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    Deliver my soul from the sword...

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Zwölf Jahre nach ihrem letzten Film („Bright Star“) bringt Jane Campion nun „The Power of the Dog“ in die Kinos. Allerdings nur in ausgewählte Lichtspielhäuser, da der Film vom Streaming-Dienst Netflix übernommen wurde und ab Dezember in dessen Programm erscheint. Ursprünglich zu den Internationalen Filmfestspielen von Cannes eingeladen - aufgrund des fehlenden Releases in den französischen Kinos wäre er hier aber nicht im Hauptwettbewerb gelaufen - feierte der düstere Western letzten Endes in Venedig seine Premiere, wo die Regisseurin den Silbernen Löwen für die beste Regie erhielt.

    Montana, 1925. Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) bewirtschaften gemeinsam die familieneigene Ranch. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Phil ein eher brutales und direktes Verhalten an den Tag legt, weist George einen viel feinfühligeren Charakter auf. Als sich George eines Tages in die Witwe Rose (Kirsten Dunst) verliebt und daraufhin heiratet, ziehen deshalb schnell die ersten Unstimmigkeiten auf. Denn Phil, der seinem großen Idol Bronco Henry nacheifert, hat es vor allem auf Roses sanftmütigen Sohn (Kodi Smit-McPhee) abgesehen.

    Jane Campions „The Power of the Dog“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Savage aus dem Jahr 1967, dessen Titel dem Psalm 22:20 entlehnt wurde („Deliver my soul from the sword, my darling from the power of the dog“). Nach einigen Darstellerwechseln (Elisabeth Moss war ursprünglich für die Rolle der Rose vorgesehen, Paul Dano für die Rolle des George) gelang es Campion einen besonders namhaften Cast für das Westerndrama zu verpflichten: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons und Kodi Smit-McPhee überzeugen dabei durch die Bank. Cumberbatch gibt den brachialen Antihelden, während Dunst und Plemons, die auch im realen Leben miteinander verheiratet sind, ein verliebtes, wenn auch von Sorgen geplagtes Paar mimen. Die wahre Entdeckung scheint jedoch Kodi Smit-McPhee zu sein – wobei „Entdeckung“ wahrscheinlich sogar übertrieben formuliert ist, handelt es sich bei ihm doch um einen recht etablierten Kinderdarsteller.

    Clever umgesetzt, gelingt es der filmischen Adaption jedenfalls schnell, eine wahnsinnig tolle, wenn auch äußerst angespannte Atmosphäre zu erzeugen. Brutal und rau erstreckt sich in wunderschönen Aufnahmen die Landschaft vor unseren Augen, begleitet von der stimmigen Musik von Jonny Greenwood (der Radiohead-Gitarrist zeigte sich dieses Jahr auch für die Musik von Pablo Larraíns „Spencer“ verantwortlich).

    Das gute Casting machte sich ebenso bezahlt. Einer der spannendsten Aspekte von „The Power of the Dog“ ist nämlich die Ambivalenz der einzelnen Figuren, die jede/r der vier Darsteller*innen eindrucksvoll darzubieten weiß. Dabei werden Fragen rund um Vorbilder, toxische Maskulinität, das klassische Männerbild und Geschlechterrollen genauso thematisiert wie jene rund um Einsamkeit, Zugehörigkeit und Melancholie. Letztendlich wird man regelrecht hineingesogen in die Welt, die Jane Campion so eindrucksvoll auf die Leinwand gebracht hat und bald fragt man sich, ob man die Figuren überhaupt in so triviale Kategorien wie „gut“ und „böse“ einordnen kann. Jede der Personen scheint nämlich erfrischend vielschichtig, hat ihre Laster, aber auch ihre guten Seiten. Interessant erscheint in diesem Sinne auch die wechselnde Konzentration auf bestimmte Figuren. Im Allgemeinen wird vieles nur angedeutet, was an mancher Stelle zwar etwas diffus wirkt, andererseits aber auch viel Spielraum für eigene Interpretationen zulässt.

    „The Power of the Dog“ ist ein fesselndes Werk, welches sich nicht davor scheut, mit klassischen Erzählmustern zu brechen und so auch auf ein ziemlich abruptes Ende setzt. Die grandiose Besetzung, die beunruhigende Musik und die Zweischneidigkeit der Charaktere tragen ihr nötiges dazu bei, dass man von der Handlung sofort eingenommen ist. Manches hätte vielleicht in noch direkterer Weise behandelt werden können, im Großen und Ganzen sorgt die nervenaufreibende Atmosphäre und subtile Erzählweise aber für einen äußerst einnehmenden Rhythmus.
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    12.11.2021
    20:54 Uhr
  • Bewertung

    Die wahre Power kommt danach

    Vier gelungen in Szene gesetzte Hauptfiguren sind es, um die die Story kreist. In Episoden verlagert sich das Spannungsfeld von einer Konstellation zur nächsten, sodass man beim Zusehen vielleicht unsicher wird: Die Bilder und Charaktere funktionieren, aber welche Story soll hier eigentlich erzählt werden? Erst am Schluss entfaltet sich die Genialität der Konstruktion - jeder Teilaspekt hatte seine Berechtigung - und der Film endet angenehm rasch nach dem Höhepunkt. In den ersten paar Minuten, in denen der Film nachwirkt, zeigt sich erst so richtig, wie gut diese Story eigentlich erzählt wurde.
    (Gesehen auf der Viennale 2021)
    01.11.2021
    20:19 Uhr
  • Bewertung

    Toxische Männlichkeit im Wilden Westen

    Nach 13-jähriger Abstinenz kehrt Meisterregisseurin Jane Campion ("The Piano") endlich zum Film zurück. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Savage widmet sich die 67-jährige Neuseeländerin in ihrem neuesten Werk zwei ungleichen Brüdern im Wilden Westen. Die beiden Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) sind erfolgreiche Farmbesitzer im Montana des frühen 20. Jahrhunderts. Während Phil jedoch seine eigenen Aggressionen kaum im Zaum halten kann, tritt sein jüngerer Bruder verständnisvoll und ruhig auf. Als George die verwitwete Rose (Kirsten Dunst) heiratet, artet ein Machtkampf zwischen den zweien aus. Begleitet von einer faszinierenden Bildsprache, einem betörenden Soundtrack von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood und ehrwürdiger Schauspielleistungen erzählt Campion ein packendes Charakterdrama über männliche Machtdynamiken und Machoismen im Wilden Westen.
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    01.11.2021
    16:08 Uhr