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    Schauderhaftes Magenknurren

    Das Genre des Weihnachtsfilms ist bekanntlich breit gefächert. Von Zombie-Apokalypse bis zur honigsüßen Weihnachtszeit mit Winnie The Pooh ist hier wirklich alles vertreten. Von politisch unkorrekt bis haus- und keksebacken. Mit dem stiefmütterlich behandelten Genre des Osterfilms sieht es aber ganz anders aus. Warum ist das so? Vielleicht, weil die frohe Botschaft der Wiederauferstehung nicht einfach so durch das Feiern geballter Frühlingspower ersetzt werden kann? Weihnachten geht da schon längst als heidnisches Liebesfest durch. Zu Ostern fächert sich die Vielzahl der Filmgattungen von der Passion Christi, dem Blut- und Wundenwerk von Mel Gibson, auf bis zum großen Eierklau für die ganz Kleinen. Doch mehr oder weniger: Ohne Jesus und Hasen nichts gewesen. Jetzt gibt es frisches Osterfeuer aus dem morbiden Alpenland, sprich meiner Heimat Österreich. Hier hat weder Jesus groß das Sagen, noch kommen Hasen dazu, ihre Eier zu verstecken, weil sie vielleicht vorzeitig ihre Löffel abgeben. Hier hat das Genrekino des Osterfilms eine neue Nische entdeckt. Und zwar die des Horrors.

    Wie so was geht, lässt sich eigentlich leicht bewerkstelligen. Man muss nur in der lokalen Volkskunde wühlen und auf folklore Riten stoßen, wie dies zum Beispiel Ari Aster zu Midsommars Zeiten getan hat. Blickt man also in die Abgründe mythologischer Wahnvorstellungen, kann einem schon anders werden und das Osterlamm würgt sich hoch. Mit so viel Hokuspokus will niemand was zu tun haben – das Teenagermädchen Simi allerdings schon. Die schlägt nämlich zeitgerecht zu Beginn der Karwoche bei ihrer Tante Claudia auf, die schließlich nicht irgendwer ist, sondern eine recht prominente Starköchin, die schon das eine oder andere Buch veröffentlicht hat, wie damals zu früheren ATV-Zeiten Sasha Walleczek, die uns überdeutlich erklärt hat, wieviel Zucker in ein Gläschen Coca-Cola passt. Simi, muss man dazusagen, ist übergewichtig, und da packt sie die kombinierte Gelegenheit von Schulferien und Verwandtschaft am Schopf und bittet die überaus freundliche Tante um fachgerechte Unterstützung beim Verlieren ihrer Kilos. Als krasser Gegenpol zu ihrer Zero Carb-Diät darf Cousin Filipp selbst in der strengsten Fastenwoche des Jahres ordentlich reinhauen. Und zugegeben: Claudias Gerichte, die ordentlich prominent in Szene gesetzt sind, lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Von Tagliatelle mit Schafkäse bis zum Hasenbraten mit Rosmarin ist hier alles dabei. Pfannkuchen mit Apfelscheiben zum Frühstück, frisch gebackenes Brot am Morgen, medium gegartes Rind – Gourmet, was willst du mehr. Doch so verlockend diese herzhafte Schlemmerei auch sein mag: niemand sonst wird sich daran vergreifen, zumindest bis Ostersonntag nicht. Denn da soll ein Ritual stattfinden, dass Claudia sehr, sehr wichtig ist. Überdies ist es für Simi als Privileg zu verstehen, Teil dieser kernfamiliären Festivitäten zu werden.

    Österreichische Filme sind tatsächlich meist trist. Auch Family Dinner. Zumindest vom Wetter her. Wolkenverhangen und deutlich zu frisch für diese Jahreszeit. Inmitten des niederösterreichischen Waldviertels steht ein Bauernhof, fern jeglicher Zivilisation. Man ahnt schon: Hier könnte Schlimmes am Werk sein. Fast scheint es, als bediene sich Hengl am guten alten Hänsel & Gretel-Mythos, wobei er diesen aber von innen entsprechend aushöhlt, um das Magenknurren als akustisches Gestaltungselement wie das unheilvolle Jaulen eines Geistes erklingen zu lassen. Pia Hierzegger weiß diese unguten Ahnungen aber stets zu zerstreuen. Wie sie das macht? Als alternative Esoterik-Intellektuelle mit hochgeschnürter Haushose, betulicher Liebenswürdigkeit und ordnungsliebender Hausfrauenstrenge wickelt sie Simi (Nina Katlein in ihrer ersten Filmrolle) um den Finger. Oder ist doch alles nur ehrlich gemeint? Hierzegger entdeckt hier eine neue Spielwiese für Suspense, Psychothrill und gediegenem Horror. Die sonst meist recht stoisch agierende Schauspielerin weiß mit links, wie sie gute Miene zum bösen Spiel macht. Und peppt den sonst eher träge dahinplätschernden Thriller ordentlich auf. Peter Hengl (u. a. Curling für Eisenstadt) lässt mit seinem ersten, selbst verfassten Kinofilm die Karwoche als entbehrungsreichen Katharsis-Parcour vonstatten gehen, in der Andeutungen und manch überzogene Gemütslage die einzigen prickelnden Highlights sind – bis endlich die wortwörtliche Erlösung von der Qual der Enthaltsamkeit auch gleich eine ganze Portion familiären Albtraum mit sich bringt. Bis es aber so weit kommt, gerät Family Dinner oft ins Stocken und entwickelt selten einen Dialogfluss, der nicht selten so danach klingt, als hätten die Beteiligten ihr Drehbuch schön brav auswendig gelernt.

