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13 Bewertungen
78.8% Bewertung
  • Bewertung

    bewegtes Portrait eines Malers

    "Loving Vincent" ist der erste animierte Film aus Ölbildern und als solcher ein visuell einzigartiges Erlebnis und schwindelerregend schön. Um dem Auge erstmal etwas Zeit zu geben, sich an die Flut an bewegten Ölbildern zu gewöhnen, stellt sich das Ziel des Films anfangs nur sehr langsam heraus. Es geht um einen Brief des verstobenen Malers Vincent van Goghs an seinen Bruder Theo. Der Sohn des Postbeamten bekommt die Aufgabe, diesen zuzustellen. Jedoch stellt sich bald heraus, dass der Brief unzustellbar ist, denn nicht nur der Sender ist tot, sondern auch sein Empfänger. Der Sohn des Postbeamten weigert sich dennoch, mit dem Brief wieder heimzukehren und so wird aus der Suche nach einem würdigen Empfänger gleich der Tod des Malers mituntersucht. Was hat den sensiblen Maler dazu bewegt, sich umzubringen? War es überhaupt Selbstmord?

    Der Film malt ein Portrait des Malers selbst. Und was für ein trauriger Maler van Gogh war! Doch anstatt in der deprimierenden Stimmung dessen, wovon er erzählt, aufzugehen, entscheidet sich "Loving Vincent" einen kleinen Krimi daraus zu machen. Dadurch, dass der Film einen emotional nicht runterzieht, lenkt die Story von der Schönheit des Films nicht ab und gibt einem am Ende sogar noch ein bisschen Hoffnung mit auf den Weg. Sehr sehens- und erlebenswerter Film und (zumindest im Originalton) wunderschön gesprochen.
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    28.02.2018
    00:58 Uhr
  • Bewertung

    Lieber Vincent

    Es ist zweifellos eine einzigartige, wunderschöne Bio-Pic. Co-Regisseur Welchman (Oxon.) hat gut recherchiert, sodass wir einen Einblick in die letzten Jahre des Maler-Genies bekommen und zugleich mitten in die tragische Problematik seines Lebens geführt werden. Ausgehend von Portraits, die in gekonnter Art und Weise animationsmäßig in Bewegung gesetzt werden, entsteht ein Plot, der stets mit der bekannten Realität in Kontakt bleibt. Situationen aus dem persönlichen Umfeld von van Gogh könnten sich durchaus so oder so ähnlich zugetragen haben. Echte Über- oder Untertreibungen sind mir dabei nicht aufgefallen. Die biometrischen Daten von namhaften Schauspielern wie z.B. Saoirse Ronan, Helen McCrory oder Aidan Turner und Eleanor Tomlinson haben Verwendung gefunden und wurden im Malstil van Goghs umgesetzt.
    Den Leitfaden liefert Armand, der Sohn des Postmeisters Roulin, der nach Vincents Tod seinem Bruder Theo einen Brief zustellen soll. Weil der aber inzwischen auch nicht mehr lebt, ist Armand gezwungen, alle möglichen Kontaktpersonen aufzusuchen. Bei seinen Nachforschungen geht es auch um die näheren Umstände von Vincents Tod: Selbstmord oder ein makabrer Scherz seiner Saufkumpane oder etwa Tod aus Versehen? Der großartige Song von Don McLean ‘Starry, starry Night‘ der am Ende erklingt, gibt eine wunderschöne, lyrische Antwort. (Leider singt Don nicht selbst, sondern Lianne La Halvas ?!). ‘Vincent, du hast dir das Leben genommen, so wie es Verliebte oftmals tun. Aber ich hätte dir schon sagen können, Vincent, diese Welt war nichts für jemanden, der so wunderbar war wie du.‘
    Der Film ist ein Erlebnis. Pinselstriche werden lebendig und verdeutlichen die sich ständig verändernden Farbnuancen. Hier wird Kunst im wahrsten Sinne des Wortes lebendig. Die mitunter etwas niederwertige Spannung wird durch den Zauber der in Bewegung gesetzten Bilder van Goghs mehr als wettgemacht. So entsteht ein Sog, der weit über die Grenzen eines statischen Gemäldes hinausgeht. Zu den vielen Preisen würde ein Oscar gut passen.
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    20.02.2018
    12:43 Uhr
  • Bewertung

