Forum zu Chaos

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    Im Frieden über den Krieg reden hört man nicht gerne...

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Die Entscheidung der Jury der Diagonale, ausgerechnet diesen Film in der Kategorie „Bester Spielfilm“ auszuzeichnen kann man am ehesten noch aus einer politischen Perspektive verstehen. Sie reiht sich somit in die Reihe jener Filme wie „La Teta Asustada“ oder „An Ordinary Day In The Life Of An Iron Picker“ auf der Berlinale ein, die entweder als bester Film oder für ihre Darsteller Preise bekommen hatten, die in Wahrheit gar keine Schauspieler sind und sich selbst spielen oder mit ihrer filmischen Machart nur den Geschmack einer sehr kleinen Gruppe zufriedenstellen können.

    Sarah Fattahis Film ist nämlich gar kein Spielfilm. Es wird weder eine durchgängige Handlung erzählt noch gäbe es so etwas wie eine Dramaturgie, geschweige denn greifbare Darsteller. Die gezeigten Figuren, drei Frauen an verschiedenen Orten der Welt, haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam und doch verbindet sie auf eine bestimmte Weise die Erfahrung des Krieges und des Verlustes ganz enger Angehöriger. Eine hat es aus Syrien ins Exil nach Schweden geschafft, die andere lebt nach dem Verlust ihres 16-jährigen Sohnes alleine in einer nicht näher genannten arabischen Stadt und die dritte streift schweigend und so gut wie gesichts- und ausdruckslos durch ein kühles, abweisendes, hektisches Wien, in dem sie keine Ruhe findet. Zwischendurch sind Auszüge aus einem Interview mit Ingeborg Bachmann eingeblendet, in dem es über das Verhältnis ihrer Literatur zum Krieg bzw. dem Frieden geht. Jede der Frauen hat ihre persönliche Geschichte und ihre individuelle Strategie, mit dem Erlebten umzugehen. Die Regisseurin setzt hier aber nicht auf Kontinuität der Erzählung sondern mischt die einzelnen Gespräche, die sie mit den beiden Frauen geführt hat, immer wieder untereinander. So entsteht ein Eindruck des Chaos, der dem Titel gerecht wird. Unruhe, das Gefühl nirgendwo ankommen zu können, stellt sich ein, herumgerissen zu sein zwischen drei Orten, allesamt fremd, allesamt menschenleer.

    Der bewusste Verzicht auf die Darstellung des Erzählten kann beim Publikum genau das vor dem inneren Auge sichtbar machen, wie man es z.B. von Michael Hanekes Filmen kennt. Hier jedoch geht die Rechnung nicht auf: zu keiner der Figuren lässt sich eine Sympathiebeziehung aufbauen und so können weder die Depressiv-Suizidale, noch die zwischen zärtlicher Bedachtsamkeit und blutiger Rache Pendelnde das Publikum auf ihre Seite ziehen. Ganz zu schweigen (im wahrsten Sinne des Wortes) von der dritten Frau, die man fast immer nur von Hinten zu sehen bekommt. Sie wird zur wortlosen Anklägerin des Verlustes, des Schmerzes, der Traurigkeit.

    Sarah Fattahis Film ist auch keine Dokumentation, sondern vielmehr eine einigermaßen chaotische Montage einzelner Schicksale mit einer Portion sperriger Literaturzitate. Ihr Film entzieht sich eigentlich jeder Kategorisierung gleichermaßen wie jedem noch so kleinen Versuch der umfassenden Deutung des Gezeigten. Am ehesten erscheint dabei noch der Aspekt greifbar zu sein, den Gedanken in den Kopf des Publikums zu pflanzen, einmal darüber nachzudenken, dass die bloße Flucht vom Schauplatz eines Krieges in eine äußerliche Sicherheit alleine die Heilung der seelischen Wunden nicht zu leisten vermag. Von der Tilgung der traumatischen Erlebnisse ganz zu schweigen.

    Als politisches Statement in einer Zeit, in der Menschen zunehmend immun gegen Kriegsberichte und empathischem Mitgefühl angesichts der Schicksale Vertriebener werden, lässt sich der Diagonale-Preis in aller guten Absicht nachvollziehen. Angesichts des so vielfältigen und großartigen Schaffens zahlreicher FilmemacherInnen in Österreich hätte man den Preis aber auch an einen „richtigen“ Spielfilm vergeben können. So bleibt zu guter Letzt in Ansätzen nur mehr der Umkehrschluss im Raum stehen, dass das österreichische Filmschaffen in „Chaos“ heuer angeblich seinen Zenit erreicht hätte – dies ist wohl sehr wahrscheinlich nicht der Fall.
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    25.03.2019
    17:00 Uhr