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    Etwas fad geratenes Familiendrama

    Exklusiv für Uncut vom Karlovy Vary Film Festival
    In „After the Wedding“, der heuer das 54. Karlovy Vary Film Festival eröffnete, schafft US-Regisseur Bart Freundlich ein Remake des gleichnamigen dänischen Films von 2006. Statt Mad Mikkelsen stehen nun Michelle Williams und Julianne Moore im Mittelpunkt, da Freundlich zudem noch einen Gender-Swap in den Hauptcharakteren vorgenommen hat. Statt zwei Männern sind es nun Frauen, eine Idealistin und eine Millionärin, die sich bei ihrem Aufeinandertreffen zusammenraufen müssen.

    Der Film beginnt mit Isabel (Michelle Williams), einer Frau um die 40, die in Indien ein finanziell unterfinanziertes Waisenhaus betreibt. Um eine größere Spende aus der Heimat zu erhalten, muss sie nach New York reisen, wo die reiche Magazinverlegerin Teresa (Julianne Moore) sie persönlich treffen will, bevor sie den Scheck unterschreibt. Doch statt einem kurzen Meeting zögert Teresa mit der Finalisierung der Spende und ladet Isabel vielmehr ein, bei der Hochzeit ihrer Tochter Grace (Abby Quinn) dabei zu sein. Isabel willigt ein und trifft nicht nur Grace sondern auch ihre alte Liebschaft Oscar (Billy Crudup), der, Überraschung, auch Teresas Ehemann ist. Die beiden trennten sich vor Jahren, nachdem Isabel schwanger geworden war und sie das Baby zu Adoption freigegeben hatten. Doch als Isabel erfährt, dass Teresa gar nicht Graces leibliche Mutter ist, jedoch Oscar durchaus blutsverwandt, wird langsam klar aus welcher Richtung der Wind bläst.

    Wie der Titel verrät spielt sich ein Großteil des Dramas nach der Eheschließung ab, inklusive Tränen, Offenbarungen und Aussprachen. Das Waisenhaus gerät wie auch schon im Original etwas in den Hintergrund, den in erster Linie geht es um das Drama vor Ort und die Gründe, warum Teresa Isabel nach New York gerufen hat. Freundlich bietet dem Zuseher schwungvolle Kameraarbeit und einen empathischen Soundtrack, kann sich aber nicht aus den soap-haften Elementen befreien, die seinen Film etwas banal wirken lassen. Reiche Menschen und ihre Sippenprobleme. Es ist nur dank der Darsteller, dass man überhaupt in die Figuren investiert ist.

    Regisseur Bart Freundlich macht einige mutige Änderungen zum Original von Susanne Bier, aber einiges wirkt nur halbgar und verwirrend. Das offensichtlichste Problem ist jener des Gender-Swaps. Während es im Original durchaus plausibel ist, dass Mikkelsens Charakter nichts von der Schwangerschaft seiner Ex wusste, wirkt es sehr bizarr dass Williams feststellen muss, dass ihr Ex das Kind aus der Adoption zu sich zurückgeholt hat und stillschweigend großgezogen hat. Mikkelsens Charakter ist ahnungslos, hier schwingt die jahrelange Schuld mit, das eigene Kind abgegeben zu haben. Das ist das Material, von dem nachmittägliche Talkshows leben.

    Williams bringt wie immer eine gewohnt gute Leistung, indem sich Verunsicherung und Überforderung in ihre eigenbrödlerische Figur einflechtet, die nun nicht nur mit einer neuen Position konfrontiert wird, sondern auch einer ungeahnten Familie. Moore wirkt zuerst wie eine großspurige Neureiche, beginnt aber über den Lauf des Films Verletzlichkeit und ein großes Herz zu zeigen. So sehr, dass der Film ihr gegenüber in eine Art, sogar namentlich passend, Mutter-Teresa-Komplex verfällt und Williams etwas zur Seite gedrängt wird.

    Dass Isabel aus einer niedrigeren Bevölkerungsschicht stammt und nun die Welt der Reichen und Schönen navigiert wäre auch ein guter inhaltlicher Aufhänger gewesen, doch Freundlich ignoriert ihn geflieslich. Fast ist man an den Berlinale Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ erinnert, wo Armut und Reichtum oft nur einen Türschlitz voneinander entfernt und leicht überquerbar scheinen. Sei nicht so vorurteilhaft gegenüber Reichen, scheint der Film zu schreien, und nimmt sich selbst jegliche Sympathie.

    Während Williams und Moore sich schauspielerisch immerhin noch komplementieren, ist Crudup ein wenig das fünfte Rad am Wagen, das wenig zu tun bekommt. Fast fragt man sich, was je einer der Frauen an ihm gefunden hat. Quinn als die dreifache Tochter liefert eine hervorragende Leistung und zeigt eine sensible Frau, deren die Machenschaften ihrer Eltern und ihr doch nicht so rosiges Eheleben durchaus zusetzen.

    War das Original schon manchmal bei den Haaren herbeigezogen, spielt das Remake noch mehr in einer Märchenwelt, in der gewisse härtere Realitäten und Konfrontation entweder abgewürgt oder vermieden werden. Der Film verlangt emotionales Investment, bietet aber wenig, um dies auch wirklich auszulösen, egal wie sehr Williams und Moore auf der Leinwand dafür leiden.
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    30.08.2019
    13:31 Uhr