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    La Boum als Sozialkrimi

    Sie sind jung, sie sind verliebt. Am Anfang dieser angeblich wilden Love-Story scheint sich tatsächlich etwas Welt- und Herzbewegendes abzuspielen. Die junge Mallory Wanecque, die, um es gleich vorwegzunehmen, Adèle Exarchopoulos in pflichterfüllender Routine zurücklässt, spielt die blutjunge, resolute Jackie – nicht auf den Mund gefallen, schlagfertig und selbstbewusst. Doch wo die Liebe hinfällt, wird auch ein Charakter wie dieser weich. Kein Wunder, wenn man Malik Frikah als Taugenichts Clotaire in die Augen sieht. Dieser verführerische Blick, dieses ebenfalls lose Mundwerk, und diese Frechheit, jemanden wie Jackie herauszufordern. Da tut sich einiges in der Welt der französischen, zuckersüßen, aber nicht ganz abgehobenen Romanze. Hier sind Liebe, Interesse und Zuneigung im Spiel. Was sich aber liebt, neckt sich zuerst. Und würde man dazu noch Richard Sandersons Reality hören, würde man sich in einem späten Aufguss des La Boum-Wahnsinns aus den Achtzigern wähnen. Der jungen Sophie Marceau hätte die Rolle der Jackie übrigens gut gestanden, als Love Interest habe ich Alexander Sterling aus dem Teenie-Schmuse-Original gerade nicht im Kopf. Vielleicht hätte es ein junger Vincent Cassel getan, wer weiß. Doch Frikah gibt den anarchischen Wilden mit dem Herzen am rechten Fleck überaus charismatisch.

    Es bahnt sich also einiges an, und statt Reality tönt The Cure in den Kinosaal, während sich die jungen Verliebten in reminiszierender Flashdance-Optik körperbetonten Ausdruckstanz zelebrieren. Es könnte sein, dass Schauspieler und Regisseur Gilles Lellouche (u. a. Ein Becken voller Männer) aus der knospenden Schicksalsabhängigkeit einen wildromantischen Wild at Heart-Reigen hinlegt, nur ohne David Lynch-Vibes, dafür viel mehr in Richtung Oliver Stone. Doch nichts davon passiert. Clotaire, der draufgängerische Junge, unsterblich verknallt, liebt das krumme Business aber noch mehr. Dort trifft er auf Benoît Poelvoorde als plakativem Gangsterboss-Verschnitt, der warum auch immer an dem Hitzkopf einen Narren frisst, und zwar so lange, bis er ihn verrät und ins Gefängnis bringt. Jackie, aus gutem Hause und Halbwaise, die aber stets gelehrt bekam, welche Werte wie und wo ihren Platz haben, scheint rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, um aus großer Liebe nichts Dummes zu tun. Das Dumme ist aber genau das, was wir sehen wollen. Das Dumme ist Symptom einer Leidenschaft und Liebe, die, wie bei Shakespeare, alle Grenzen sprengt. Bei Beating Hearts bleiben die Grenzen aber gesteckt. Ungefähr nach dem ersten Drittel des Films geht jeder seiner Wege, die Liebe scheint erloschen oder in einer Stasis konserviert. Lellouche verliert seinen Film, warum auch immer. Wo ist sie hin, diese zärtliche Verschwörung auf Lebenszeit? Nach sämtlichem Romantikkitsch vor unter- oder aufgehender Sonne, nach der ersten Liebe in den Gräsern französischer Küstenlandschaften. Nach pochenden Herzen und melodramatischem Herzgeflüster wird diese Everlasting Love zum krächzenden Stimmchen, zur pragmatischen Wende hin zu Schicksalen, die sich untereinander nichts mehr zu sagen haben.

    13 Cesar-Nominierungen hat Beating Hearts erhalten – ein Tophit in Frankreich. Einer dieser Preise wird wohl für die satte Überlänge eingeplant worden sein. Mit 164 Minuten strapaziert der Film nicht nur die nostalgischen Erinnerungen an La Boum und an die eigene Liebe. Der Leerlauf in der zweiten Hälfte ist unüberbrückbar, die Metaebene der Emotionen wird zur Behauptung, die Adèle Exarchopoulos und François Civil zwar aufstellen, aber nicht spüren. War da jemals was? Ist da immer noch was? Beide schenken dem Publikum keine Überzeugung. Das umständliche Skript, das den Mythos vom Verlieren und Wiederfinden einfangen will und an welchem wiedermal mehrere Leute herumgewerkelt haben (was, wie schon öfters von mir erwähnt, kein gutes Zeichen sein kann), verliert sich in einer To-do-Liste bewährter Versatzstücke aus dem Romantik- und Thrillergenre. Die Bilder mögen für sich sprechen und manchmal wirklich betören – die Liebe selbst tut das nicht.



