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82.9% Bewertung
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    Der Rassismus des Südens

    Der Titel bezieht sich auf ein kleines Buch (Negro Motorist Green Book) in dem Hotels und Restaurants verzeichnet sind, in denen Farbige absteigen können bzw. bedient werden. Wir sind in den 60er Jahren, als der farbige Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali ) und sein Chauffeur Tony Lip (Viggo Mortensen) durch die Südstaaten der USA auf Konzerttournee sind. Zwei Typen wie sie unterschiedlicher nicht sein können – nicht nur wegen der Hautfarbe. Tony war Türsteher, ist italienischer Abstammung, verheiratet mit Dolores (Linda Cardellini) und Vater von zwei Söhnen. Sein hervorstechendstes Merkmal ist, dass er ein Proll ist, wie er im Buche steht. Er frisst wie ein Schwein und Probleme löst er mit einem Faustschlag. Seine Ansichten kann man durchaus in der Nähe von Rassismus ansiedeln. Dr. Shirley hingegen ist ein Intellektueller, ein distinguierter Musiker mit guten Manieren und äußerst sensibel. Er hat homosexuelle Neigungen, ein Außenstehender am Rande der Gesellschaft. Allein schon durch Sprache und Wortwahl liegen Welten zwischen ihnen.
    Was den beiden auf ihrem Road Movie alles passiert wird unterhaltsam erzählt. Durch denkwürdige Events bezüglich des ortsansässigen Rassismus bekommt der Film Tiefe (z.B. Toiletten nur für Weiße, Verhaftung aus niedrigen Motiven heraus und Schikanen der Polizei und des Personals etc.). Don Shirley diktiert Tony die Briefe an Ehefrau Dolores und das Drehbuch bietet amüsante Varianten von bekannten Zitaten z.B. eins von JFK.
    Das interessante ist, dass sich beide gegenseitig beeinflussen und sogar leicht verändern. Tony erkennt die brutale Engstirnigkeit der Südstaatler, weil es gegen seinen Freund Don geht und Shirley variiert sein Konzertprogramm von Klassik zu Jazz. Es ist die Gegend in der Nat King Cole einst fast totgeprügelt wurde. Der Score besteht aus Klassikern von Little Richard, Chubby Checker, Aretha Franklin u.v.a. – also beinahe auch ein Musikfilm mit rassistischen Untertönen auf dem Prüfstand und einem versöhnlichen Ende.
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    16.02.2019
    13:09 Uhr
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    Roadmovie mit Tiefgang

    Die zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten, die hier in Form von Dr. Shirley und Tony aufeinander treffen, stehen für zwei völlig verschiedene Welten, die ohne damals, in den 60ern, wirklich kompatibel zu sein, für acht Wochen miteinander funktionieren mussten, damit der eine seine umstrittene Südstaaten-Tour absolvieren und der andere Geld für die Familie verdienen konnte. Damals, in den 60ern, bedeutete eine Tour durch den Süden der USA etwas völlig Anderes als es heute so wäre. Hindernisse von damals gäbe es heute nicht mehr. Das ist ein großes Verdienst all jener, die die Gesellschaft inzwischen toleranter und die Gleichberechtigung aller Menschen vor dem Gesetz Wirklichkeit werden haben lassen. Doch dass alles gleich ist bedeutet noch lange nicht, dass es auch wirklich gerechter geworden wäre. Peter Farellys Film zeichnet eine kritische Rückblende in eine Zeit, von der wir heute noch viel lernen können - ebenso wie die beiden Männer im Film jeweils von einander lernen können: hat es der eine nie gelernt, das Leben in vollen Zügen zu genießen so hat es dem anderen nur eine spezielle Form von Manieren beigebracht, die ihn aber vom Kontakt mit gewissen Gesellschaftsschichten kategorisch ausschließt. Viggo Mortensen überzeugt sein Publikum in seiner furiosen Darstellung des kleinen Italieners aus der Bronx ebenso wie M. Ali als der feine und gut erzogene , aber letzten Endes einsame Intellektuelle. Alles Rassistische in dem Film war ein Sittenbild seiner Zeit, das uns als Mahnmahl dient, nicht zu vergessen, dass sie noch gar nicht so lange her ist, wie man meint. "Green Book" ist ein bewusst einfach gehaltener Film über zwei Persönlichkeiten, die sich trotz ihrer Gegensätze schließlich respektieren und Freundschaft schließen, er überzeugt mit grandiosen Schauspielern und einer angenehmen Portion Humor zwischen all dem Tragischen, dass er letzten Endes nur andeuten muss.
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    12.02.2019
    23:34 Uhr
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    Dring Miss Daisy

