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    Architekturgeschichte(n)

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Seit inzwischen 50 Jahren als Regisseur tätig, hat sich Heinz Emigholz während dieser langen Karriere vor allem einen Namen als Beobachter und Dokumentar von Architektur, von Gebäuden, Brücken, Architekt*innen gemacht. Diese Filme bestehen oft aus statischen Einstellungen, die die Bauwerke aus wechselnden Perspektiven zeigen, in der Regel ohne einordnenden Kommentar. In „Schlachthäuser der Moderne“, einem von drei Filmen, die Emigholz in diesem Jahr bei der Viennale präsentiert, finden sich Elemente dieses bisherigen Schaffens wieder – die Architektur steht wieder im Mittelpunkt des Films. Emigholz nutzt seine Architekturbilder hier jedoch vielmehr, um Thesen und Argumente zu entwickeln, die von verschiedenen Erzählstimmen weiter genährt werden.

    Nach einem Voice-Over-Kommentar, der die neuen Erkenntnisse der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Startpunkt der Moderne (in Architektur und Film) nahelegt, steigt der Film mit Bildern öffentlicher Gebäude ein, die in den 1930er-Jahren in Argentinien von Francisco Salamone gebaut wurden. Von diesem Startpunkt begibt sich Emigholz auf einen Streifzug durch die Geschichte mit einem Exkurs auf italienische Postämter aus Zeiten des Faschismus, weiter zu Friedhofsportalen und den namensgebenden Schlachthäusern, die ebenfalls von Salamone stammen, über eine im See versunkene Stadt bis hin zum viel diskutierten Humboldtforum in Berlin und dessen langer Geschichte.

    Was auf den ersten Blick vielleicht wie eine wahl- und zusammenhanglose Aneinanderreihung von Gebäuden verschiedener Jahrhunderte und Kontinente wirkt, wird von Emigholz und seinen später auftauchenden Erzählerfiguren spielerisch miteinander verknüpft. Die verschiedenen Stationen der Argumentation sind zunächst vor allem dadurch miteinander verbunden, dass sie ein Produkt spezifischer historischer Umstände sind, die der Film hervorragend herausarbeitet. Es werden keine Archivaufnahmen genutzt, sondern die Gebäude in ihrem heutigen Zustand gezeigt. Durch diese Vorgehensweise werden insbesondere Salamones Schlachthäuser klar als historisches Projekt verortet. Während seine öffentlichen Gebäude und zum Teil auch die in ihrer Megalomanie völlig absurden Friedhofsportale scheinbar noch heute in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt werden, befinden sich die Schlachthöfe, ursprünglich als Ausdruck des Reichtums gebaut, der durch die blühende Viehwirtschaft in den 1930er-Jahren in Argentinien herrscht, in verschiedenen Stadien des Verfalls. Einige wenige werden etwa als Kulturzentren in neuer Funktion genutzt, die meisten hingegen sind völlig heruntergekommen und gleichen eher den Ruinen, die in der untergegangenen Stadt Epecuén seit einigen Jahren durch den absinkenden Wasserpegel wieder zutage treten.

    Emigholz filmt seine Objekte ausschließlich in statischen Einstellungen, er glaubt nicht an die Bewegung der Kamera. Leben wird den Bildern stattdessen durch eine Vielzahl an verschiedenen, oft schrägen Perspektiven auf die jeweiligen Bauwerke eingehaucht, die hintereinander geschnitten sind. Der Mensch spielt in „Schlachthäuser der Moderne“ kaum eine Rolle, nur selten tauchen vereinzelte Personen auf. Stattdessen werden die Ruinen von Tieren bevölkert, die sich die Monumente menschlicher Hybris als Lebensraum angeeignet haben. Vögel, Katzen, Kühe und andere Lebewesen tauchen immer wieder im Film auf und bilden gemeinsam mit anderen Naturgeräuschen auch einen großen Teil der Tonkulisse.

    Wie die Bauwerke Salamones, die von faschistischen italienischen und sonstigen europäischen Gebäuden beeinflusst waren, ist auch das Berliner Schloss, mit dem sich der letzte Teil des Films befasst, für Emigholz vor allem wegen seiner Geschichte interessant. In den vergangenen Jahren wurde dieses Schloss, das nach dem zweiten Weltkrieg zerstört und an dessen Stelle in der DDR dann der Palast der Republik gebaut wurde, als Fassade neu errichtet, nachdem ebendieser Palast der Republik abgerissen worden war. Hier entlädt sich Emigholz‘ leidenschaftlicher Hass auf dieses Bauprojekt und auf das Berliner Schloss, das er vor allem in Verbindung mit Wilhelm II. betrachtet, der als Kaiser zu Beginn des 20. Jahrhunderts den deutschen Genozid an den Herero und Nama zu verantworten hatte. Emigholz zieht eine direkte Linie von Wilhelm II., der das Schloss bewohnte, zum deutschen Nationalsozialismus und weiter zu den verschiedenen Militärdiktaturen in Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In einem furiosen Finale nimmt der Film plötzlich die Gestalt einer Satire an, die voller Energie und Antihaltung die politischen Umstände anprangert, die dieses Bauvorhaben in Berlin ermöglicht haben.

    In nur 80 Minuten verpackt Emigholz eine solche Vielzahl an Ideen, Bildern und Referenzen und beweist dabei, dass ein Essayfilm zu keiner Sekunde langweilig sein muss. Unbedingt sehenswert!
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    29.10.2022
    22:58 Uhr