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    Les misérables

    Was Ladj Ly in seinem Erstlingswerk zeigt, geht unter die Haut. Wer hier eine modernisierte Fassung von Victor Hugo's vielfach interpretierten Werk erwartet, wird die 105 min vergeblich auf Gesangseinlagen warten. Obwohl im Film Figuren bereits zu Beginn Bezug auf Victor Hugo nehmen ('Hei, Pommade - warum heißt die verfickte Schule hier Victor Hugo?) und die Geschichte selbst in Montfermeil spielt, jenen Ort wo auch auch der Roman 'Les Miserables' spielt, ist der von Ly gewählte Bezug diffiziler. Erst im Laufe der Geschichte ergeben sich Ähnlichkeiten bestimmter Figuren zum berühmten Vorlage.
    Ly zeigt das Leben in Montfermeil aus der Perspektive des gerade aus der bürgerlichen Provinz zugezogenen Polizisten Stepahne, der zumindest bis zur Hälfte des Films dem Treiben seiner erfahrenen Kollegen distanziert zusieht. Was er im Alltag mit seinen Kollegen erlebt, ist die Hölle. Sein Kollege Chris, Anführer seiner Einheit ist ein cholerischer Rassist dessen einziges Mittel sich Respekt zu Verschaffen Einschüchterung und pure Gewalt ist. Gwada, sein arabisch stämmiger Kollege versucht zumindest seinen Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen, verliert aber in kritischen Situationen seine Zurückhaltung und ist ebenfalls durch Vorurteile und negativen Erfahrungen geprägt. Geschickt führt uns Ly mittels der Perspektive von Stephane in eine Welt ein, die wir so bisher noch nicht gesehen haben. Gewalt ist an der Tagesordnung, Übergriffe der Polizei durch Stephane und seine Kollegen (und seien sie noch so massiv) geschehen und werden vertuscht. Montfermeil ist ein Krisengebiet, ein brodelndes Gemenge wo der kleinste Funke einen Flächenbrand auszulösen vermag. Ly versteht es meisterhaft die explosive Stimmung in der Bevölkerung einzufangen. Sein Blick ist authentisch und differenziert zugleich! Man merkt, dass Ly weiß, wovon er spricht. Bereits zuvor dokumentierte Ly zwei Jahre lang das Leben in Montfermeil nach den Unruhen der Jahre 2005. 'Les Miserables' ist somit die Verarbeitung seiner Erfahrungen und die Transformation des Stoffes in einen Spielfilm.
    Bei den Filmfestpielen in Cannes wurde die Qualität dieses Erstlingswerks erkannt und mit dem Preis der Jury honoriert!
    Das dieser Film mit dem Prädikat 'Besonders wertvoll' der deutschen Film- und Medienbewertung ausgezeichnet wurde, verwundert keineswegs!
    Dieser Film ist kein leicht zu konsumierender Film - trotzdem sollte man gerade wegen der nicht moralisierenden Geschichte und einer Authentizität wie sie in Filmen seit Jahren nicht mehr zu sehen ist diesen Film sehen.
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    02.02.2020
    18:51 Uhr