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    Ein guter Genremix mit Herz und Verstand

    Eldritch Advice
    Spanien ist ein schönes Land. Es verfügt nicht nur über eine sehr unterschätzte, qualitativ hochwertige Filmlandschaft, sondern ist zudem äußerst Fantasy-affin. Dies mag mitunter daran liegen, dass dort zu Beginn der 80er-Jahre mit „Conan der Barbar“ der beste Film aller Zeiten gedreht wurde. Seither verkaufen in sich Spanien jedwede Bücher, Comics und Figuren rund um den Krieger aus Cimmerien besonders gut. Leider hat sich dieser Trend nur selten auf die spanische Filmindustrie übertragen. Somit sind „Sword & Sorcery“-Filme auf der iberischen Halbinsel leider Mangelware. Eine der wenigen Ausnahmen ist das zum Jahreswechsel von 1999 auf 2000 erschienene Werk „The Heart of the Warrior“ des Regisseurs Daniel Monzón.

    Der muskulöse Krieger Beldar macht sich mit seiner betörenden Partnerin Sonja auf den beschwerlichen Weg in der Gruft der Tausend Augen um dort das sagenumwobene Herz des Kriegers an sich zu bringen. Es ist weithin bekannt, dass dieses Artefakt von unschätzbarem Wert ist. Weniger bekannt ist allerdings, das darüber hinaus ein schwerer Fluch darauf lastet. Als es Beldar gelingt das Herz an sich zu reißen, erwacht er kurz danach im Madrid der späten 90er-Jahre im Körper des Teenagers Ramon. Beldar muss erschrocken feststellen, dass Ramon und seine Freunde sein Schicksal in ihren nächtlichen Pen-&-Paper-Rollenspielrunden bestimmen. Um den Fluch zu lösen und in seine Heimat zurückzukehren muss Beldar den Anführer des Ordens der Tausend Augen töten. Kein leichtes Unterfangen im Körper eines Teenagers, insbesondere wenn man bedenkt, dass es sich hierbei lediglich um ein Trugbild von Ramon handeln könnte, der das Rollenspiel wesentlich zu ernst nehmen scheint.

    Ich muss sagen … diese Produktion geht wesentlich tiefer als man erwartet.

    Spanische Produktionen verfügen nur selten über ein Budget für üppige Spezialeffekte, aber dafür über wahre Meister ihres Faches. „The Heart of the Warrior“ ist ein Beweis dafür. Hier hat man es geschafft trotz eines geringen Budgets sehr viel für das Auge zu bieten. Besonders hervorheben möchte ich die herausragenden praktischen Effekte, aber auch in Sachen CGI lässt sich dieses Werk nicht lumpen und bietet mehr als nur ansehnliche Computereffekte. Geld wurde natürlich damit gespart, dass der Film primär in Madrid spielt. Normalerweise eine bei Fantasyfans sehr verpönte Taktik, die hier aber aufgrund des kreativen Drehbuchs vollends aufgeht. Wie die Charaktere selbst wissen wir nicht ob das Abenteuer von realer Natur oder aber ein Hirngespinst von Ramon ist. Monzón lässt das Publikum selbst entscheiden ob es sich hierbei um Realität oder Fiktion handelt. Dadurch stellt dieser Film ein wahrlich fesselndes Erlebnis dar und hat mehr Tiefe als man bei einem Genremix aus Sword & Sorcery, Komödie und Drama erwarten würde. Dazu trägt auch der gelungene Score von Roque Baños bei. Ein vielseitiges Frühwerk des Komponisten, der später an größeren Produktionen wie dem „Evil Dead“-Remake und „Don't Breathe“ mitwirkte.

    Nach bekannten Namen sucht man in „The Heart of the Warrior“ vergebens. Lediglich Santiago Segura, der in diesem Film den Zauberer Netheril darstellt, dürfte zumindest eingefleischten Del Toro Fans ein Begriff sein, denn er gilt als einer seiner Lieblingsschauspieler und ist dadurch in Filmen wie „Blade II“, „Hellboy“ oder „Pacific Rim“ in kleineren Rollen vertreten. Selbst wenn die restliche Besetzung bisher international nicht für Aufsehen sorgen konnte, so habe ich für ihre Darbietung nur Lob übrig. Besonders für Fernando Ramallo als Ramon sowie Joel Joan als Beldar. Beiden gelingt es nicht bloß den Film zu tragen, sondern aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit das Publikum über die gesamte Länge des Films darüber im Unklaren zu lassen, ob Beldar eine reale Figur oder eine Einbildung von Ramon ist. Deswegen empfehle ich auch den Film in spanisch mit deutschen Untertiteln zu genießen.

    Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

    „The Heart of the Warrior“ ist ein Film wie ich ihn liebe. Auch wenn man auf den ersten Blick der Meinung sein kann, dass Pen-&-Paper-Rollenspiele nicht sonderlich gut wegkommen; insbesondere wenn man glaubt, dass die ganze Geschichte auf Ramons Einbildung basiert. Doch dem ist nicht so. Zwar wird das Rollenspiel einerseits vereinfacht und humorvoll dargestellt, anderseits aber auf eine Art und Weise auf die Rollenspieler selbst über ihr Hobby scherzen. Zudem gibt es zahlreiche Easter Eggs für aufmerksame Genreliebhaber. Neben einen Blind Guardian Poster, einem Sweater mit einer der legendären Conan Darstellungen von Frank Frazetta oder der Verwendung von Roben für den Orden der Tausend Augen, die entweder aus dem originalen Kostümfundus stammen oder zumindest 1:1 Kopien der Roben der Anhänger von Thulsa Doom aus „Conan der Barbar“ sind, gibt zahlreiche weitere Vermerke auf dieses fantastische Genre zu entdecken. Kritik lasse ich nur am Ende gelten, das für mich kein krönender Abschluss für solch einen guten Film ist und keine wirkliche Konklusion darstellt.

    Trotz alledem wird dieses Werk nur selten behandelt, wenn man nach Fantasyfilmen im Generellen oder „Sword & Sorcery“-Filmen im Besonderen sucht. Dies liegt höchstwahrscheinlich daran, dass der Großteil des Films in unserer Welt spielt. Doch wenn man wie ich der Meinung ist, dass Beldars Queste real ist, hat man es hier mit einem vollwertigen Vertreter des Fantasygenres zu tun, der nicht nur unterhaltsam ist, sondern darüber hinaus über ein Drehbuch verfügt, dass zum Mitdenken anregt ohne dabei überheblich zu wirken. Darum kann ich diese qualitativ hochwertige spanische Produktion nicht nur Genrefans, sondern ferner jedem Filmfan ans Herz legen. „The Heart of the Warrior“ ist ein wahrlich guter Film, der nur aufgrund seines nicht zufriedenstellenden Endes kein großartigerer Film ist, aber eines ist er definitiv; eines freitäglichen Filmabends würdig.
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    22.02.2019
    10:20 Uhr