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    Brilliante Gesellschaftsstudie Mazedoniens

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Der erste mazedonische Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale und schon Standing Ovations bei der Pressekonferenz. Regisseurin Teona Strugar Mitevska gelingt mit „God Exists, Her Name is Petrunjia“ ein Überraschungserfolg. Der Film, der auf satirische aber auch tragische Weise die Geschlechterdiskriminierung, Religion und eingefahrene Traditionen in Mazedonien anklagt, ist ein rundum gelungener Einstand für das kleine Land.

    Auslöserin dieser Aufruhr ist die 32-jährige Petrunija (Zorica Nusheva). Die junge Frau lebt bei ihren Eltern und ist arbeitslos, da ihr Universitätsabschluss in Geschichte daheim nutzlos ist. Ihre Mutter bemängelt zudem auch immer wieder ihr Aussehen und schickt sie zu Bewerbungsgesprächen ohne Aussicht. Als sie nach einem solchen wieder einmal ohne Erfolg nach Hause geschickt wird, kommt sie auf dem Weg an einer kirchlichen Zeremonie vorbei. Der Priester des Ortes wirft ein Kreuz in den Fluss, die Männer springen hinterher um es herauszufischen. Wer es als erster erwischt dem winkt ein Jahr voller Glück. Doch statt einem Mann ist es diesmal eine Frau, die das Kreuz aus dem Wasser zieht. Petrunija ist ebenfalls hineingesprungen und gewinnt. Ihr Umfeld ist empört. Während ihre Freundin Blagica (Andrijana Kolevska) und der Polizist Darko (Stefan Vujisic) sie für ihre Kühnheit bewundern, sind die ihr unterlegenen Männer, die Kirche und sogar ihre Mutter schockiert. Petrunjia wird auf die Polizeistation verfrachtet, wo sie um die Herausgabe des Kreuzes gebeten wird. Sie habe es gestohlen, herrschen sie die Männer immer wieder an. Sie wird als Nutte, Kuh und sonstiges beschimpft, bespuckt und attackiert. Ob sie verhaftet sei, fragt sie im Gegenzug immer wieder. Denn auch wenn das Dorf nichts gegen sie in der Hand hat, die Herausforderung patriarchaler und religiöser Werte ist gelungen.

    Die Handlung basiert auf der wahren Begebenheit vor ein paar Jahren, in der eine Frau am Dreikönigstag aus den eisigen Fluten des Flusses ein Kreuz gefischt hat, das der Priester vorher dort hineingeworfen hatte. Diese Tradition ist jedoch nur Männern vorbehalten und sorgte in Mazedonien für viel Kontroverse. Der darauffolgende Dialog und die offene Diskussion über die Rechte von Frauen und den Zustand der Gesellschaft, den sich viele gewünscht hatten, fand jedoch nicht statt, wie Mitevska bei der Pressekonferenz verlautbarte. Es sei nur als außergewöhnlicher Zwischenfall abgetan worden und habe dadurch viele wütend gemacht.

    Im Laufe der Nacht, in der Petrunija in der Polizeistation festsitzt, spricht Mitevska somit zahlreiche gegenwärtige Themen an. Gleichberechtigung, Religion, Tradition, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, nur um ein paar zu nennen. Der besondere Clou an dem Film ist, dass er dies auf eine bittere und doch humoristische Art und Weise schafft. Die aufgeworfenen Fragen kommen nicht mit der Moralkeule daher, sie entwickeln sich organisch. Mitevska weiß auch darum hier nicht schwarz-weiß Männer gegen Frauen auszuspielen. Sie zeigt das System auf, konträre und synergetische Meinungen unter beiden Geschlechtern und demonstriert sogar Verständnis für jene, die mit dem Zeitgeist nicht mehr mithalten können.

    Dennoch ist das kein Versöhnungsfilm. Es ist eine Anklage und der Film bringt seine Message auf den Punkt genau hinüber. „Hat die Polizei nichts wichtigeres zu tun“ heißt es immer wieder von vereinzelten Stimmen aus der Bevölkerung. Sie haben recht. Petrunija löst etwas in der Bevölkerung aus, das diese zwingt Farbe zu bekennen. Nicht über die Nacht die Welt verändern, sondern etwas in den Menschen auslösen, dass will auch die Regisseurin. Es könnte ihr gelingen.
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    10.02.2019
    21:03 Uhr