    Technik über Inhalt

    Exklusiv für Uncut
    Den Menschen Vincent van Gogh näher zu bringen ist kein einfaches Unterfangen. Aber eines, dass sich die Macher von „Loving Vincent“ zum Auftrag genommen haben. Dabei beschreiten sie komplett neue Wege. Der Film wird komplett in Ölbildern im Stil von Vincent van Gogh erzählt. Die Bilder erhalten Leben, verhalten sich wie eine Filmrolle und geben den oft nicht zusammenhängenden Werken eine Narrative. Tatsächlich ist dieser visuelle Aspekt auch sehr beeindruckend. 125 Maler haben über sechs Jahre hinweg van Goghs Werk adaptiert und 65.000 Bilder geschaffen, die auf Aufzeichnungen von realen Schauspielern basierten, Gemälde wie „Sonnenblumen“ oder „Portrait des Dr. Gachet“ strahlen in kräftigen Farben, und verlassen auch ihren zweidimensionalen Raum, während die Kamera um das Setting rotiert.

    Obwohl diese Technik sehr beeindruckend ist, bleibt der Krimiplot etwas unausgeglichen und der Dialog sehr platt. Vor allem am Anfang ist „Loving Vincent“ überladen und nicht zusammenhängend. Es verlässt sich zu sehr auf ausuferende Flashbacks und erweiterte Exposition. Der Sohn eines Postmanns, Armand Roulin (Douglas Booth), bekommt den Auftrag einen kürzlich wiedergefundenen Brief von Vincent van Gogh, der zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr tot ist, an seinen Bruder Theo zuzustellen. Roulin muss herausfinden, dass Theo mittlerweile ebenfalls gestorben ist, was seinen treuhänderischen Doktor, Paul Gachet, zum nächstbesten Empfänger macht. Während er auf ihn in Auvers-sur-Oise, van Gogh’s letztem Wohnort, wartet, beginnt er mit den Ansässigen über den Tod des Malers zu reden. Viele Dinge scheinen aber keinen Sinn zu ergeben. Roulin, der seine Aufgabe ursprünglich ablehnt hat, beginnt davon besessen zu sein, die Wahrheit herauszufinden.

    „Sie wollen so viel über seinen Tod wissen, was wissen Sie von seinem Leben?“, fragt eine aufgebrachte Marguerite Gachet (Saoirse Ronan), eine Vertraute van Goghs, Armand. Sie hat Recht: Roulin jagt den Geist von etwas, das er nicht ganz begreifen kann. Das reflektiert sich wunderbar in der Verwirrung und der Agressivität, die Booths gemaltes Alter Ego zur Schau trägt. Niemand wird je wirklich verstehen was mit van Gogh in diesen finalen Tagen passiert ist. „Loving Vincent“ versucht es erst gar nicht, sondern bietet einen Lobgesang für den Toten, eine Checkliste von biographischen Eckpunkten und berühmten Gemälden die gezeigt werden. Erst gegen Ende, als Roulin sich seinen eigenen Geistern stellt und die finalen Verdächtigen einkreist, beginnt der Film wirklich die Aufmerksamkeit der Zuschauer einzufangen und Gedankengänge zu motivieren. Und wie bei den Gemälden des Meisters selber, wenn „Loving Vincent“ dieses Status endlich erreicht, bleibt es noch eine Weile hängen nachdem die Credits schon lange vorbei sind.
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    22.12.2017
    22:41 Uhr