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    Politisch politische Filme machen

    Zwei von Godards Forderungen aus dem Manifest "Was tun?" ("Que faire?") aus dem Jahre 1970 lauten: 1. Wir müssen politische Filme machen, und 2. Wir müssen politisch Filme machen. Diese zwei Ansprüche hat er in dem Zitatenmosaik von "Le livre d'image" durchaus erfüllt. Erstens hat er sich ein politisches Thema - Arabien - ausgesucht und zweitens hat er mit seiner harten & zerstückelten Montage ein experimentelles Werk geschaffen, das nur Hartgesottene durchstehen (zumindest in der ersten Hälfte, dann wird Godard gnädiger).

    Die filmischen Zitate stammen aus unterschiedlichen Filmen aus diversen Ländern, so hört man zahlreiche Sprachen; doch die Sequenzen & Tonaufnahmen sind so kurz gehalten, dass man kaum den Sinn dahinter erkennen kann. Wenig hilfreich ist dabei auch, dass Ton & Bild meist nicht zusammenpassen oder nicht zeitgleich abgespielt werden. Darunter stechen jedoch einige Passagen europäischer Filmklassikern heraus wie die berüchtigte Augensezierszene aus "Un chien andalou" von Luis Buñuel, die Folterszene aus "Roma città aperta" von Roberto Rosselini, eine kurze Sequenz aus "La strada" von Federico Fellini und aus dem Dunkeln des schwarzen Bildschirms bzw. während des Abspanns (vor Filmende!) treten auch die Stimmen der letzten Zeilen von Godards eigenem Film "Le mèpris" hervor.

    Doch der ikonische Filmemacher baut nicht nur Bilder aus fiktiven Werken (auch nichtfilmische wie Gemälde) ein, sondern auch Dokumentaraufnahmen vom Krieg und vor allem von Arabien. In diesem zweiten Teil spricht er die großen Themen wie Macht, Armut & Reichtum und Krieg an. Damit lässt Godard dann endlich ein Motiv hinter seiner neuesten Arbeit durchscheinen und der Film wird verständlicher und erzählerischer, auch mithilfe seines Off-Monologs. Ein Satz daraus hallt noch besonders nach dem Verlassen des Kinosaals nach, der an die Nachricht von Paul McCartneys neuem Lied "People Want Peace" erinnert: Das Volk möchte in Frieden leben.
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    08.01.2019
    11:26 Uhr
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    Godards Kommentar zur heutigen Zeit

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Es ist wahrlich ein Bilderbuch, welches Jean-Luc Godard in „Le livre d’image“ entwirft – und es ist noch viel mehr als das. In den letzten zwanzig Jahren vor allem durch seine Essayfilme bekannt, ergänzt der Regisseur, der zu den bekanntesten französischen Filmemachern aller Zeiten zählt, seinen Filmkanon um eine weitere filmische Auseinandersetzung im Zeichen des found footage. Im Gegensatz zu seinem bekanntesten Werk dieser Sparte, den „Histoire(s) du cinéma“ steht nicht die Filmgeschichte im Mittelpunkt, sondern eine zeitgeschichtliche Auseinandersetzung mithilfe des Mediums Film. In fünf Kapitel wirft er Fragen auf, die er auf außergewöhnliche Weise beantwortet – oder tut er das?

    In seinen Essayfilmen bricht Godard komplett mit der Herangehensweise des konventionellen Kinos und entwirft stattdessen ein eigenständiges Vokabular der Bildsprache. Realität trifft Kunst, wenn er Filmszenen, Nachrichtensequenzen, Handyvideos, Tonaufzeichnungen oder literarische Zitate mit einer Erzählstimme und verschiedenen Tonsequenzen verbindet. Durch die Montage erschafft er eine eigene Komposition, in der er das Gezeigte neu ordnet und dadurch Fragen aufwirft, die die gegenwärtige Sozialpolitik betreffen: Fragen zur Stellung der Frau, zur Umwelt, zu Kriegen und Katastrophen. Szenen aus Filmen finden hier kontextuelle Verwendung, so zum Beispiel „La passion de Jeanne d’Arc“ (1928) von Carl Theodor Dreyer, „Vertigo“ (1058) von Alfred Hitchcock oder „Elephant“ (2003) von Gus Van Sant.

    Einen Großteil des Experimentalfilms nimmt allerdings die Auseinandersetzung mit der arabischen Welt ein, welche die westliche Welt nicht versteht, so sein Vorwurf, und durch die Medien ein falsches Bild vermittelt bekommt. Zur Unterstreichung dieser These fügte er verschiedene Fragmente, wie Filmausschnitte arabischer Filme oder Handyvideos, in denen Hinrichtungen des IS zu sehen sind, zusammen. Die Macht der Bilder, gerade in der heutigen Zeit, wird dadurch in doppelter Weise zum Ausdruck gebracht.

    „Le livre d’image“ ist zutiefst komplex und überaus poetisch. Godard wartet mit so vielen Referenzen und Querverweisen auf, dass es sicherlich unmöglich ist, alle Bedeutungen auch vollends wahrzunehmen. Es wirkt so, als würden sich Godards verschachtelte Gedankengänge vor uns ausbreiten. Die Unterteilung in Kapitel hilft aber sicherlich bei der Kategorisierung der Inhalte, die einem bestimmten übergeordneten Thema unterworfen sind.

    Godards neuestes Werk bringt viel Wut zum Ausdruck. Es handelt sich darüber hinaus um eine Neuordnung vorhandener Materialien, die trotz aller Inhomogenität dennoch einer gewissen Kohärenz unterworfen zu sein scheint. Es kann sein, dass das Publikum von der Materialvielfalt überfordert wird. Meiner Meinung nach ist „Le livre d’image“ weniger zugänglich als andere Essayfilme Godards, vor allem auch im Vergleich mit den „Histoire(s) du cinéma“.

    Für jeden Betrachter stellt es aber sicherlich ein einzigartiges Erlebnis dar, bei dem individuelle Assoziationen hervorgerufen werden und das mehrere Sinne auf einmal anspricht.
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    10.11.2018
    10:12 Uhr