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    Die vollkommene Dekonstruktion der menschlichen Physis

    Das wirklich Gruseligste an Lee Cronins Wiederbelebung von Sam Raimis bitterbösem Dämonenspuk ist nicht etwa das schauerliche Grinsen der von eben jenen transdimensionalen Destruktoren heimgesuchten und zweckentfremdeten Alyssa Sutherland, obwohl den Make Up-Künstlern hiermit eine Sternstunde ihrer Arbeit gelingt.

    Wann das Grauen das limbische System kitzelt

    Schon gar nicht sind das Gruseligste all die tödlichen Wunden, die einem ganzen Stockwerk an Hausparteien nacheinander zugefügt werden. Das Gruseligste wohnt einer Schallplatte unbekannten Titels inne, welche die Stimme eines Priesters aus dem Jahre 1923 ertönen lässt – und auch dann nur verständlich ist, wenn man mit dem Finger die Geschwindigkeit der sich drehenden Scheibe dementsprechend reguliert – wie ein Okkult-DJ, den die Neugier packt.

    Diese Stimme, die Countenance bewahren muss, um der Nachwelt Bericht zu erstatten, die am Ende der dritten Pressung mit dem Nerven am Ende scheint und zugeben muss, das nichts, aber auch gar nichts das Böse wieder in seine Schranken weisen kann – bei diesem „Found Footage“ kann es zarteren Gemütern schon anders werden. Aber auch Gemütern, die längst nichts mehr dabei empfinden, wenn der Gorehound zubeisst, deren limbisches System aber die Angst kitzelt dank einer undeutbaren, unbekannten, seltsamen Bedrohlichkeit, die im Kontext antiquarischer Überbleibsel in blutdrucktreibender Gothic-Manier für angenehm-unangenehme Schauer sorgen, gefüttert und verstärkt durch Erinnerungen womöglich aus der Kindheit.

    Nimm dir doch ein Buch!

    Mit dieser Art und Weise des Umgangs mit den „Bösen Toten“, die noch dazu im Menschenhaut-Almanach des Necronomicon in feinsten, mit Rötelstift ausgearbeiteten Illustrationen zum begehrten Sammlerobjekt werden, will sich Lee Cronin (Lee Cronin’s The Mummy) aber nicht länger aufhalten. Obwohl gerade dieser Aspekt das Interessanteste gewesen wäre.

    Doch ergründen wollte Sam Raimi seine chaosstiftenden Entitäten aus der Höllendimension schon damals nicht. Buch und Beschwörung reichen zu genau jenem Zweck, diesen ganz speziellen und unzimperlich-deftigen Horror-Workshop zu eröffnen, für den Fingerspitzengefühl ein Fremdwort ist und wo das Eingemachte, an das es gehen soll, zum launig vertilgbaren Überschuss wird.

    Das Böse kommt in die Stadt

    Von der „Cabin in the Woods“, dessen vermeintliches Geheimnis Drew Goddard in seiner satirischen Hommage desselben Titels ans Licht brachte, reist dasschreckensgeeichte Publikum einen Tag zurück in urbane Gefilde, in ein heruntergekommenes Mietshaus in Los Angeles, in dem Ellie (furchteinflößend: Alyssa Sutherland) mit ihren drei Kindern lebt, und die auch an diesem alles verändernden Abend Besuch von ihrer im Chaos dahinlebenden Schwester Beth bekommt.

    Anscheinend muss das Böse erst an die Tür klopfen, damit einem selbst die eigenen Qualitäten bewusst werden. Beth nimmt also die Rolle des Kettensägen schwingenden Ash ein – damals Bruce Campbell: mit strahlendem Intellekt, der nötigen Portion Überlebenswillen und gutem Magen.

    Die neue „Ash“?

    Zu viel um die eigene Familie trauern darf man dabei nicht, das Leben – oder Überleben – geht weiter. Und so erwehrt sich Lily Sullivan, die absolut das Zeug dafür hat, in diesem Franchise immer wieder mal als Heroine aufzutauchen, die weiß, wo es langgeht, der ungebändigten Lust am Vernichten, die von ungesund aussehenden, ehemals Vertrauten ausgeht.

    Zeter und Mordio

    Dabei wird Evil Dead Rise nach ungefähr einer halben Stunde zum munter drauflos metzelnden, ausgeprägt mechanischen Kraftakt, der die Physis menschlicher Körper bis zur Vollkommenheit kaputtmacht. Ein Film also, der die Zerstörung feiert, die Häme und den ganzen Shitstorm, der in den Sozialen Medien immerwährend wütet, der aber diesmal über die Lippen von Leuten kommt, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte, das sie so etwas sagen würden.

    Cronin weiß – er darf beim „Tanz der Teufel“ nur nicht zipoenters The Thing genauso inspirieren wie von Stanley Kubricks Shining, dazwischen isoliert er seinen monströsen Schauplatz wie in Stirb Langsam von der Außenwelt.

