweggründe der Filmemacher.

    Ein übergroßer Vater
    Ob beim Dinner im Hause Trump oder unter vier Augen: Der junge Donald (Sebastian Stan, blond, ‚verjüngt‘ und mit Pausbacken) kann es seinem Vater nicht recht machen. Über jeden Schritt will Papa informiert werden und traut seinem Sohnemann in Wahrheit nichts zu. Dabei ist Donald nicht das einzige Opfer. Der große Bruder ist für Trump Senior ebenso eine Enttäuschung. Eine dysfunktionale Familie, in der ständiger Druck herrscht.

    Drohender Ruin und eine Begegnung des Schicksals
    Ein drohendes Verfahren gegen die Trumps lässt ein Damoklesschwert über der Familie schweben. Zum Glück lässt sich der Sohnemann von Geld und teuren Etablissements blenden, will einer von den Oberen Zehntausend sein. Dort trifft er auf den gewieften Anwalt Roy Cohn (aalglatt und beängstigend eiskalt: Jeremy Strong). Der ist fasziniert von dem etwas unsicheren Jungen mit dem goldenen Haar. Der ließe sich formen. Er bietet sich als Anwalt an. Das Experiment, wie man aus einem Versager einen Sieger machen kann, beginnt.

    Der Herr und Meister
    Roy, von seinem eigenen Erfolg besessen, bestärkt seine Kreatur Donald in seinen Träumen vom Luxushotel und allen anderen Plänen. Zudem weiß Cohn, wie er mit Politiker*innen und Richter*innen verfahren muss, um zu den Siegern zu gehören. Und das will Trump um jeden Preis. Donald ist fasziniert und hängt an den Lippen des Meisters. Eine enge Verbindung entsteht, von der beide profitieren sollen.

    Spiel mit Fakt und Fiktion
    Abbasi verwendet bekannte Stationen auf Trumps Weg: das erste Luxushotel, die erste Ehefrau Ivana und den Trump Tower etwa. Das wird allerdings mehr abgearbeitet, um das Publikum daran zu erinnern, dass diese Ereignisse in der Realität geschehen sind, einen biografisch-faktischen Rahmen bilden. Der Film rückt die Beziehung zwischen Schüler und Meister in den Vordergrund. Er zeichnet nach, wie die Regeln des Erfolgs von Roy Cohn bei Donald in Fleisch und Blut übergehen. Er sich vom Loser zum kalten Siegertypen entwickelt und dabei zwar Unsicherheiten, aber auch positive Emotionen ablegt. Vergleiche zu Trump aus der Gegenwart liegen nahe. Auch sein sexuell-aggressives Verhalten wird mit der häuslichen Vergewaltigung thematisiert. Abbasi lässt nichts aus, was den bösen Donald ins Bild rückt. „The Apprentice“ bietet eine mögliche Erklärung für Trumps Persönlichkeit, seine Eskapaden und seine Manierismen, ein Spiel zwischen Fakt und Fiktion. Spekulativ, teilweise plakativ. Mit Ausnahme der zunehmenden Verflachung der Geschichte handwerklich gut gemacht. Ausstattung, Make-up und Musik unterstützen, versetzen in die Zeit. Und sorgen für das eine oder andere Schmunzeln.

    Fast schon unheimliches Duett
    Sebastian Stan darf in „The Apprentice“ nicht den Schönling geben. Eigentlich eher das Gegenteil: Er spielt einen mäßig attraktiven, unsicheren Mann mit dem Zwang, seine Frisur zu überprüfen. Oder einen Schmollmund zu ziehen – Donald Trump 2024 (und früher) lässt grüßen. Mit dem Erfolg und der Rückendeckung des Meisters wird Trump zum Siegertypen. Wenn nicht sein Bäuchlein und Haarausfall wären. Stan trifft die Töne von Selbstsicherheit und Unsicherheit. Jeremy Strong, sonst eher in der zweiten Reihe zu finden, steht ihm als Anwalt, der über Leichen geht, in nichts nach. Man nimmt ihm in jeder Sekunde ab, dass er an seine skrupellosen Regeln von Manipulation und Lügen glaubt und nach ihnen lebt. Als Gegner möchte man ihn nicht haben. Gegen Ende darf er eine andere Seite zeigen, gezeichnet von Krankheit. Ebenso faszinierend.

    Unterhaltsam, pointiert und vielleicht doch zu spekulativ und flach
    Abbasis „The Apprentice“ unterhält zu Beginn mit bissigen, entlarvenden Dialogen, lässt Anwalt Cohn Sprüche klopfen, die seine Kreatur aufsaugt. Viel kalkulierte Schärfe ergibt sich durch Anspielungen auf die Gegenwart. Das erweitert das Spannungsfeld zwischen Fakt und Fiktion. Ohne den Kontext würde wohl so manche Pointe nicht zünden, einige Seitenhiebe sind nicht gerade subtil. Spannung ergibt sich weniger durch Hindernisse oder Konflikte, noch weniger, wenn man in etwa weiß, was in Donald Trumps Leben passiert. Ab dem ersten großen Erfolg verflacht die Geschichte zusehends, bringt nichts mehr Neues. Abbasis Film setzt ausschließlich auf das Zusammenspiel zwischen dem skrupellosen Advokaten-Frankenstein und seiner Kreatur. Da mag viel Spekulation dahinterstecken und/oder dramatische Überzeichnung. Wohl ebenso Kalkül, dass die berühmte Persönlichkeit Menschen ins Kino lockt, die mehr von der Erschaffung der Kreatur Donald Trump erfahren wollen. Oder das Publikum davon zu überzeugen, dass es sich in etwa so zugetragen hat. Das kann man gut finden oder nicht. Das Konzept einer satirischen Persönlichkeitsstudie geht aber zum Großteil auf, nicht zuletzt dank der charismatischen Hauptdarsteller.
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    19.10.2024
    09:53 Uhr
  • Bewertung

