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    Bittersüßes Honigschlecken in der Midlife-Crisis

    Exklusiv für Uncut
    Erst vor wenigen Monaten widmete sich Filmemacher Simon Curtis im biographischen Drama „Goodbye Christopher Robin“ der tragischen Entstehungsgeschichte der weltweit populären Kinderbuch-Figur Winnie the Pooh (bei uns auch Puh der Bär genannt). A. A. Milne, Originalautor der „Winnie the Pooh“-Buchreihe, nahm sich als Inspiration für die Figur Christopher Robin - dem Menschenkind, das mit Puuh, Tigga und den anderen Bewohnern des Hundertmorgenwaldes tagtäglich Abenteuer erlebt – nämlich die Interaktionen zwischen seinem eigenen Sohn Christopher Robin Milne und dessen Plüschtieren. Als sich Milnes Bücher immer weiter rund um den Globus verbreiteten, wurden immer mehr Leute darauf aufmerksam, dass es Christopher Robin tatsächlich gäbe und wollten den Jungen unbedingt kennenlernen. Während also sein Vater Kinderbuch-Bestseller verfasste, wurde der echte Christopher Robin über weite Strecken seiner Kindheit der sensationsgierigen Presse wie ein Zootier ausgesetzt, was dessen Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigte.

    Die tragischen Hintergründe des honigverrückten Bären sind heutzutage kaum mehr Leuten ein Begriff und in den kunterbunten Disney-Zeichentrickverfilmungen der letzten 50 Jahre regelrecht verpufft. Nun entschloss sich Disney also dazu, das Winnie-the-Pooh-Franchise wieder fürs Kino auszugraben und Teil der jetzigen Welle an Realverfilmungen von Zeichentrickklassikern werden zu lassen. Während aber die bisherigen Live-Action-Adaptionen Disneys wie unter anderem „Cinderella“ (2015), „The Jungle Book“ (2016) oder „Beauty and the Beast“ (2017) versuchten, die originalen Zeichentrickklassiker detailgetreu als Realfilme zu rekonstruieren, kann diese hier jedoch eher als Weiterführung der klassischen Geschichte betrachtet werden. Unter dem Titel „Christopher Robin“ widmet sich die „Winnie the Pooh“-Realverfilmung nämlich einem erwachsenen Christopher Robin (gespielt von „Trainspotting“-Star und Star Wars-Prequel-Retter Ewan McGregor), der mittlerweile mit Ehefrau und Tochter ein Familienleben führt. Die Vorstellungskraft Christophers, die sich einst für die Abenteuer, die er mit seinem besten Freund Winnie-the-Pooh und den anderen tierischen Bewohners des Hundertmorgenwalds erlebte, verantwortlich zeichnete, wurde mittlerweile von seinem kraftraubenden Job im Keim erstickt. Als er dann auch noch arbeitsbedingt an einem geplanten Wochenendausflug mit seiner Familie nicht teilnehmen kann, fällt er in eine persönliche Krise. Plötzlich steht auf einmal Puuh der Bär vor ihm und bringt Christopher in den Hundertmorgenwald zurück, um dessen sorgenfreies und verspieltes Gemüt zu revitalisieren.

    Auf dem Papier mag das Konzept einer Realverfilmung von Winnie Puuh skurril klingen – tauchen in den originalen Büchern und Zeichentrickverfilmungen abgesehen von Christopher Robin doch hauptsächlich sprechende (Plüsch-)Tiere auf. In der Umsetzung ist es Regisseur Marc Forster gemeinsam mit den DrehbuchautorInnen Alison Schroeder und Indie-Darling Alex Ross Perry streckenweise jedoch erstaunlich gut gelungen, den Charme und die Leichtigkeit der zahlreichen Zeichentrickverfilmungen und Originalbücher einzufangen.

    Somit funktioniert der Film definitiv am besten, wenn er im Hundertmorgenwald spielt und man sich auf Christopher Robins Kindheit-Freunde konzentriert. Ob nun Tigga, Ferkel, I-Aah oder natürlich Puuh selbst – ein jeder der tierischen Charaktere im Film wurde hier problemlos via fotorealistischem CGI wiederbelebt, ohne dabei auch nur im Ansatz den Charme und Wortwitz, den die Originalfiguren auszeichnete, zu vernachlässigen. Besonders die Mixtur aus Tollpatschigkeit und großer Warmherzigkeit, für die Puh der Bär zur Kultfigur wurde, konnte großartig auf dessen realanimierte Version übertragen werden, was bestimmt (mindestens in der Originalversion) auch darauf zurückzuführen ist, dass einmal mehr Jim Cummings, der dem Bären bereits seit Jahren die Stimme leiht, in die Rolle schlüpfte.

    Es sei aber gesagt, dass die allgemeine Atmosphäre des Films weit düsterer ist als man es vom Winnie Puuh-Franchise normalerweise gewohnt ist. In einer bestimmten Sequenz, in der Christopher und Puuh angeblich von einem Heffalump gejagt werden, kreiert der Film eine fast schon alptraumhaft surreale Bildsprache, die an Spike Jonzes Verfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“ (2007) erinnern ließ, die auch einem eigentlich kinderfreundlichen Ausgangsmaterial, eine ungewöhnlich düstere Atmosphäre entziehen konnte.

