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    Leben fernab der Zivilisation

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    2004 sorgte ein im US-Blatt „Oregonian“ erschienener Artikel mit dem Titel „Out Of The Woods Police Rescue Father, Girl Who Say Forest Park Was Their Home For Four Years“ für großes Aufsehen. Dieser berichtete nämlich von einem Mann, der über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit seiner Tochter im Wald lebte und sich dort abgeschottet von der Zivilisation ein Eigenheim errichtete. Erst nach vier Jahren wurden die beiden von den Behörden entdeckt. Der Autor Peter Rock war so fasziniert von den Gegebenheiten der Geschichte, dass er sie 2010 als Inspiration für seinen fiktiven Roman „My Abandonment“ hernahm. Rocks Roman wurde nun widerum von der renommierten Filmemacherin Debra Granik (u.a: „Winters Bone“, 2010) unter dem Titel „Leave No Trace“ für die große Leinwand adaptiert.

    Das Drama dreht sich um den verwitweten Vater Will (Ben Foster), einem unter PTSD leidendem Irakkriegs-Veteran, der gemeinsam mit seiner Tochter Tom (Thomasin McKenzie) abgeschottet von der eigentlichen Zivilisation in einem großflächigen Park in Portland im US-Bundesstaat Oregon lebt. In den dortigen Wäldern haben die beiden sich einen eigenen Mikrokosmos eingerichtet, den sie lediglich zum Einkaufen verlassen. Als durch ein Missgeschick jedoch eines Tages ihr Camp entdeckt wird, werden Will und Tom von den Behörden gezwungen sich in die Gesellschaft einzureihen. Jedoch vor allem Vater Will kommt mit dieser neuen Situation schwer zurecht...

    Debra Granik hat hier tatsächlich eine rundum gelungene Milieu-Studie geschaffen, die besonders mit Feingefühl für zwischenmenschliche Konversationen - fernab von künstlich aufgebauschtem Kitsch - zu punkten weiß. Da Granik weitestgehend auf manipulative musikalische Klänge verzichtet und durch die Verwendung zahlreicher Close-Ups stets nah an den beiden ProtagonistInnen dranbleibt, kreiert der Film ein Gefühl von Intimität, das man heutzutage oft im Kino vermisst. Der raue Realismus des Dramas wird vom empathischen Dialogen verstärkt, die das innere Gefühlsleben der beiden Hauptcharaktere dem Zuschauer verständlich näherbringen. Anstatt das Publikum dauerhaft mit emotionalen Höhepunkten zu bombardieren, lässt Granik die Konflikte im Film langsam und subtil aufbauen, um potentielle Gefühlsaufbrüche der Figuren schlussendlich umso effektiver zu gestalten. Auch die realitätsnahe Geräuschkulisse sowie die kalten Landschaftsaufnahmen verhelfen den Film dabei, durchgehend authentisch und zu keiner Sekunde artifiziell zu wirken. Das I-Tüpfelchen setzen dem Film dann noch die beiden sensationallen HauptdarstellerInnen drauf. Ben Foster, der zuletzt im oscarnominierten Neo-Western „Hell or High Water“ einen eher einfältigen Typ verkörperte, stellt hier einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit als Schauspieler unter Beweis. Foster wechselt zwischen der toughen, wortkargen Persona und der verletzlichen sowie innerlich von tiefliegenden Problemen aus seiner Vergangenheit gequälten Seite seines Charakters eindrucksvoll hin und her. Die große Entdeckung des Films dürfte aber wohl Jungdarstellerin Thomas McKenzie sein, die Foster mit ihrem feinfühligen und zurückhaltend emotionalen Spiel definitv die Stange halten kann.

    Man könnte dem Film durchaus vorwerfen, dass er besonders im Mittelteil ab und an ein wenig an Fokus verliert, aber dies trägt wiederum auch zum natürlichen Flair des Films bei.

    Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Debra Grank mit „Leave No Trace“ ein intimes Drama gelungen ist, das von der rauen und unbeschönigten Authentitiziät der DarstellerInnen, des Ambientes und der feingeschliffenen Dialoge lebt. Große Empfehlung!
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    14.11.2018
    11:27 Uhr