    Ja, es gibt Szenen, die man im Sinne des Rassismus missverstehen kann. Aber das muss man wollen. Die „Chickenszene“ ist für mich ganz klar nicht rassistisch gemeint. THE GREEN BOOK ist ein Film, wo sich zwei unterschiedliche Menschen treffen und nach einem Roadtrip Freunde werden. Die Schauspieler sind grandios. Diese wahre Geschichte beweist, dass man Vorurteile überwinden kann.
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    26.01.2019
    18:03 Uhr
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    Driving Mr. Shirley

    Exklusiv für Uncut
    Die beiden Brüder Peter und Bobby Farrelly haben sich in erster Instanz als Macher populärer Blödel-Komödien à la „Dumm und Dümmer“ (1994), „Kingpin“ (1996) oder „Verrückt nach Mary“ (1998) einen Namen in der Filmwelt gemacht. Umso überraschender kommt es jetzt also, dass sich Peter Farrelly, die ältere Hälfte des Duos, mit seinem neuesten Werk „Green Book“ zum ersten Mal einem ernsten Stoff gewidmet hat. Bruder Bobby entschied sich wegen einer familiären Tragödie dazu eine Pause vom Filmemachen einzulegen, weswegen Peter erstmals alleinig das Steuer als Filmemacher übernahm.


    „Green Book“ basiert auf der wahren Geschichte des afroamerikanischen Pianisten Dr. Don Shirley und dessen kleinbürgerlichen Chauffeurs Frank Vallelonga aka Tony Lip, die wohl kaum ungleicher sein könnten. Tony (gespielt von Viggo Mortensen) ist ein Italo-Amerikaner aus einfachen Verhältnissen, der sich mit gelegentlichen Jobs über Wasser hält und bis vor kurzem in einem Club arbeitete. Als besagter Club im Jahre 1962 wegen Umbauarbeiten seine Pforten schließt, muss sich Tony auf die Suche nach einem neuen Job begeben. Aufgrund seiner toughen Natur erhält er schon bald das Angebot, dem erfolgreichen Jazz-Pianisten Dr. Don Shirley (Oscar-Preisträger Mahershala Ali) bei dessen Tour, die von New York bis in die Südstaaten reicht, als Chauffeur beistehen zu dürfen. Da Tonys Gemüt von rassistischen Vorurteilen geprägt ist, sieht er dem Angebot zunächst noch skeptisch gegenüber, willigt schlussendlich aber doch ein. In den 60er-Jahren hatten es Afroamerikaner besonders in den südlicheren US-Staaten noch besonders schwer, weswegen den beiden für ihre Reise ein sogenanntes „Green Book" zur Seite gestellt wird. Dabei handelte es sich um einen Guide für die afroamerikanische Gesellschaft, der diesen dabei helfen sollte, im Süden der USA, die dort damals raren Unterkünfte und Lokalitäten, die schwarze Mitbürger verwenden durften, ausfindig zu machen. Als Don und Tony ihre Reise quer durch die Staaten antreten, haben sie sich anfangs noch wenig zu sagen, jedoch entwickelt sich schon bald eine Freundschaft zwischen den beiden, die über jegliche Stereotypen hinwegblickt.

    Peter Farrelly hat mit „Green Book“ eine Culture-Clash-Tragikomödie geschaffen, die streckenweise an ähnliche Genre-Vertreter aus Frankreich erinnern lässt, jedoch mehr Charme und schauspielerische Finesse an den Tag legt.