    Schales Biopic, im „preaching to the converted“-Stil

    Exklusiv für Uncut
    Das Genre Biopic an sich ist voll von Fallstricken. Die tradierte Erzählweise einer klassischen Heldenreise ist oft ganz nett anzusehen, aber genauso oft auch recht konventionell und wenig überraschend inszeniert, Stichwort von der Wiege bis zur Bahre. Die Versuche, andere Wege zu gehen und nur gewisse Episoden eines Lebens zu erzählen, führen manchmal zu interessanten, oft aber auch zu etwas anstrengenden Kopfgeburten.

    Regisseur Ali Abbasi hat sich nun noch einer zusätzliche Herausforderung gestellt: Einen Menschen zu porträtieren nämlich, der nicht nur noch am Leben ist, sondern auch gerade dabei, den US-Präsidentschaftswahlkampf zu bestreiten. Abbasi stellt dem Film einen Hinweis voran, der besagt, dass die Geschichte auf realen Begebenheiten beruht, aber auch dramatisiert-überspitzt wurde. Ein Hinweis, der wohl immunisierend wirken soll.

    „The Apprentice“ fängt vielversprechend und durchaus überzeugend an. Im typischen 70-Jahre Look gefilmt, inklusive grobkörnigen Kamerabildern, lernen wie einen gewissen, noch weitgehend unbekannten, Donald Trump (beflissen: Sebastian Stan) kennen, der seinerseits einen gewissen Roy Cohn (Jeremy Strong) kennenlernt. Cohn ist ein bereits etablierter, aber auch hoch kontroversieller Anwalt, der unter anderem für die Hinrichtung des Ehepaares Rosenberg wegen Spionage für die Sowjetunion verantwortlich ist. Cohn wird als knallhart und eiskalt, faszinierend diabolisch von Strong dargestellt; man kann sich seinem toxischem Charisma kaum entziehen. Der junge Trump dagegen ist zwar enorm machtaffin, aber noch recht unsicher, zuweilen fast bemitleidenswert ungeschickt. Er engagiert Cohn zuerst als Berater, im Laufe der Zeit entwickelt sich so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung. Cohn legt einen Grundstein zu Trumps späterem Erfolg.

    Das Zauberlehrling- und Frankenstein-Motiv wird hier anfangs wie gesagt durchaus mitreißend inszeniert, wir erfahren auch näheres zu Trumps Familienstruktur, vor allem zu seinem kritischen Vater, an dessen Leistungsethos Trumps Bruder Fred zerbrochen sein dürfte. Doch nach einer Stunde ändert sich der Charakter des Filmes. Es sind einige Jahre vergangen, Trump ist nun reich und bekannt, Roy Cohn rückt in den Hintergrund. Als Zuseher bekommt man das Gefühl, dass es Abbasi von nun an vor allem um die Demontage Trumps geht, indem er Szene an Szene reiht, die Trump unvorteilhaft bis monströs beschreiben. Wir sehen ihn im Kampf gegen Übergewicht und Haarausfall, kalt bis brutal gegenüber seiner damaligen Frau Ivana (amüsant-selbstbewusst: Marija Bakalowa), ohne menschliche Wärme oder Empathie. Die Vielschichtigkeit, um die sich Abbasi im ersten Teil zumindest bemühte, ist hier vollkommen abhandengekommen, was im Übrigen gleichermaßen auch für die Darstellung von Roy Cohn gilt.

    Dieser Zugang ist nicht unproblematisch, da Abbasi ja vorgibt, ein Porträt von realen Personen zu gestalten und damit in gewisser Weise auch Politik zu machen. Sein Protagonist wird aber offensichtlich aus einem ganz bestimmten Blickwinkel mit einer gewissen Zielsetzung betrachtet, damit wird die Darstellung gleichermaßen reißerisch wie beliebig. Auch auf rein narrativer Ebene funktioniert der harte Bruch zwischen dem ersten und zweiten Teil des Filmes kaum. Als Zuseher fühlt man sich zunehmend indifferent ob der nun vorherrschenden Oberflächlichkeit und den fehlenden Erklärungen. Am Ende wird man eher ratlos mit der Frage zurückgelassen, welche tatsächlich neuen Erkenntnisse man über den Mensch Donald Trump nun wirklich gewonnen hat.

    Im Grunde bleibt der etwas fade Beigeschmack einer persönlichen Abrechnung des Regisseurs mit der öffentlichen Figur Donald Trump, von denen es ohnehin aktuell sehr viele gibt und denen Abbasi keine neuen Facetten oder Einsichten hinzuzufügen vermag.
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    15.10.2024
    09:12 Uhr