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    Träumerisches Fußballermärchen

    Exklusiv für Uncut
    Der Portugiese Gabriel Abrantes und der Amerikaner Daniel Schmidt haben sich für ihren Debütfilm „Diamantino“ viel vorgenommen. Der bizarre, lustige, träumerische und satirische Fußballerfilm vereint Sci-Fi, Politik, Sport, Thriller und Liebesfilm mit viel bunter Augenoptik und zuckersüßen rosa Traumsequenzen, und schafft es gekonnter Weise von der ersten bis zur letzten Minute zu unterhalten.

    Portugals Starspieler Diamantino (Miguel Gomes) ist nicht von ungefähr ein optisches Abziehbild Cristiano Ronaldos (selbst die Frisur stimmt 1:1), aber ungleich dem realen Vorbild ist er ein naives großes Kind, unbewandert in den Themen der Welt und im anderen Geschlecht. Wenn er Fußball spielt, dann verwandelt sich das Feld um ihn herum in eine rosa Zuckerwatte-Wolkenlandschaft bevölkert von überdimensionalen Welpen. Nach dem Tod seines Vaters lebt er mit seinen bösen Zwillingsschwestern (Anabela und Margarida Moreira) zusammen, die seine Berühmtheit und seinen Wohlstand bis auf den letzten Cent ausnutzen.

    Als er im WM-Finale den entscheidenden Elfmeter vergibt scheint Diamantinos Stern plötzlich zu sinken. Die Zwillinge verkaufen ihren Bruder in bester Märchen-Bösewicht-Manier heimlich an eine EU-Austritt-Kampagne für Portugal und an medizinische Experimente. Abrantes und Schmidt lassen hier keine offenen Fragen, was ihre Botschaft betrifft. Die Kampagne ist eine zugespitzte Brexit-Wiederholung, die in Zügen herrisch daherkommt. Die Experimente, die in einem comic-haften Wintergartenlabor durchgeführt werden und Diamantinos Körper zu beeinflussen beginnen, schaffen zudem eine Gratwanderung zwischen Unterhaltung und leichten Bodyhorror. Die Absurdität des Prozesses wird deutlich, als die Wissenschaftler immer weiter sinnlose Prozeduren durchführen, ohne ein konkretes Forschungsinteresse anzuvisieren.

    Seine neugefundene Sympathie für Flüchtlinge, die nächste klar politische Botschaft dieses Filmes, bewegt Diamantino zudem dazu, einen Flüchtling als Sohn bei sich aufzunehmen. Dies wird von der Agentin Aisha (Cleo Tavares) ausgenutzt, die gemeinsam mit ihrer festen Freundin ermitteln möchte ob Diamantino Steuerhinterziehung begeht. Sie lässt sich verkleidet als Flüchtlingskind aus Mozambik von Diamantino adoptieren. Die Anziehung, die sich zwischen beiden entwickelt, streut dem vollgepackten Film zusätzlich noch eine unterhaltsame Prise romantischer Anziehung über, die irgendwo zwischen hetero- und homosexuell verortet ist.

    Die bizarre Welt Diamantinos drückt sich nicht nur durch die verquere Handlung aus, auch die Optik und das Production Design schaffen eine verschrobene Welt, die poetische Spiegelung der mentalen Wahrnehmung ihres Hauptcharakters. Zeitweise in körniger 16 mm, dann wieder in groß angelegten CGI-Sequenzen springt der Film zwischen den Extremen. Die Kostüme und Sets sind exzentrisch, übertrieben und wirken als wären sie vom Laufsteg im Hochglanzmagazin auf die Filmleinwand gehüpft.
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    17.10.2018
    07:19 Uhr