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    wenn ich die karten nicht gewonnen hätt...

    drei beziehungskisten mit coming-of-age-problemen, aufgepeppt mit so brisanten themen wie amateurpornographie/pädophilie im netz, jugendkriminalität und sex im rollstuhl. in urbanen wiener grätzln mit ihren "abgefuckten aber auch wildschönen ecken" zeichnen die beiden filmemacherinnen iliana estañol und johanna lietha das portrait einer wohlstandsverwahrlosten und allein gelassenen/auf sich selbst gestellten jugend, deren hauptproblem aber wohl die abwesenheit von echten problemen ist (so nach dem motto: herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun sollen). die erwachsenen, sofern überhaupt präsent, sind abziehbilder – überforderte eltern, ein bevormundender bewährungshelfer – einzig eine befreundete prostituierte mit spezieller klientel bringt ein bissel authentizität mit.
    und wenn man schon nicht weiß, was die probleme eigentlich sind (ja, die beiden damen haben sich halt von den mcdonald's-kund/inn/en ein paar saftige gschichterln erzählen lassen, weil sie offenbar selber nix zu erzählen gewusst haben), na dann endet der film auch schon mal ganz abrupt, ohne irgendein angerissenes thema weiter auszuführen. ende und aus. echt jetzt, ich war ziemlich baff, als der nachspann abgespult wurde.

    fazit: wenn ein film nicht wirklich was zu sagen hat außer banalitäten oder hunderte male erzähltes, und wenn man trotzdem freundlich sein will, weil die damen hier ihr regiedebüt abgeliefert haben und man froh ist, wenn man in corona-zeiten überhaupt noch ins kino gehen darf, dann liest man so sachen wie "mutig" und "inspirierend", "respektvolle darstellung", "intime einblicke" und "extraschuss authentizität" durch den cast ohne schauspiel-vorerfahrung. na ja. wenn ich die karten nicht gewonnen hätt...
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    14.09.2020
    00:27 Uhr
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    Jung, wild und unentschlossen

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Der Coming-of-Age-Film hat in Österreich im vergangenen Jahrzehnt einen ordentlichen Boom erlebt. Mit Beiträgen wie etwa „Siebzehn“ oder „L’Animale“ sind in den letzten Jahren hierzulande vermehrt Filme erschienen, die die Gefühle und Gedanken der Generation Z ernstnahmen und Jugendliche nicht einfach nur auf wandelnde Klischees reduzierten. Ein ähnlich glaubwürdiges Abbild der heutigen Jugend ist nun auch den beiden Filmemacherinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha mit ihrem gemeinsamen Regie-Debüt „Lovecut“ gelungen.

    In lose miteinander verwobenen Episoden erzählen die Regisseurinnen von sechs unterschiedlichen Jugendlichen, die sich im digitalen Zeitalter damit herumplagen, ihre eigene Identität zu entdecken oder dieser freien Lauf zu lassen. Da gibt es zum Beispiel die nach außen hin taffe Luka (Lou von Schrader), die über Tinder den etwas älteren Ben (Max Kuess) kennenlernt und anfängt, sich regelmäßig mit ihm zu treffen. Sie hat jedoch Probleme eine Beziehung mit echten Gefühlen einzugehen während er sich auf Bewährung befindet und Angst davor hat, wieder ins Gefängnis zu müssen.

    Der Episodenfilm widmet sich ebenfalls der aus Russland stammenden Momo (Melissa Irowa), die bereits seit längerem eine sinnliche Skype-Beziehung mit dem gleichaltrigen Alex (Valentin Gruber) führt. Was sie jedoch nicht weiß ist, dass der Teenager querschnittsgelähmt ist und eigentlich im Rollstuhl sitzt, weshalb Alex sich bisher vor einem persönlichen Treffen gedrückt hat. Obwohl er sich davor fürchtet, Momo die Wahrheit zu erzählen, möchte er ihr unbedingt auch im echten Leben näher kommen.

