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77.9% Bewertung
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    Pinke Revolution

    Der Barbie-Film regt zum Nachdenken an über männliche Vorherrschaft und weibliches Selbstverständnis. Greta Gerwig nimmt das Patriarchat ordentlich aufs Korn und nebenbei auch noch den Mattel-Konzern.

    Bester Satz im Film von Ken:
    Ich bin ein Mann ohne Macht. Macht mich das zu einer Frau?

    P.S. Eine Freundin hat sich den Film gleich ein zweites Mal mit ihrer Mutter und Tochter angesehen.
    01.10.2023
    22:00 Uhr
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    Die Metaebene macht's

    Nach langem Warten habe ich mir nun im Urlaub doch den neuen Barbie-Film angesehen. Nun ja, ich muss allen zustimmen, die von dem Film sehr angetan sind. Gar nicht so sehr, weil die Geschichte so wahnsinnig spannend oder so wahnsinnig unterhaltsam ist. Vielmehr ist es ein ganz besonderer Greta-Gerwig Humor, der immer ganz knapp unterhalb des echten Lachers bleibt, weil die Themen, die der Film anspricht, letzten Endes viel zu ernst sind: Patriachrat, stereotype Rollenbilder, Feminismus, Gleichberechtigung ...

    Dies in einen Film zu packen, der sich mit dem wohl bekanntesten Kinderspielzeug der letzten Jahrzehnte befasst und zugleich nur so vor Kritik an dem Konzern, dem Gewinnstreben und der aberwitzigen Plastikwelt in Rosarot nur so strotzt, muss man Greta Gerwig und ihrem Drehbuch-Coautor Noah Baumbach als die eigentlich bemerkenswerte Leistung hoch anrechnen. Letztlich ist der Film aber nicht wirklich was fuer Kinder, wie ich in der Vorstellung hier in McLean, VA deutlich mitbekam: die Kids im Alter von 9 bis 12 Jahren fragten bei nahezu jedem Witz, bei dem die Erwachsenen lachten, was da mit "Stereotyp" etc. gemeint sei.
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    24.09.2023
    14:55 Uhr
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    Stellenweise ein paar gute Witze, aber auch sehr viele, die einfach nicht funktionieren. Und der Film ist mindestens eine halbe Stunde zu lange. Manche Handlungsstränge werden willkürlich als Nebenhandlung eingespielt, ohne das man sie brauchen würde.
    14.09.2023
    14:43 Uhr
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    Auf Zehenspitzen ins Leben

    Das, was diesen Sommer in der Welt des Kinos passiert ist, gleicht einem Paradigmenwechsel. Genauer betrachtet bleibt zu dieser Zeit kaum ein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist müde von dem, was es die längste Zeit vorgesetzt bekommt. Worin sich das äußert? Zuerst mal hängt der Megakonzern Disney ziemlich durch. Man könnte auch meinen, dass bei einer aufgeblähten Größe wie dieser irgendwann der Zusammenbruch kommen „muss“. Was politisch nicht funktioniert hat, kann auch wirtschaftlich nicht gutgehen. Die Maus frisst sich von innen auf, zersetzt sich, fährt Pleiten ein. Tilgt seine eigenen Produktionen aus dem Streamingportal, weint dem Ergebnis von Elemental, Indiana Jones und Geistervilla nach. Die Zeit der Superhelden scheint vorbei zu sein, all die langweiligen Real Life-Überzeichnungen bekannter Zeichentrickfilme mögen anöden, Verfilmungen von Themenpark-Attraktionen ebenso. Tom Cruise hat mit Mission: Impossible – Dead Reckoning zwar seinen qualitativen Höhepunkt erreicht, doch danach wird das ganze Franchise wohl auch sein Ende finden müssen. Was aus DC und Warner wird, liegt in den Händen von James Gunn – der mit The Flash allerdings auch nichts zu lachen hat, rein was das Einspiel betrifft.

