Exklusiv für Uncut
10 Oscar-Nominierungen. 750 Millionen US-Dollar an den Kinokassen. Top 5 der erfolgreichsten Filme des Jahres. Barbie-Puppen, die „Defying Gravity“ durch Kinderzimmer schreien. Überall pinke Kleider, grüne Gesichter und schwarze Spitzhüte. Die Filmadaption des Musicals „Wicked“ sorgte im Herbst 2024 für einen gewaltigen Hype – war aber nur der erste Streich. Ursprünglich als episches Langwerk geplant, erkannte die Produktion schnell die mächtigen Ausmaße und ließ genau wie das Bühnenstück nach dem ersten Akt den Vorhang fallen. Jetzt öffnen sich Kinos, Leinwände und Augen der Fans erneut: „Wicked: Teil 2“ schließt die Saga um die Vorgeschichte zum Zauberer von Oz ab. Eine Bürde, mit der der Film ringt: Er ist Gefangener eines schwächeren zweiten Akts der Musicalvorlage – kraftvoll gesungen, aber dramaturgisch brüchig.
In Oz verhärten sich die Fronten: Elphaba verübt Anschläge auf den Bau der berühmten goldenen Straße und das Land wird faschistoid. Der regierende Zauberer (Jeff Goldblum: bekommt etwas mehr zu tun) verbreitet Lügen, um seinen Machtanspruch zu sichern. Glinda fungiert als Gute Hexe des Nordens für Propaganda-Zwecke und verlobt sich mit dem neuen Garde-Hauptmann Fiyero (Jonathan Bailey). Familiäre Verstrickungen, wechselnde Liebesavancen und dramatische Twists dürfen nicht fehlen. Als Böse Hexe des Westens muss Elphaba (Cynthia Erivo) um ihr Leben fürchten, nachdem Dorothy mit ihrem Tornado-Haus in Oz landet…
Dank der gemeinsamen Produktion sind alle Beteiligten identisch zum Vorgänger. Dadurch entsteht ein gleichwertiges Doppelpack ohne merklichen Qualitätsabfall an essenziellen Stellen des Filmemachens. Kostüme, Szenenbild und Gesang verzaubern nach wie vor. Doch trotz der hoffnungsvollen Umstände durchdringen „Wicked: Teil 2“ offensichtliche Probleme. Den Großteil der 137 Minuten herrscht (seifen)opernhaftes Geplänkel: Figuren treten auf und wieder ab, verraten sich kurz, versöhnen sich wieder, verlieben sich, sind wütend, manipulieren sich gegenseitig und wechseln abrupt Standpunkte. Zu lang wabert die Geschichte vor sich hin. Ohne Witz, ohne Wucht, ohne Höhepunkte. Es fehlen ein Fokus, ein Brennpunkt und Raum zum Atmen.
Ist es die Flugblatt-Propaganda des Muggel-Zauberers, mit dem die Rebellin Elphaba im Clinch liegt? Oder die Dichotomie zwischen Gut und Böse? Sind es die sprechenden Tiere, die aus Furcht vor Pogromen das Land verlassen? Oder geht‘s nicht eigentlich um die bröckelnde Bindung zwischen Elphaba und Glinda (Ariana Grande)? Der Stoff blättert wie der Grimmerich viele Seiten mit reizvollen Fragen auf, das Potenzial ist da, wird aber wenig konsequent abgeschlossen. Die Folge sind blasse Nebencharaktere: Madame Akbar, Boq, Blechmann, Löwe und Nessarose haben zu kurze Fanservice-Auftritte. Politische Eruptionen und antifaschistische Kommentare versanden unbeantwortet.
Selbstredend liegen diese glatten, zuweilen plumpen Gefühle und Plotlinien in der Natur des Musiktheaters. Vielleicht sind die Anforderungen zu hoch, doch fundamental verlangt Kino mehr: Visuelle Aussagekraft, aufgeräumte Rhythmik, gut erzählte Leben, beeindruckendes Worldbuilding. An Letzterem mangelt es ebenso. Was im ersten Teil durch wenige Orte (Glizz + Smaragdstadt) weniger ins Gewicht fiel, schwächt die Fortsetzung. Oz ist zu oft im Hintergrund eine generische CGI-Fantasy-Welt. Und wenn der Film wohlausgestattete Settings wie Elphabas Baumhaus findet, nimmt er sich kaum Zeit zum Erforschen. Weniger Hektik, mehr Ruhe, mehr Orientierung, mehr visuelle Erzählung hätten geholfen.
Die Krux an der Bewertung? Verantwortung trägt weniger der Film als die Musical-Vorlage! Publikum und Expertise sind sich einig: der zweite Akt ist nicht so stark und kraftvoll, ihm fehlen eindrucksvolle Solo-Klänge und kohärente Plot-Elemente. Dass die Filmadaption das faserige Quellmaterial komplett korrigiert, ist schwer. Sie holt allerdings erstaunlich viel heraus, ist verträglich, kinderfreundlich, herzzerreißend. Die wenigen bonbonfarbenen Choreografien müssen düsteren Selbstzweifeln weichen, wenn sich der ehemalige Freundeskreis von Elphaba abwendet und die Gewissensbisse gesanglich verarbeitet.
Nicht nur für den „Oscar-Bait“ – bekanntlich werden nur originale für den Film komponierte Lieder nominiert – schrieb Stephen Schwartz zwei neue Songs, jeweils von den beiden Hauptzauberinnen vorgetragen. Beide treffen den perfekten Ton und insbesondere „The Girl in the Bubble“ ist Glindas Befreiungsmonolog, mit dem sie selbst ihren überkorrekten Schein dekonstruiert. Ihre innere Entwicklung ist ein Zugewinn im Drehbuch von Winnie Holzmann, die schon den Musicaltext formulierte. Man merkt die Liebe zum Detail und das authentische Feingefühl, das Ariana Grande und Cynthia Erivo in ihren Karriereleistungen präsentieren. Sie sind die Seele dieses Films.
Fazit: Selten ist das Gesamturteil so schwierig, der Nachhall so zwiespältig. Wer nicht vertraut ist mit dem Musical, wird vom Ende umgehauen, sieht aber auch über weite Teile ein holpriges Musik-Märchen, dem der rote Faden, die formale Balance und das Besondere fehlen. Aber daran ist eher die schlappe Vorlage schuld, die die Filmadaption mit passenden Liedergänzungen und Oscar-würdigen Leistungen übertrumpft. „Wicked: Teil 2“ endet wie ein Lied, das die letzte Strophe nicht findet: glanzvoll gesungen, dramaturgisch unvollendet — und doch herzergreifend.