    Auch vergibt Hengl leider so einige Chancen, die leider sehr frühen Erahnungen zukünftiger Geschehnisse im Zickzackkurs zu zerstreuen. Es gibt da eine Stelle im Film, da ist nicht ganz klar, wer nun die Verrückten sind und wer nicht. Anhand dieser kurz aufblitzenden, erfrischenden Kehrtwende hätte Hengl noch mehr Zweifel bei seinem Publikum säen können, was Family Dinner auch noch perfider gemacht hätte. Der etwas holprige Erzählfluss wäre dadurch auch etwas weicher gegart geraten.

    Die Zähne ausbeißen muss man sich bei Family Dinner aber nicht. Die Story mag zwar nicht das Gelbe vom Osterei sein und zu zaghaft aus sich herauskommen – Hierzeggers gefälliges Betüddeln allerdings schafft schon so einige feine Momente, in denen man das Spiel um Fasten und Mästen durchaus genießen kann.


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    10.02.2023
    19:59 Uhr
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    Zwischen Familienhorror und Instagram-Foodporn

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die Osterferien bei der Tante und deren Familie am Bauernhof verbringen. Das allein mag für so manche Jugendliche schon nach einem Horror-Szenario klingen. Wenn der Hof in schauriger Abgeschiedenheit liegt, der eigentümliche Sohn der Familie dich mit im Bettgestell eingeritzten Beleidigungen begrüßt und zu allem Überfluss die Tante sich als gruselige Esoterikerin entpuppt – dann macht das die Situation nicht gerade attraktiver. Sollte man zumindest meinen.

    Doch die beleibte Teenagerin Simi (Nina Katlein) entschließt sich im österreichischen Horror-Film „Family Dinner“ tatsächlich aus völlig freien Stücken, die Festtage bei ihrer Verwandtschaft zu verbringen. Allerdings nicht aus Verbundenheit zur Familie, sondern aus ganz eigenwilligen Gründen. Denn ihre Tante Claudia (Pia Hierzegger), so erfahren wir schnell, ist eine bekannte Ernährungsberaterin, die schon mehrere erfolgreiche Bücher auf den Markt gebracht hat. Simi, die sich bereits ausgiebig mit den Werken beschäftigt hat, möchte gerne abnehmen. Hierfür ist sie gewillt, als „Schülerin“ ihrer Tante in die Lehre zu gehen und mehrere Tage zu hungern, um „ihren Körper zu entgiften“, wie es heißt. Doch welch grauenerregenden Ausgang das Ganze letztlich nehmen wird, vermag sie sich noch nicht vorzustellen.

    Wie viele Red Flags kann ein Familienbesuch eigentlich mit sich bringen? Und wie dumm muss man sein, um da nicht sofort das Weite zu suchen? Das wird vielleicht jetzt dem einen oder der anderen nach dem Lesen dieses Einstiegs in den Sinn kommen. Doch tatsächlich dreht hier „Family Dinner“ an so einigen Schrauben, um die Erwartungen des Publikums immer wieder umzukrempeln. Unsere Wahrnehmung hinsichtlich der Familie schwankt dabei zwischen seltsam-aber-harmlos, sehr-problembeladen und hochgradig-gefährlich.
    Die unbehagliche Stimmung, welche der Film sehr gekonnt aufbaut, lässt währenddessen nie nach. Vom guten Schauspiel bis hin zu den überaus realistisch anmutenden Ausweidungen tierischer Körper gibt es so einiges, was sich hier lobend erwähnen lässt.

    Auffallend ist, wie diese unangenehmen Anteile immer wieder im Kontrast zu den in Instagram-Foodporn-Manier inszenierten Speisen stehen, die Tante Claudia für ihre Familie zubereitet. Der Film greift hier den Selbstoptimierungswahn auf, der eben durch Plattformen wie Instagram und Co befeuert wird und dem mutmaßlich auch unsere junge Protagonistin zum Opfer fällt. Denn Simi ist bereit, selbst den absurdesten Forderungen ihrer Tante nachzugeben, bloß um einem auferlegten Ideal gerecht zu werden. Zugleich wird sie auch immer wieder mit Beschimpfungen des Sohnes Filipp (Alexander Sladek) konfrontiert, die auf ihr Gewicht abzielen, womit der Film auch das Thema Fatshaming anreißt. In dieser Hinsicht geht „Family Dinner“ jedoch bedauerlicherweise nicht allzu weit – weder beim Darstellen des alltäglichen Horrors, der mit derartigen Diskriminierungen einhergeht, noch in Bezug auf das Freimachen von den hier zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Erwartungen. Viel mehr beugt sich der Film am Ende den vorhersehbaren Horror-Konventionen und macht im Übrigen auch keinen Hehl aus seinen Vorbildern – seien es die Werke von Ari Aster oder Kubricks „The Shining“, der bereits ganz am Anfang mit einer Drohnenaufnahme zitiert wird.

    Als Genre-Vertreter aus Österreich ist „Family Dinner“ aber allemal positiv hervorzuheben und selbst für geschultere Horror-Vielschauende einen Blick wert.
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    28.12.2022
    22:33 Uhr