    Auf Basis dieser Umwälzungen ist allerdings letzten Monat etwas ganz Erstaunliches passiert. Das Phänomen Barbenheimer. Klingt ein bisschen nach Lindenstraße, ist aber die Verschmelzung von Barbie und Oppenheimer, von zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines gemeinsam haben: eine Vision. Christopher Nolan, der Retter des Covid-Kinos und Mindfuck-Ästhet, lässt dieses Jahr die Bombe platzen – und alle wollen hin. Warum nur? Weil eine True Story rund um den Weltfrieden alle angeht? Weil der jährliche Nolan fast schon etwas Vertrautes darstellt? Schließlich ist Oppenheimer kein gefälliger Film, und hat nichts, was einen Blockbuster letztlich ausmacht. Die Biographie des Physikers unter dem politischen Himmel Amerikas ist spannend, aber dialoglastig und experimentell. Liefert stilsichere Schauwerte, zieht sich aber auf drei Stunden Länge. Will die Masse tatsächlich mal etwas anderes? Etwas, dass sie fordert, triggert und zum Nachdenken anregt? Jedenfalls hat diese Tatsache einen lautstarken Aha-Effekt zur Folge, der bei Barbie widerhallt – einem Spielzeugfilm für Jung und Alt, ein wandelnder Katalog aus Puppen und Mode, Plastikhäusern in Pink und überall das Logo von Mattel. Wer genau will denn sowas sehen? Einen fast zweistündigen Werbespot zur Erweiterung der Gewinnmarge?

    Ganz so ist es nicht. Natürlich verspricht sich der Konzern davon genug Profit, um auch die nächsten Jahre ruhig schlafen zu können. Ein Verbrechen ist das allerdings keines. Schon gar nicht, wenn Product-Placement wie dieses, so offensichtlich und ungeniert, einfach nur dazu da ist, um als Stilmittel zu fungieren, das Greta Gerwig und Noah Baumbach in ihrem metaphysischen Märchen so dermaßen geschickt einsetzt, dass man tatsächlich von einer Art Paradigmenwechsel sprechen kann, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz neu zu evaluieren. Ich denke dabei an Andy Warhol, dem Pop-Art-Künstler, der mit dem Product Design bekannter Marken der Kunst jene Möglichkeit zugesprochen hat, auch massentauglich sein zu dürfen, ohne an Qualität zu verlieren. Gerwig folgt einem ähnlichen Weg. Für sie ist Barbie Campbells Tomatensuppe – und spielt damit herum, als hätte Mattel über gar nichts mehr zu bestimmen, außer über die eigene Hoffnung, dass die Sicht der Mumblecore-Autorenfilmerin den Konzern schadlos hält. Denn was sind sie denn, diese stereotypen Puppen mit ihren unrealistischen Maßen und ihrer heilen Welt? Was ist sie denn, diese Barbie, benannt nach Ruth Handlers Tochter Barbara, die dieses Spielzeug auf dem Markt brachte?

    Nicht zu vergessen, da gibt es noch diesen Ken, der den heterosexuellen Beziehungsidealismus, sprich: genug Romantik ins Kinderzimmer bringen sollte, auf dem Niveau Grimm’scher Prinzessinnenmärchen, vorzugsweise in der Lieblingsfarbe kleiner Mädchen, nämlich Rosa mit all ihren Nuancen. Mit diesen Figuren, so dachte sich Gerwig, lässt sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf eine für alle verständliche, augenzwinkernde Parabel herunterbrechen, die als behutsame Satire bestens funktioniert und überdies mit Margot Robbie und Ryan Gosling ein Paar gefunden hat, welches als Testimonial für soziale Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau die lustvoll simplifizierte Message für die breite Masse hoch erhobenen Hauptes in die reale Welt trägt. Ich hätte nicht erwartet, dass Greta Gerwig sich selbst und ihren Prinzipien so sehr treu bleiben kann. Gerade dadurch gelingt ihr die Fusion von Kommerz und Kunst so leichthändig, als wäre die Marktwirtschaft längst schon devotes Werkzeug für Intellektuelle, um darzustellen, wo im gesellschaftlichen Miteinander Defizite existieren.

    Barbie, Jahrzehnte im Geschäft und längst nicht nur mehr blond, hellhäutig und langbeinig, erfährt nun ihre lägst überfällige Bestimmung. Gerwigs ironischer und niemals tadelnder Film lässt zwischen La La Land und Pixars Toy Story die Puppen tanzen, einen bestens aufgelegten Ryan Gosling, der nicht nur Beach kann, sondern auch Komödie, übers Männerdasein singen und das Matriarchat dem Patriarchat eins auswischen. Das ist knallbunt, dann wieder schräges Revuekino. Letzten Endes aber folgt Barbie der Tatsache, dass Frauen ohne Männer jederzeit können – Männer ohne Frauen zwar auch, dafür müssen sie sich aber erstmal selbst finden. Ganz ohne Macht und Aufplustern.



