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    Das Märchen von Leonard und Marianne

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Eine Frau mit hellen Haaren betrachtet eine Statue. Ein Foto. Schwarzweiß. Ihr Gesicht erzählt, obwohl sie stumm bleibt. Marianne. Ein junges Paar am Strand. Hand in Hand. Sonne. Sand. Hitze. Schwarzweiß. Leonard und Marianne. Marianne ist gestorben. Im Voiceover hören wir den Brief, den Leonard ihr kurz zuvor geschickt hat. Briefe haben die beiden auch dann noch verbunden, als alles andere schwer geworden war. Die Worte der Liebe haben nie aufgehört.

    Leonard, der nach Marianne ruft, „Marianne, I hope you are here“, bevor er vor 660.000 Zuschauern auf der Isle of Wight sein „So long, Marianne“ anstimmt. Dabei kann das gar nicht Marianne sein, die Norwegerin, denn in ihrem Namen spricht man das ne hinten aus. Marianne, die Kümmerin, Musenfrau, die auch den Filmregisseur zu seinem ersten Film inspiriert hat.

    Nick Broomfield erzählt eine Geschichte über die Transformation eines Dichters, der in seinen Anfängen so unsicher ist wie die Frau, die er kennenlernt, unter der gleisenden Inselsonne, die alles andere wegbrennt. Das, was vorher war. Da, wo die sich treffen, die flüchten, vor ihren Familien, vor sich selbst. Die das Weggehen in sich tragen. „I never felt beautiful“, sagt Marianne über sich, und auch Leonard habe nicht gewusst, wie gutaussehend er war. Er arbeitet auf Hydra an seinem zweiten und letzten Buch „Beautiful losers“. Sie geht einkaufen, macht es ihm gemütlich, während er in der Sonne Kaffee trinkt, Amphetamine nimmt und schreibt und schreibt. Drei Seiten pro Tag ist die Quote. Das Buch wird bei seinem Erscheinen verrissen, und so wendet Leonard sich der Musik zu. Damit beginnt sein Aufstieg, aber auch die Schwierigkeiten in der Beziehung mit Marianne, die erst auf Hydra bleibt, dann aber zu ihm nach New York zieht, der Anfang vom Ende.

    Nick Broomfield erzählt eine Geschichte über eine Frau, deren Kunst das Leben war. Muse für ihren ersten Mann, einen gewalttätigen Schriftsteller, Muse für Leonard, Muse für Nick, Muse für viele andere. Die nur für den eigenen Sohn keine Muse sein konnte. Nick selbst hat Marianne in den frühen Tagen auf der Insel gefilmt. Am Boot, mit ihrem kleinen Sohn, so blond wie sie, im Hintergrund das blaue blaue Meer und die Sehnsuchtsinsel. Wir sehen oft Mariannes Rücken, wie sie aufs Meer schaut. Wir erfahren viel über die Frau, aus ihrem eigenen Mund, aus Leonards Mund, aus dem Mund anderer, und erfahren doch auch wenig. Broomfield verschränkt Fotomaterial, Videomaterial, auf dem Marianne oder Leonard zu sehen sind, Konzertausschnitte, Interviews mit Weggefährten und Bilder der Insel Hydra zu einem magischen Teppich, in den die Geschichte der beiden und seine eigene Sehnsucht nach dem Zurückdrehen der Zeit, nach dem Erhaschen des flüchtigen Moments, nach einer Rückkehr auf diese Insel und in die Jugend hineingewebt scheint.

    Der Moment muss aber vorübergehen, zurück bleiben Worte, Lieder, zwei Menschen, die sich auch nach vielen Jahren noch etwas zu sagen haben.

    Als das Voiceover von Leonards Entscheidung berichtet, allein das halbe Jahr über in Montreal zu leben, sieht man Marianne vom Boot ins Meer springen, die braungebrannte Haut unter den blonden Haaren vor diesem endlosen Blau unter der heißen Sonne. Die Kamera zoomt sie nah heran, so nah, dass sie unscharf wird. Aufgelöst.

    Wer „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann, in dem Anja Plaschg alias Soap&Skin und Laurence Rupp den Briefwechsel von Paul Celan und Ingeborg Bachmann einsprechen, gesehen hat, kennt das Gefühl, aus dem Kino zu gehen und Zeuge einer großen Liebesgeschichte geworden zu sein. So geht es einem auch bei diesem Film: Kindheits-, Erwachsenen-, Stadt-, Land-, Insel-, Meer-, und Menschenbilder, Bilder, Worte und Melodien, die streicheln, verweben sich zu einem Ganzen, das einen wie ein Leonard Cohen-Lied irgendwo innen anrührt.

    Aber auch wenn die Depression, die Frauengeschichten und die ödipal schwierige und verrückte Mutter Leonards und das Schicksal von Mariannes Sohn nicht ausgespart bleiben, kommen sie so zart daher, dass das Gefühl bleibt, dass es einem so gehen könnte, wie wenn man dann „Herzzeit“, den Briefwechsel zwischen Paul und Ingeborg, wirklich nachliest. Dass das Märchen, das im Film gemalt wurde, sich irgendwie doch recht rasch entzaubern könnte.
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    27.10.2019
    12:38 Uhr