    In den USA musste der Film teilweise sehr harter Kritik einstecken und erhielt von mancher Seite gar den Vorwurf Rassismus zu relativieren. Auch wenn diese Kritik in bestimmten Aspekten sicher nicht ungerechtfertigt ist (dazu später genaueres), muss dem Film definitiv zu Gute geheißen werden, dass er auf jeden Fall daran bemüht ist, die klassische Trope des „White savior“ umzukehren. Der Begriff „White savior“ wird oft abfällig gegenüber Filmen verwendet, in denen ein weißer Protagonist praktisch eine „Messias“-Rolle einnimmt, in der er/sie einen (zumeist ärmlichen) afroamerikanischen Bürger aus seiner Misere befreit (z.B.: „Driving Miss Daisy“). „Green Book“ versucht immerhin diese oft kritisierte Charakter-Trope umzukehren, in dem hier bis zu einem gewissen Grad eben genau einem ärmlicheren weißen Bürger von einem Afroamerikaner aus seinen finanziellen Problemen gerettet wird. Trotz guter Intentionen bleiben jedoch leider ein paar fragwürdige Momente, in denen der Charakter des Tony Lip kurzerhand doch ins „White savior“-Klischee rutscht, nicht völlig aus. Besonders bedenklich ist in dieser Hinsicht eine Szene, in der Tony Don dazu nötigt zum ersten Mal in seinen Leben ein Hünchen von KFC zu probieren, da „das angeblich doch ein jeder schwarzer Bürger liebt“. Was als charmantes Product Placement intendiert war, geht leider völlig nach hinten los.

    Dies bringt mich zum leider größten Schwachpunkt des Films: die Simplizität. Man könnte meinen, dass es bei einem Thema wie Rassismus und Toleranz durchaus angebracht ist, dieses einfach und für jedermann verständlich aufzubereiten, jedoch geht in diesem Fall durch die Herangehensweise einiges an Potenzial verloren. Zwar weiß der brachiale Farrelly-Humor, der hier streckenweise durchblitzt, durchaus mit Charme zu punkten, wirkt aber gepaart mit den drastisch ernsteren Momenten etwas fehl am Platz. Der Dialog des Films wirkt an vielen Stellen unnatürlich und kalt kalkuliert, um im Zuschauer auf manipulative Art und Weise eine Träne hervorzubringen. Schlussendlich wirkt der Film dadurch in vielen Momenten wie ein Märchen, das die Bekämpfung rassistischer Stereotypen auf banale Art und Weise als Kinderspiel darstellen möchte.

    Aber tatsächlich schafft es der Film trotz aller Banalitäten einen über die meiste Zeit hinweg zu fesseln, was ohne den geringsten Zweifel den beiden phänomenalen Hauptdarstellern zu verdanken ist. Viggo Mortensen präsentiert sich einmal mehr als enorm wandlungsfähiger Schauspieler und schafft es der radikalen Sinneswandlung seiner Figur Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mahershala Ali hingegen zeigt sich nach seinem Oscar-Gewinn in „Moonlight“ einmal mehr als sehr versierter Charakterdarsteller und schafft es alleinig durch sein subtiles Spiel die Probleme und Nöte, mit denen (selbst wohlhabende) Afroamerikaner zu dieser Zeit zu kämpfen hatten, weit besser auf den Punkt zu bringen als das weichgespülte Drehbuch. Nicht umsonst gilt Ali wieder als einer der Hauptfavoriten auf den Oscar für den Besten Nebendarsteller. Auf der positiven Seite sei noch die ansehnliche Kameraarbeit zu erwähnen, die das winterliche Ambiente toll in Szene setzt, sowie zudem auch der stets harmonische Einsatz des Soundtracks. Farrelly zeigt hier ein zuvor ungesehenes Händchen für Style.

    Somit lässt sich zusammengefasst also sagen, dass „Green Book“ bei der Darstellung der komplexen Thematik zu sehr an der Oberfläche kratzt und definitiv mehr Biss vertragen hätte, durch Stil, Charme, einer wichtigen Grundbotschaft und zwei sensationellen Hauptdarstellern aber dennoch einen Kinobesuch wert ist.
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    14.01.2019
    22:32 Uhr