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    06.08.2023
    14:11 Uhr
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    I am Kenough

    Pink, funny, unglaublich detailverliebte Ausstattung (man kommt mit dem Schauen gar nicht nach), großartiger Cast - allen voran Margot Robbie als die perfekte Stereotypical Barbie, wobei sie von Ryan Gosling fast an die Wand gespielt wird. Er ist als Beach Ken eine Wucht, ich habe Tränen gelacht. Dazu die ganzen Nebenfiguren, z.B. Michael Cera als Allan, der trotz nur weniger Szenen nachhaltig in Erinnerung bleibt (offenbar gegensätzlich zum "echten" Allan). Der Film ist nicht perfekt was das pacing angeht, und die message ist so richtig in-your-face; aber insgesamt geht die Mischung aus Slapstick/leichten Lachern, intelligenteren Schmähs ("I am a man without power. Does this make me a woman?") und ernsten Szenen auf. Generell funktioniert der Film dafür, was er alles will, sehr gut. Gute Laune Film mit Tiefgang und für mich der Sommerhit 2023!
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    24.07.2023
    14:28 Uhr
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    Pretty in Pink

    Lang ist es her, wo ich Zeuge wurde, das sich Zuschauer sehr lange für ein Kinoticket in einer Warteschlange anstellen mussten. Statt um 20:00 Uhr begann die Vorstellung um 20:30 Uhr. Von den Fans, die mit pinker Kleidung oder rosaroten Haaren, ging eine extrem positive Stimmung aus.
    Das setzte sich im Film fort.
    Greta Gerwig scheint alles richtig gemacht zu haben: BARBIE ist in aller Munde und macht Spaß!
    Dafür gab es auch Applaus vom Publikum. So ähnlich wie bei einem Filmfestival. Da schließe ich mich an.
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    22.07.2023
    07:39 Uhr
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    Rosa-pinke Patriarchat-Repräsentation

    Exklusiv für Uncut
    Spielzeugklassiker, Mode-Ikone, Körperkult – die Barbie des Herstellers Mattel ist eine der erfolgreichsten Puppen der Welt. Geliebt und gehasst zugleich. Nicht nur von feministischer Seite wegen des schlankheitswahnsinnigen Aussehens deutlicher Kritik ausgesetzt. Sie nimmt Influencer-Beauty-Content vorweg und ja, mit Barbara Millicent Roberts hat die Puppe sogar einen richtigen Namen. Auch den Film begleitete ein gigantischer Marketing-Hype, niemand kam daran vorbei, Barbie hat laut Studien in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 100%. Diverse Firmenkooperationen, Premieren in nachgebauten Barbie-House-Sets (in Berlin jedoch wegen des Streiks in der Hollywood-Filmbranche ohne der Anwesenheit der Stars). Ein Hommage-Teaser mit blasphemisch-augenzwinkernder Barbie als berühmter Monolith im Stile von „2001: A Space Odyssey“. Die gesichtete Hot-Skatin-Barbie-Margot-Robbie auf Inlinern am Strand von LA. Ein wasserstoffblonder Waschbrett-Ryan-Gosling in den Lifestyle-Gazetten. Ganz zu schweigen vom Barbenheimer-Phänomen mit Bezug auf den gleichzeitig erscheinen Nolan-Streifen „Oppenheimer“. Wird „Barbie“ diesem Wirbel, diesem Spektakel, dieser einzigarten Marketing-Kampagne gerecht?

    Greta Gerwigs dritte Spielfilminszenierung (nach „Little Women“ und „Lady Bird“) führt uns in die allzu perfekte Barbie-Welt voller Rosa-Schlaraffenland-Kitsch, Kostüm-Overflow und Plastik-Detailreichtum. Everybodys und anybodys Darling Margot Robbie und Ryan Gosling verlassen als Stereotype-Barbie und Beach-Ken die kunterbunte Lollipop-Utopie und begeben sich in die reale Welt. Dort konfrontiert sie die Realität eines inversen Gesellschaftsgefüges: Männer sind die gesellschaftliche Speerspitze, Frauen nur Beiwerk und Sexobjekt, Barbie wird nicht nur vergöttert. Schließlich kehren beide zurück und es kommt zu existentiellen Showdowns in der Barbie-Welt…

    Und was für eine Welt das ist! Weil Barbie in den 1950er erfunden wurde, gestaltet Gerwig mit ihrer Kostümdesignerin (Jacqueline Durran) und Szenenbildnerin (Sarah Greenwood) ein hyperkünstliches Universum im Stile der damaligen Zeit. Mit umwerfenden Outfits und handgemachten Attrappen anstelle von Greenscreens. Amüsante Beispiele der kleinen Ausstattungskunstwerke: Zahnpasta aus rosa Plastik, ein Miniatur-Barbieland, eine Rutsche vom Schlafzimmer in den Pool, in dem natürlich kein Wasser schwimmt, ein Barbie-Mount-Rushmore, eine pinke Barbie-Freiheitsstatue. Es ist pure Freude, reale Menschen in diesen Plastik-Puppenhäusern zu sehen. Mehrfach wird man „Barbie“ bestaunen, um alles zu entdecken.

