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    Geschwisterliebe als Antrieb in einer ausweglosen Situation

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Die Brüder Arash und Arman T. Riahi waren schon in der Vergangenheit an mehreren sehenswerten österreichischen Produktionen beteiligt. Die Spiel- und Dokumentarfilme (u.a. „Kinders“ und „Everyday Rebellion“) der beiden aus dem Iran stammenden Filmemacher widmen sich in der Regel sozialpolitisch relevanten Themen. Während Arman vor drei Jahren die erfolgreiche Culture-Clash-Komödie „Die Migrantigen“ schrieb und inszenierte, verschlug es Arash in den letzten Jahren primär in den Sektor der Filmproduktion, wo er sich an spannenden heimischen Projekten wie „Die Einsiedler“ oder dem mehrfach ausgezeichneten „Cops“ beteiligte. Unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ hat Arash T. Riahi nun sein erstes eigenes Spielfilmprojekt seit der Veröffentlichung seines 2008 erschienenen Regiedebüts „Ein Augenblick Freiheit“ verwirklicht.

    Das Drama erzählt vom achtjährigen Oskar (Leopold Pallua) und der dreizehnjährigen Lilli (Rosa Zant), die vor sechs Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter (Ines Miro) von Tschetschenien nach Österreich flüchteten. Als der Familie eines Tages die Abschiebung droht und die Polizei deren Wohnung in Wien stürmt, sieht die an Depressionen leidende Mutter zunächst nur einen Ausweg: Suizid. Der Selbstmordversuch hat zur Folge, dass die beiden Kinder zu unterschiedlichen Pflegefamilien gebracht und vorläufig voneinander getrennt werden. Mit dieser Entscheidung wollen sich die beiden Geschwister aber nicht so einfach zufriedengeben und schmieden Pläne, um einander trotz der schwierigen Umstände immer noch sehen und auch hoffentlich ein baldiges Wiedersehen mit ihrer Mutter ermöglichen zu können. Die beiden Kinder betrachten Österreich nämlich als ihre Heimat und möchten diese unter keinen Umständen verlassen müssen.

    Riahi hat hier ein kraftvolles Drama geschaffen, das rauen Realismus mit einem hoffnungsvoll kindlichen Blick auf die Dinge vermischt. Der Regisseur vermittelt ein authentisches Bild einer durch Behörden zerrütteten Flüchtlingsfamilie, die trotz jeglicher Distanz den Zusammenhalt untereinander bewahren möchte. Gänzlich frei von manipulativem Kitsch wird hier im Kern eine ans Herz gehende Geschichte rundum ein Geschwisterpaar erzählt, das sich nicht einfach so entzweireißen lässt. Die große Stärke des Films liegt eben darin, das Narrativ aus der Perspektive der jungen Protagonist*innen heraus entfalten zu lassen. Durch die kindliche Sichtweise wird dem Drama stellenweise ein beschwingter Optimismus verliehen, der einem das Gesehene leichter verdauen lässt. Die deutlich spürbare Liebe unter den beiden Geschwistern und deren unfassbare Stärke dafür, auch in schweren Zeiten nicht die Kraft und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft für ihre Familie zu verlieren, verleiht dem Film seine schwungvolle, frische Energie. Riahi hat hier kein einfaches Betroffenheitsdrama gedreht, sondern ein zutiefst menschliches Werk, das seine jungen Hauptfiguren nie zu wandelnden Karikaturen verkommen lässt.

    Trotz des tragischen Grundtons, lässt sich so also auch die ein oder andere humorvolle Note wiederfinden. Wenn denn nun der smarte Oskar an einem Moment im Film den scheinheiligen Vegetarismus seiner neuen Pflegefamilie entlarvt, dann wird das mit Sicherheit für den einen oder anderen Lacher im Publikum sorgen. Allgemein sei es zu loben, dass keine der Figuren wirkt, wie am Reißbrett entworfen und selbst einer jeden Nebenfigur – mag diese anfangs noch so unsympathisch daherkommen – nötige Ecken und Kanten verliehen wurde, um Eindimensionalität zu vermeiden.

    Die höchst beeindruckende Besetzung tut dafür ihr Übriges. Trotz ihrer jungen Jahre verblüffen der achtjährige Leopold Pallua und die dreizehnjährige Rosa Zant mit durchgehend natürlichem Spiel voller rauer Emotion. Aus der Riege an Nebendarsteller*innen sei vor allem die 83-jährige Christine Ostermayer hervorzuheben, die mit der an Parkinson leidenden Großmutter Erika Oskars einzig wahre Bezugsperson innerhalb seiner neuen Pflegefamilie mimt. Diese verkörpert Ostermayer mit einer nahezu erschreckend realitätsnahen physischen Hingabe.

    Abseits all der narrativen und schauspielerischen Stärken, weiß das Drama auch durch seine inszenatorischen Spielereien zu glänzen. Wundervoll kontrastreiche Aufnahmen untermalen den kaum entrinnbaren aber dennoch mit Hoffnungsschimmern gefüllten Mikrokosmos, in dem sich das Geschwister-Duo fortbewegt, passend. Besonders eindringlich ist eine (scheinbar?) durch eine Wasserpfütze gefilmte Einstellung, die als stilistische Trickserei zu faszinieren weiß.

    Unterm Strich ist Arash T. Riahi mit „Ein bisschen bleiben wir noch“ ein aufwühlendes Flüchtlingsdrama gelungen, das durch seinen kindlichen Blick auch Momente voller Glück und menschlicher Freude in sich birgt - die Tragik, die unter der Oberfläche liegt, aber an keiner Stelle verharmlost. Letztendlich mündet das Drama in ein poetisches Schlussbild, das in seiner Ambiguität gewiss einiges offen lässt, aber den Film dennoch auf einer aussichtsreichen Note enden lässt.

    Gesellschaftlich relevantes Kino made in Austria!
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    28.03.2020
    09:55 Uhr