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    Hinter verschlossenen Türen

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Die junge australische Regisseurin Kitty Green ist nicht das erste Mal auf der Berlinale. Bereits 2017 war sie mit ihrer sehenswerten Netflix-Dokumentation „Casting JonBenet“ zu Gast. Heuer zeigt sie hier ihren neuen Spielfilm und Sundance-Liebling „The Assistent“. Der Film begleitet die Assistentin eines erfolgreichen Hollywood-Produzenten an einem für sie normalen Arbeitstag. So glanzvoll die Branche ist, für die sie arbeitet, in ihrem Arbeitsalltag wird ihr schnell klar, es ist nicht alles Gold, was glänzt.

    Jane ist das Mädchen für alles und noch mehr. Völlig überarbeitet hält sie die Ordnung im Büro, steht stundenlang am Kopierer und hält ihrem Boss die Ehefrau vom Hals. Doch als sie an diesem Tag zunehmend Indizien findet, dass ihr Arbeitgeber seine machtvolle Position dazu ausnutzt, um mit jungen, hübschen Frauen intim zu werden, sieht sie Handlungsbedarf. Als sie versucht, eine Beschwerde über das Fehlverhalten ihres Chefs einzureichen, muss sie jedoch feststellen, dass Wegschauen zu den Haupttätigkeiten einer Assistentin gehört.

    Wem das bekannt vorkommt, der liegt richtig in der Annahme, dass der Film von Harvey Weinstein inspiriert ist. Zwar wird der dubiose Boss nicht mit Namen genannt, dennoch lässt Green keinen Zweifel daran. Die Figur des Produzenten bleibt immer hinter verschlossener Tür und das, was er tut, auch. Dennoch ist seine Macht überall im Büro präsent, auch in Hinblick auf Jane. Die ehrgeizige Assistentin muss sich schließlich mit Karriereversprechungen vertrösten lassen.

    Julia Garner spielt die konstant angespannte, fragile Assistentin hervorragend. Sie ist von Anfang bis Ende in jeder Kameraeinstellung und man kann die ganze Handlung des Films an ihrem Gesicht ablesen, das fast dauernd mit Tränen kämpft. Man erwartet ihren Zusammenbruch, doch er bleibt aus. Genau wie man auf den Zusammenbruchs dieses Machtsystems in Hollywood gewartet hat und lange nichts passiert ist. Am Ende war der ganze Film dann viel Lärm um nichts. Der Arbeitstag ist überstanden und der Film auch. Konsequenzen gibt es keine. Damit ahnt Green nach, wie sich das Leben für Frauen vor der #MeToo-Bewegung angefühlt haben muss. Es gibt kein befriedigendes Ende für eine Situation, die nur die Weinsteins der Branche befriedigen soll.

    Kitty Green ist mit „The Assistent“ ein ungemütliches Portrait der Filmindustrie vor der #MeToo-Ära gelungen, dass uns auch vor Augen führt, wieso es so lange gedauert hat, bis das Machtgefüge endlich kollabiert ist. Schuld ist nicht nur Weinstein, sondern auch all jene, die zugesehen haben - oder eben weggeschaut haben.
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    23.02.2020
    17:05 Uhr