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    Mehr Schein als Sein

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Welche Rolle spielt Kritik im Leben eines Künstlers?

    Sind Kritik und Kunst tatsächlich zwei stets voneinander abhängige Prozesse?

    Fragen wie diesen will der italienische Filmemacher Giuseppe Capotondi in seinem neuesten Werk „The Burnt Orange Heresy“ nachgehen.

    Basierend auf den gleichnamigen Roman von Charles Willeford (hierzulande: „Ketzerei in Orange“) erzählt Capotondi in seinem Film vom charismatischen Kunstkritiker James Figueras (Claes Bang). Dieser ist der Ansicht, dass Kritiker – im Gegensatz zum Künstler selbst – oftmals die Macht dazu besitzen, die Rezeption eines Kunstwerks nach außen zu manipulieren. Während einer seiner Vorträge lernt er die US-amerikanische Touristin Berenice Hollis (Elizabeth Debicki) kennen, mit der er nur kurze Zeit später eine Beziehung eingeht. Als James eines Tages aufs Anwesen des steinreichen Kunsthändlers Joseph Cassidy (Mick Jagger) eingeladen wird und Berenice dorthin mitnimmt, ahnt der Kritiker zunächst nicht, welch schwierige Aufgabe ihm bevorsteht. Cassidy bittet den Kunstkritiker nämlich darum, ihm ein Gemälde des hoch angesehenen Malers Jerome Dabney (Donald Sutherland) zu beschaffen. Dabney, dessen Schaffen einst gänzlich durch einen verheerenden Brand vernichtet worden war, hat mittlerweile im Geheimen wieder damit angefangen, neue Kunst zu produzieren. Als Dinge jedoch nicht ganz nach Plan zu verlaufen scheinen, zeigt James schon bald sein wahres Gesicht....

    Bei „The Burnt Orange Heresy“ ist eine Art Neo-Noir-Thriller mit satirischen Zügen herausgekommen, der viele deliziöse Zutaten in den Topf wirft, die jedoch in ihrer Summe zu keinem gänzlich schmackhaften Erlebnis führen. Das größte Lob gebührt zweifelsohne der Riege an DarstellerInnen, die allesamt einen außerordentlich guten Job abliefern. „The Square“-Star Claes Bang beeindruckt mit facettenreichem Spiel, bei dem sowohl ein versnobter Kunstkritiker mit unwiderstehlichem Charisma als auch eine düstere Seite, die kaum moralische Grenzen kennt, zum Vorschein kommen. Ihm gegenübergestellt ist die fabelhafte Elizabeth Debicki (u.A.: „Widows“), die als die smarte US-Touristin Berenice eine ebenso gute Figur macht und überzeugende Chemie zu ihrem Counterpart aufbaut. Auch Hollywood-Legende Donald Sutherland geht – wie man es vom Schauspielaltmeister auch nicht anders erwarten sollte – in seiner Rolle des gebrochenen und in die Jahre gekommenen Malers Jerome Dabney vollkommen auf. Überraschend kommt hingegen die erstaunlich gute Schauspieldarbietung von „Rolling Stones“-Frontmann Mick Jagger, dem als karikiert exzentrischer Kunsthändler Joseph Cassidy ein paar der lustigsten Passagen des Films zu Teil werden.

    Auch das Drehbuch der Roman-Verfilmung hat sichtbar große Ambitionen, kann diesen aber leider nicht gerecht werden. Streckenweise ist es zwar unterhaltsam, überzeichnet abgehobenen Personen dabei zuzuhören, wie diese selbstgefällig über Kunst schwadronieren, zumeist kratzt die Adaption in ihren Motiven aber zu sehr an der Oberfläche, um wirklich zu einer aussagekräftigen Pointe zu kommen. Der bemüht smarte Eindruck, den der Film machen will, kommt über weite Teile hinweg viel eher pseudo-intellektuell daher. Das durchaus elegant ausgestattete Verwirrspielchen wäre gern ein stylisher Thriller in der Liga eines Alfred Hitchcocks - dafür fehlt es Capotondis Werk jedoch an der notwendigen Scharfsinnigkeit und ausgereiftem Handwerk.

    „The Burnt Orange Heresy“ gibt vor mehr zu sein, als er an der Oberfläche überhaupt zu bieten hat. Trotz eines groß aufspielenden Casts und interessanten Versatzstücken, schafft es die Buchadaption nicht, diese in ein funktionierendes Ganzes unterzubringen. Spätestens wenn der Film dann in ein Finale mündet, das in seinem Schockfaktor fast schon billig daherkommt, realisiert man, dass nicht nur Figuren im Film, sondern leider auch der Zuschauer selbst, die ganze Zeit über an der Nase herumgeführt wurden.
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    16.09.2019
    09:03 Uhr