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    07.04.2025
    18:02 Uhr
  • Bewertung

    Ein erhöhter Herzschlag ist Programm

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2024
    Eine Massenschießerei in den ersten Minuten macht den Anfang, fortgeführt von einer der schönsten Romanzen der letzten Jahre. Am Ende hat es sich auch auf das Publikum übertragen, wie es ein paar Minuten Massenbeifall auf dem diesjährigen Filmfestival von Cannes bezeugen. Und das, obwohl auch „Beating Hearts“ vom großen roten N vertrieben wird - und Cannes da gern allergisch darauf reagiert. Das Drama, welches sich immer mal als Musikvideo anfühlt (und das ist positiv gemeint, da bildliche Ästhetik und Musik hervorragend zusammenkommen) hat jedoch das Herz am rechten Fleck.

    Darum geht’s: Jackie (Mallory Wanecque) zieht mit ihrem Vater in eine neue Stadt und trifft schon am ersten Tag auf den Rebell Clotaire (Malik Frikah), der für seine destruktive Ader bekannt ist. Nachdem ihre Blicke aufeinandertreffen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich beide näherkommen. Eines Tages wird Clotaire in einen Mordfall involviert und landet daraufhin im Gefängnis. Zwölf Jahre später begibt sich der erwachsene Clotaire (François Civil) auf die Suche nach Jackie (Adèle Exarchopoulos) und will ein neues Leben beginnen.

    Fast schon zu klassisch hört sich diese Synopsis an und schnell werden Erinnerungen an andere Filme wach. Zuvorderst kommen ältere Klassiker wie „Goodfellas“ oder „In den Straßen der Bronx“ in den Sinn, bei denen sich offensichtliche Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Die Grundstationen sind dabei schnell umrissen: Ein kleiner Junge wird Opfer seines Umfelds, es folgt daraufhin die Phase der Buße und letztlich die Auferstehung. Nicht selten steht gegen Ende hin die gleiche Frage im Raum: Schafft der Protagonist es aus dem destruktiven System heraus und wird eine bessere Version von sich selbst oder unterliegt er dem Fatalismus?

    Auffällig ist, wie „Beating Hearts“ die Lücken zwischen diesen Stationen füllt. Wärme und Kälte sind hierbei von zentraler Bedeutung: Während zu Beginn die Farbgestaltung noch maximal warm ausfällt, gibt es einen sukzessiven Übergang zu einer dunklen Stilistik. Gleichermaßen wird auch der Soundtrack davon bestimmt. The Cure-Fans können sich hierbei besonders freuen, da vereinzelte Szenen im ersten Drittel passende Songs bereithalten, mit denen eine betörende Atmosphäre festgehalten wird. Ein Vergleich ist wohl angebracht, um euch dies genauer zu veranschaulichen. „Boyhood“, welcher am Rande angemerkt vor einem Jahrzehnt das Licht der Welt erblickte (feel old yet?), endet mit einer Szene, die mich immer wieder in den Bann zieht.

    Während der Protagonist seiner Zukunft entgegenfährt, ertönt „Hero“ von Family of the Year. Viel könnte man jetzt dazu schreiben, warum dies eine ergreifende Szene ist, doch lasst mich nur eines sagen: In „Beating Hearts“ kreiert Regisseur Gilles Lellouche nicht minder beeindruckende Filmmomente.

    Dass der Film aber nicht nur aus Romanze und schönen Bildern besteht, muss jedoch unbedingt dazugesagt werden. Mitunter spritzt das Blut, Figuren werden malträtiert und all das Schöne, was vorausging, wird metaphorisch gesprochen mit einem Baseballschläger bearbeitet. Das tut natürlich im ersten Moment erstmal weh, gerade wenn man sich in diese tolle warme Filmmagie hineinflüchtet. Wie es mit dem Protagonisten ausgeht, sei nicht verraten, stattdessen möchte ich mit einem Zitat enden, welches ich zwischen den Zeilen von „Beating Hearts“ ausmachen konnte: Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang.
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    25.05.2024
    23:54 Uhr