    Das dritte Pärchen, das der Film ins Zentrum rückt, sind Alex‘ älterer Stiefbruder Jakob (Kerem Abdelhamed) und dessen deutlich jüngere Freundin Julia (Sara Toth). Die beiden finden Gefallen daran, ihr verspieltes Sexualleben in Form von Posts auf sozialen Medien mit dem engeren Freundeskreis zu teilen. Dies bringt das Paar eines Tages auf die Idee ein Sex-Tape aufzuzeichnen und dieses dann – in der Hoffnung auf Entlohnung – online zu stellen. Als sich zeigt, wie viel Geld sich mit der Veröffentlichung der Videos tatsächlich verdienen lässt, präsentiert sich Julia immer offener der Idee gegenüber, während sich bei Jakob langsam erste Zweifel auftun.

    Was dem Episodenfilm auf alle Fälle zugute gehalten werden sollte, ist die durch und durch authentische Darstellung der Generation Z. Regisseurinnen Estañol und Lietha waren sichtlich daran bemüht, die Sorgen und Probleme der oft zu Unrecht als ‚Spaßgesellschaft‘ abgetanen Generation an Jugendlichen realitätsnah einzufangen. Vor allem in den ersten zwei Dritteln gelingt es dem Drama eindrucksvoll, ein glaubwürdiges Abziehbild einer Jugend zu schaffen, die durch moderne Errungenschaften wie Skype oder Tinder erste Erfahrungen im Liebesleben machen möchte – egal ob diese nun ein gutes oder böses Ende finden werden. Die Ängste der Jugendlichen, die von Nervosität davor, seine eigenen sexuellen Grenzen erstmals auszutesten, hinzu Furcht, sein Sexualleben mit der gesamten Welt im Netz teilen zu müssen, reichen. Diese nimmt der Film durch und durch ernst. Am besten funktioniert „Lovecut“ nämlich genau in den intimsten Momenten, wenn er seinen Figuren besonders nahesteht. Eindringlich bleibt vor allem eine sinnliche Szene, in der der querschnittsgelähmte Alex mithilfe eines empathischen Callgirls erstmals sexuelle Erfahrungen machen darf. Das Drama nimmt sich die Zeit, um die zärtliche Sinnlichkeit des Moments entfalten zu lassen, was die Authentizität umso mehr verstärkt.

    Generell lässt sich sagen, dass die Dynamiken der Beziehungen im Film (fast) zu jeder Sekunde ein authentisches Flair mit sich bringen, was sich definitiv auch auf die talentierte Darstellerriege zurückführen lässt. Theatralisches Overacting findet man hier keines, sondern fast ausschließlich natürliches Spiel, das auch vor ‚Wiener Mundart‘ keinen Halt macht. Einzig die Darstellung der erwachsenen Figuren (Eltern/Polizist*innen) wirkt nicht ganz so ausgereift und glaubwürdig wie die der Jugendlichen.

    Zu bemängeln wäre auch die Entscheidung, den Film trotz einer Laufzeit von gerade einmal 90 Minuten in Episoden aufzuteilen und gleich mit sechs Protagonist*innen vollzustopfen. Die Übergänge von einer Episode in die nächste sind ab und an etwas unelegant oder zu sprunghaft – obwohl diese thematisch wie teilweise auch narrativ durchaus ineinander übergehen. Zudem hat die für den reichhaltigen Erzählstoff zu kurz geratene Lauflänge zur Folge, dass die Schicksale der einzelnen Charaktere im finalen Drittel etwas gehetzt und zu bemüht auserzählt werden. Dies tut der vorangegangen Natürlichkeit leider ein wenig Abbruch. Etwas mehr Fokus und Zeit, um die aufgebauten Handlungsstränge und Konflikte organischer zu Ende zu führen, hätte dem sonst so sehenswerten Jugenddrama bestimmt gut getan.

    Nichtsdestotrotz ist Iliana Estañol und Johanna Lietha mit „Lovecut“ ein bemerkenswertes Regiedebüt gelungen, das vor allem unter Coming-of-Age-Liebhaber*innen viel Liebe erfahren dürfte. Ein einfühlsam erzähltes und die meiste Zeit über angenehm authentisch aufbereitetes Portrait einer jungen Generation, die nach außen hin frech und wild ist, innerlich aber auch mit eigenen Dämonen zu kämpfen hat.

    Energiereich, intim, ehrlich. So geht Coming-of-Age.
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    30.03.2020
    10:28 Uhr