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    Endloser Roadtrip der Sinnlichkeit

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2018
    Jung, frei, unsicher, belesen und doch verpeilt. Zwar sind Jan und Jule im Grundkern komplett verschiedene Personen, teilen aber die eben genannten Eigenschaften miteinander.

    Zunächst aber alles auf Anfang:

    Es gibt diese Momente im Leben, in denen man einfach die Schnauze voll hat und just aus dem tristen Alltag ausbrechen will. Genauso geht es den beiden 24-jährigen Studenten Jan und Jule.

    Jule hat gerade eine wichtige Prüfung an der Uni versemmelt und zudem erfahren, dass sie ungewollt schwanger geworden ist. Aus diesem Grund entscheidet sie sich spontan dazu, mit einem alten Wohnmobil zu ihrem Freund Alex nach Portugal zu fahren, um diesen die Nachrichten zu verkünden.

    Jan hingegen hat erst kürzlichst erfahren, dass sein leiblicher Vater, den er noch nie gesehen hat, in Spanien wohnhaft ist. Da er knapp bei Kasse ist, entschließt er sich spontan dazu, den ganzen Weg bis nach Spanien zu trampen. Bereits an einer Tankstelle hat er Glück und trifft auf Jule, die einwilligt Jan in ihrem Wohnmobil mitzunehmen. Anfangs wegen einzelner Meinungsverschiedenheiten noch etwas schweigsam entwickelt sich schon bald eine sehr enge Verbindung zwischen den Beiden, die den ursprünglichen Ablauf der Reise vollkommen auf den Kopf stellt.

    Zu Beginn des Films ist man sich noch unschlüssig, wo denn das Ganze tonal hingehen wird. Schon bald merkt man jedoch, dass der Vorarlberger Regisseur Hans Weingartner mit seinem Roadmovie „303“ eine ganz große Kino-Romanze gelungen ist. Was die romantische Seite des Films besonders über andere Genre-Vertreter hebt, ist die unglaubliche Authentizität. Anstatt zwanghaft einen Plot zu konstruieren und den Protagonisten während ihrer Reise forcierte Wendungen durchleben zu lassen, hat Weingartner den Hauptfokus auf die zwischenmenschlichen Konversationen und nicht derer Taten gesetzt. Schon ab der ersten philosophischen Auseinandersetzung zwischen Jan und Jule, in der sie über Vor- und Nachteile des Kapitalismus diskutieren, wachsen einem die Charaktere ans Herz. Eben diese feinfühligen, teils urkomischen und vor allem überaus kreativen Dialoge bilden das Herzstück des Films und helfen auch Schritt für Schritt deren Beziehung zueinander voranzutreiben ohne dabei auch nur je artifiziell zu wirken. In Kombination mit den wunderschönen Kulissen quer durch Europa erzeugen die Konversationen außerhalb des Wohnmobils pure Kinomagie und lassen einem als Zuschauer an die Kraft des Reisens erinnern.

    Das Ganze würde jedoch kaum derart hautnah und realistisch rüberkommen, wären da nicht die beiden sensationellen Hauptdarsteller. Die Chemie zwischen Mala Emde und Anton Spieker passt wie die Faust aufs Auge und erzeugt durch deren energiegeladenen sowie sinnlichen Spiel einen fast schon dokumentarischen Flair. Wie Weingartner im anschließenden Publikumsgespräch offenbarte, musste der Drehverlauf mit den Darstellern zuvor minutiös durchgesprochen worden, was man dem Level an schauspielerischer Perfektion im fertigen Film auf jeden Fall ansehen kann.

    Beim Schauen des Ganzen wurde ich aber das Gefühl nicht los, dass das ganze Projekt einige Ähnlichkeiten zu einem bestimmten anderen Film aufweisen würde. Die ausgeklügelten philosophischen Auseinandersetzungen, die Ortswechsel, die Spaziergänge - all dies erinnerte mich auf positivste Art und Weise an „Before Sunrise“, dem Start von Richard Linklaters famoser „Before“-Trilogie. Im Anschluss wurde jedoch klar, dass dies keineswegs zufällige Parallelen waren, sondern sehr wohl beabsichtigt. Regisseur Weingartner war nämlich höchstpersönlich als Produktionsassistent bei „Before Sunrise“ und zog aus diesem Film die Hauptinspiration für sein eigenes Werk.

    Ganz ohne Schwachpunkte kommt der Film jedoch auch wieder nicht aus. Die ursprüngliche Schnittfassung des Materials war sage und schreibe 6 Stunden lang, wurde dann jedoch auf knapp zweieinhalb Stunden runter gekürzt. Jedoch auch diese Laufzeit ist definitiv ein klein wenig zu lang, was besonders in der leicht repetitiven letzten halben Stunde zur Geltung kommt. Den Film um 20-30 Minuten zu kürzen, hätte der Endversion sicher gut getan.

    Nichtsdestotrotz ist das Meckern auf höchstem Niveau.

    Hans Weingartner ist mit seinem Roadmovie „303“ eine der größten Kino-Romanzen der jüngeren deutschen Filmgeschichte gelungen. Die magische Anziehungskraft des Films zieht Weingartner dabei aus Natürlichkeit und Sinnlichkeit statt Pathos oder Kitsch.

    Der deutsche Gegenentwurf zur „Before“-Trilogie.

    Bitte mehr davon!
    chros
    19.02.2018
    21:38 Uhr