    Zwischen den Zahnrädern

    Evil Dead Rise macht vorallem technisch vieles richtig, doch was der Reißer nicht schafft, ist, Emotionen zu erzeugen. Als liefe Chaplin in Modern Times Gefahr, zwischen den Zahnrädern einer monströsen Maschine zermalmt zu werden, muss Lily Sullivan und jene, die es zumindest bis zur Halbzeit des Films geschafft haben, nicht besessen zu werden, zusehen, dass ihnen dieses Schicksal ebenfalls nicht blüht.

    Krawall-Horror ohne Zwischentöne

    Alle anderen werden verwurstet, in apokalyptischen Bildern, die den Nihilismus eines H. P. Lovecraft atmen, ihre Wirkung zwar nicht verfehlen, aber das bleiben, was sie sind: Eine entfesselte Wut-Orgie, in sprudelnd-schäumendes Rot getaucht, mit kreativen Ideen, die aber mit Suspense wenig anfangen kann, dafür aber kurios genug ist, um Zwischentöne gar nicht erst zu vermissen.

    Evil Dead Rise ist Krawall, der alles, was in seine Finger gerät, instrumentalisiert. Das ist harte Kost, und doch von einem anpassungsfähigen Pragmatismus geprägt, der die Geschehnisse betrachtet, als wären sie eine spektakuläre Naturkatastrophe oder eine maschinelle Dysfunktion, die einen selbst (zum Glück) nicht betrifft.



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    31.05.2026
    19:20 Uhr
  • Bewertung

    The cabin in the hood

    Exklusiv für Uncut
    Diese Woche startet endlich der lang erwartete und längst überfällige nächste Teil in der Evil-Dead-Reihe und ich konnte ihn schon vorab sehen. Warum er genau den richtigen Ton trifft, hier in meiner Kritik.

    Ellie lebt mit ihren drei Kindern alleinerziehend in einem Wohnblock in Los Angeles. Da der bald abgerissen werden soll, droht ihnen die Ausweisung. Als ihre Schwester Beth zu Besuch ist, passieren plötzlich merkwürdige Dinge und bald darauf taucht ein sehr bekanntes Buch auf. Der blanke Horror beginnt…

    Nach einer großartigen und sehr effektiven Eröffnungssequenz, die sich etwas außerhalb der Haupthandlung bewegt, lernen wir die Familie kennen. Viel erfahren wir nicht über sie, der Vater ist weg und die Verhältnisse sind ärmlich doch Liebe und Zusammenhalt dominieren. Umso mehr schmerzt es dann, dass gerade Ellie es ist, die als erste von der bösen Macht besessen wird und auf ihre Schützlinge losgeht. Und von da an gibt es keine Pause und kein Entrinnen mehr. Horrorfilme wie diese funktionieren für mich immer am besten, wenn sie das Grauen in der Realität verankern. Getötet und verstümmelt wird mit allem, was die häusliche Umgebung hergibt. Da ist zwar kaum etwas Neues dabei, der Schockfaktor stimmt trotzdem (Obwohl ich mehrfach tätowiert bin, haben sie es irgendwie geschafft, eine Tätowiermaschine schaurig zu inszenieren). Gegen Ende wird dann das Gewaltlevel von 0 auf 100 ziemlich schnell, ziemlich steil angehoben.

    Was dem Ganzen noch einen draufsetzt, ist das schon die Grundsituation absolut furchterregend ist, fernab von Flüchen und Killergeistern. Es wird von Anfang an auf Atmopshäre gesetzt. In einem baufälligen Hochhaus im obersten Stock gefangen zu sein, nahezu allein und das während eines Gewitters, nach einem Erdbeben, bietet an sich schon Stoff genug für einen grandiosen Survival-Thriller. So wird erneut ein Gefühl von Abgeschiedenheit und Hilflosigkeit erzeugt, die Hütte im Wald wurde quasi mitten in die Großstadt verlegt.

    Ich bin zugegeben kein versierter Fan der Reihe, mag das Original wie das Remake von Fede Alvarez, aber ein paar Hommagen hab selbst ich erkannt. Bis auf einen einzigen sehr gelungenen und organischen gibt es jedoch nie Metagags, ebenso keine Cameoauftritte, die einen rausholen könnten. Bruce Campbell und Sam Raimi sollen eher im Hintergrund mitgemischt haben. Ein bisschen Humor hier und da hat es so schon reingeschafft, doch meist dominieren Gewalt und Terror. Damit schlägt der Film perfekt die Brücke zwischen Raimi-Charme und Alvarez-Härte.

    Dieser Mittelweg ist aber leider auch bei den Effekten deutlich. Es wird nicht wie beim Original ausschließlich auf praktische gesetzt, sondern es wird auch viel CGI verwendet. Da ist nichts dabei was mich nicht überzeugt, aber es sollte erwähnt werden. Wenn dann aber mal Handgemachtes zum Einsatz kommt, dann richtig. Am Kunstblut wird außerdem keineswegs gespart. Eine bestimmte Szene im angesprochenen Finale ist diesbezüglich was das reine Volumen angeht schon rekordverdächtig.

    Ich bin mir sicher, Horrorfans aller Generationen werden mit „Evil Dead Rise“ sicher auf ihre Kosten kommen. Und wenn es in dieser Tonart weiter geht, bleibt es hoffentlich nicht der letzte Beitrag der Reihe.
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    26.04.2023
    14:05 Uhr