    Das große Problem ist jedoch: So wirklich zu funktionieren weiß der Film fast ausschließlich nur in den Sequenzen innerhalb des Hundertmorgenwaldes. Abgesehen von einer starken Eröffnungssequenz, bedienen sich die meisten Szenen in London zu altbekannter Erzählmuster, um wirklich einen emotionalen Sog entwickeln zu können.

    Leider widmet sich Forster über weite Teile hinweg viel zu stark einem bestimmten Plotstrang, der sich auf Christophers Tochter Madeline und deren Versuch, ihren Vater dazu zu überreden sie nicht auf ein Internat zu schicken, konzentriert. Dieser Aspekt des Films, der leider weite Strecken der zweiten Hälfte einnimmt, wirkt auf der einen Seite zu konstruiert und auf der anderen Seite stark emotional manipulativ, weswegen sich dieser nicht organisch in den Erzählfluß einfügen kann. Der Handlungsstrang raubt dem Film leider auch die Möglichkeit, das Potential der tierischen Figuren komplett auszuschöpfen und gibt deren charakterlichen Eigenheiten kaum Freiraum.

    Am Ende des Tages lässt sich somit sagen, dass es mit der Winnie-the-Pooh-Realverfilmung „Chistopher Robin“ zwar gelungen ist, eine ehrwürdige Reunion zwischen einem altgewordenen Christopher Robin und den altbekannten Einwohnern des Hundertmorgenwalds zu kreieren, man sich aber teilweise zu lange in uninteressanten Sideplots verzettelt und in Puncto Botschaft viel zu stark mit dem Holzhammer hantierte. Einen Ausflug in den Hundertmorgenwald ist das Kaufen der Kinokarte aber nichtsdestotrotz wert!
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    30.08.2018
    11:34 Uhr
  • Bewertung

    Gut gemachtes aber unspektakuläres Bären-Abenteuer

    Im finanziellen Siegeszug der Disney-Realverfilmungen reiht sich seit diesen Monat ein weiterer Kandidat an. In „Christopher Robin“ trifft die inzwischen erwachsene Titelfigur eines Tages wieder auf seine plüschigen Gefährten Winnie the Pooh und Co. Ähnlich wie schon in „Hook“ und Mary Poppins muss der erwachsene Mann hier lernen, die böse, gierige Welt der Erwachsenen hinter sich zu lassen und seine kindliche Leidenschaft wieder zu entdecken. Eine Aufgabe, die der Film ohne gröbere Komplikationen meistert, sich aber auch letztendlich inhaltlich nicht besonders hervorhebt.

    Christopher Robin (Ewan McGregor) ist von dem Jungen, der zu Beginn des Films seine Freunde verlassen muss da er aufs Internat geschickt wird, zum Familienvater mit überfordernden Job in einer Kofferfabrik geworden. Der einstige Freigeist hat jedoch im Zuge seiner Karriere diese Freiheit aufgegeben und beugt sich dem Geist der harten Arbeit und der Überstunden, sehr zum Missfallen seiner Frau Evelyn (Hayley Atwell) und seiner Tochter Madeline (Bronte Carmichael). Als Christopher Robin eines Wochenendes wieder einmal Extraschichten einschieben muss, fährt Evelyn mit ihrer Tochter alleine ins Cottage in Sussex. Dort, in einer Parallelwelt im Hundertmorgenwald, wacht sein alter Gefährte Pooh eines Tages auf und merkt, dass all seine Freunde verschwunden sind. Er macht sich daraufhin auf die Suche nach Christoper Robin und findet ihn in London. Äußert widerwillig macht sich dieser mit Pooh auf den Weg nach Sussex. Doch im Laufe des Wochenendes wird sich dem gestressten Geschäftsmann zeigen, dass durch „Nichts tun“ oft noch immer die besten Dinge passieren.

    Wenn man als Zuseher davon absieht, wie tragisch eigentlich die wahre Geschichte des historischen Christopher Robin Milne war, dem offenbart sich hier ein nettes und safe inszeniertes kleines Märchen. Die Handlung schert nicht unnötig aus, die Dialoge sind unterhaltsam aber auch etwas vorhersehbar. Das Production Design hätte jedoch etwas mehr Liebe vertragen können. Der Hundertmorgenwald wirkt etwas banal und die Animatoren konnten sich in den Figuren auch nicht entscheiden ob sie auf realistisch (Owl und Rabbit), oder auf Stofftier-Look (Pooh, Tigger und der Rest) animieren sollen.

    Inhaltlich klaut der Film bei thematisch verwandten Vorgängern. Die Rückkehr des verlorenen Sohns in die Fantasiewelt und die erneute Übernahme des Zepters erinnern an Robin Williams Peter Pan in „Hook“. Da wie dort sind es auch die eigenen Kinder, die entscheidend zu der Läuterung des Vaters beitragen. Die Szenen in der Halsabschneider-Firma erinnern an Mary Poppins‘ Mr. Banks, der sich dem Komitee mehrmals stellen muss. Das stört jedoch weniger als die Tatsache, dass der Film sich in seinem Mittelmaß schön bequem macht und die letzte Politur, die er so dringend notwendig gehabt hätte, verweigert.

    Für Fans von Disney Filmen daher uneingeschränkt zu empfehlen, wer sich hier allerdings einen berührenden Kinderfilm mit originellen Botschaften erwartet wird eher von Gleichgültigkeit gekennzeichnet sein.
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    30.08.2018
    11:31 Uhr