Forum zu Godland

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78.3% Bewertung
  • Bewertung

    Auf der Suche nach Gott durch Feuer, Eis und Schlamm

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Ein junger, ambitionierter dänischer Priester reist Ende des 19. Jahrhunderts als Missionar nach Island, um eine Kirche zu errichten und die Insel sowie deren Bewohner fotografisch zu dokumentieren. Doch was als religiöse Mission beginnt, entwickelt sich schnell zu einer existenziellen Grenzerfahrung – körperlich wie geistig.

    „Godland“ ist kein klassischer Historienfilm mit klarer Dramaturgie, sondern vielmehr eine meditative Reise: Wir folgen dem Priester Lukas und seinen inneren Dämonen durch Feuer, Eis und Schlamm der kargen Landschaft. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage: Wer ist der wahre Gott – der von Menschen geschaffene oder die unbändige, erbarmungslose Natur?
    Der Film verhandelt Themen wie Kolonialisierung, Identität sowie kulturelle Fremdheit und Aneignung mit großer Zurückhaltung. Lukas bleibt ein Außenseiter, ein Fremder auf der Insel, der versucht, nicht nur eine Kirche, sondern auch neue Werte und Bräuche aus dem entfernten Dänemark zu etablieren. Doch durch die sprachliche Barriere und seine innere Zerrissenheit gelingt es ihm trotz seiner Bemühungen kaum, eine echte Verbindung zu Land und Leuten aufzubauen.

    Visuell ist „Godland“ überwältigend. Trotz – oder gerade wegen des eingeschränkten Bildformats und der künstlich hinzugefügten Filmkörnung entfaltet der Film eine enorme Bildkraft, deren Einstellungen gut und gerne als Landschaftsfotografien in Kunstmuseen hängen könnten. In manchen Momenten wirkt das Werk beinahe wie ein poetischer Werbefilm für die nordische Natur.

    „Godland“ ist kein Film für ein breites Publikum, sondern richtet sich vor allem an Liebhaber langsamer, kunstvoll inszenierter Historienfilme. Wer sich auf das entschleunigte Tempo und die eindringliche Bildsprache einlässt, wird mit einem faszinierenden, vielschichtigen und beinahe spirituellen Werk belohnt.
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    29.03.2026
    21:05 Uhr
  • Bewertung

    Island sehen... und sterben?

    Keine Ahnung, wohin die eigentliche Reise geht, aber jene durch die Nachmittagstermine der diesjährigen Viennale hat gestern ihr Ende gefunden. Es ergibt sich daraus eine schmucke kleine Landkarte, die in Südkorea begonnen hat, über die Ostküste der USA, Belgien bis nach Irland ging und von dort bis in den Norden reichte – nach Island. Weiter geht’s diesmal nicht, und besser wird es ebenso wenig werden: Godland ist mein persönliches Highlight der von mir frequentierten Wiener Festspiele und lässt das lange vergangene Abenteuerkino eines Werner Herzog genauso aufleben wie die gemeinsame Geschichte Dänemarks und Islands, die bis fast in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hineinreichte und die vulkanische, unwirtliche, aber allseits beliebte Insel, eben weil sie so besonders ist, zu einem Schauplatz werden lässt, an welchem sich das europäische Festland in Gestalt eines Verlorenen die Zähne ausbeißen wird. Das bezieht sich auf die Art des Lebens, das kompromisslose Gesetz von Wind und Wetter und die menschenverachtende Wildnis, in die sich nur eingliedern kann, wer sich ihr hingibt. Wer mit alten Dogmen hier aufkreuzt, mit einem Sinn für Werte, der hier oben weder geschärft noch eingesetzt werden kann, stößt bald an seine eigenen Grenzen. Von so einem Kommen und Sehen, so einem Scheitern und Straucheln, von diesem Dilemma der Bezwingung radikaler Urkräfte – davon berichtet Hlynur Pálmason in seiner für ihn typischen Manier des distanzierten Betrachtens tragischer Umstände, die in wechselnden Witterungen stets andere Bedeutungen erlangen.

    Im Zentrum des Geschehens steht ein dänischer Priester, der im 19. Jahrhundert, als Island noch unter der Fuchtel des dänischen Königshauses stand, dafür auserwählt wird, eben dorthin zu reisen, um im gottvergessenen Südosten der Insel eine Kirche zu bauen, am besten noch vor dem Winter. Um Land und Leute kennenzulernen und sich in seine neuen göttliche Aufgabe einzufügen, nimmt er eine Reise quer durch die Insel auf sich, begleitet von einem Vollblut-Isländer namens Ragnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, der bereits auch in Pálmasons Weißer weißer Tag die Hauptrolle spielt und in der Netflix-Mystery Katla zu sehen ist), der alles Dänische skeptisch beäugt und den verknöcherten Festland-Geistlichen bis an seine Grenzen bringen wird. Für diesen verbissenen und niemals wirklich ausgetragenen Konflikt zwischen der längst nach Autonomie lechzenden Insel und dem arroganten, immer wieder in die Einsamkeit einfallenden Dänemark stehen die beiden grundverschiedenen Männer stellvertretend im Regen, für den es in Islands Sprache unzählige Bezeichnungen gibt. Der Trip durch eine fremde Welt, konfrontiert mit unorthodoxem Gedankengut, lässt Priester Lucas den Glauben an sich selbst verlieren und ihn alles verraten, was stets für ihn von Wert war.

    Wie Werner Herzog eben, bis zum Äußersten. Mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden lädt das im Format 4:3 gefilmte, elegische Drama zu einer faszinierenden Kurzweile ein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Großzügig teilt Pálmason die Faszination für seine Heimat, dessen Bewohner als in sich ruhende Menschen ihre Autarkie feiern und von einer dogmatischen Person, wie Lucas sie darstellt, nichts erwarten wollen. Godland wird durch diese Prämisse zum teils nüchternen, dann wieder auf experimentelle Weise epischen Streifen, der die Fassungslosigkeit des aversiven Priesters bis zur rabiaten Wut steigert. Es ist die Nutzlosigkeit seiner Mission und die Beiläufigkeit seiner Entbehrungen, die wie Aguirre oder Fitzcarraldo den Wahnsinn bringt. Die Wucht einer in sich geschlossenen, genügsamen Welt vermittelt Pálmason in langsamen Kameraschwenks und im nüchternen Bobachten der Vergänglichkeit alles Lebens. Düstere Bilder, mystische Gleichnisse und das zündende Knirschen frischer Lava über begrüntem Boden – aus all dem entsteht ein Kino des Sich-darin-Vergessens, welches einen aus dem Auditorium holt, hinein in ein Szenario aus Entbehrung und Erkenntnis. Dinge, die eine Reise fernab von etablierter Ordnung eben mit sich bringen.

    Ob dieser Film Aufnahme ins reguläre Kinoprogramm finden wird, ist fraglich. Doch wenn doch, dann sei hier diese ungewöhnlich erzählte, klassische Geschichte eines Mannes, der sich mit wimmerndem Zorn gegen ein ganzes Land stemmt, unbedingt zu empfehlen.
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    01.11.2022
    16:19 Uhr