    Weiter geht der visuelle Einfallsreichtum mit der puppen-authentischen Bewegung der Figuren: schon im Trailer sieht man Margot Robbie mit gestreckten Füßen, an die nur High Heels passen. Beine werden nie durchgedrückt, spreizen sich zügig zum Spagat auseinander. Barbie lebt das Leben in der Form, wie Kinder mit ihr spielen. Sie putzt sich nur scheinbar die Zähne, aus der Dusche kommt kein Wasser und sie geht niemals die Treppen in ihrem Haus herunter, sondern „fliegt“ zur nächsten Szenerie. Eine Augenweide sind Frisuren und insbesondere die Farbpaletten. Gerwig spricht von verschiedenen Pink-Nuancen, leuchtenden Farben, geometrischen Formen.

    Trotz der überaus sehenswerten Aufmachung verliert sich der Film nicht in diesen Details. Man sieht sich daran nicht müde. Denn „Barbie“ besticht ebenso durch einen Cast mit den verschiedensten Varianten der beliebten Puppen. Kate McKinnons „Weird Barbie“ ist von Kindern mit Stiftbemalung und wilder Frisur verschandelt. Zu Grunde liegen der biographische Kanon und das Sortiment von Mattel. Klingt absurd, doch es existiert eine offizielle Geschichte des Barbieversums: Michael Cera spielt Kens besten Freund Allan. Eine hochinteressante geschlechtsneutrale Figur in dieser extrem binären Welt. Simu Liu ist ein Ken asiatischen Phänotyps, Issa Rae eine Barbie for President, außerdem gibt’s Barbie als Ärztin, Physikerin, Richterin, Journalistin und Meerjungfrau (Dua Lipa). Alle Varianten verkaufte Mattel in der Realität, der Film reproduziert das Warensortiment gründlich und spielt die moderne Klaviatur neoliberaler Vermarktung identitätspolitischer Inhalte. Bedient wird damit auch das Multiversum als zentrales Narrativ aktueller Blockbuster. Will Ferrell als Mattel-CEO und Sidekick spielt keine bedeutende Rolle.

    Doch das war noch nicht alles. Neben Ausstattung und Sets, Visualität und gut aufgelegtem Cast tragen Ryan Gosling und Margot Robbie diese filmische Expedition. Während Robbie eine solide, mitfühlende Performance liefert, ist Ryan Gosling lights on! Sein Gesang, seine Tanzeinlagen, vor allem seine Mimik, sein Witz, sein Charme, wenn er die Realwelt erkundet. Köstlich, entzückend, herausragend. Er hat die Ken-Rolle übernommen, nachdem er eine Ken-Puppe seiner Tochter im Matsch hat liegen sehen. Seine Geschichte müsse erzählt werden, meinte er. Im Endeffekt ist Ken das gravitative Film-Zentrum und die personifizierte Unsicherheit der modernen Männlichkeit. „Barbie“ dekonstruiert Maskulinität und hinterfragt sämtliche Elemente der männlichen Hegemonie. Wie sie den Frauen am Lagerfeuer ewig Gitarre vorspielen, wie sie jeden Sport können, wie sie ihre Man Cave ausbauen und wie Frauen all dies begleiten mit Care-Arbeit. Leider versteckt sich diese Kritik an geschlechtlicher Ungleichheit in zu leichtfüßiger Ironie. Vielleicht fehlt hier die letzte Konsequenz.

    Regisseurin Greta Gerwig hält alle Fäden zusammen. Sie erzeugt einen berauschenden Film mit passendem Rhythmus. Ruhige Momente der Selbstfindung und knackige Pop-Song-Choreografien wechseln sich ab, kleine Verfolgungsjagden durchbrechen familiäre Streitigkeiten. Die comichafte Dynamik funktioniert, doch Gerwigs Mastermind zeigt sich insbesondere im Drehbuch, das sie mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Noah Baumbach (selber Regisseur, z.B. „Marriage Story“) voller popkultureller Referenzen schreibt. Wortwitze, Reminiszenzen – der Humor ist nicht platt, nicht zu simpel, auch nicht zu intellektuell. Auch hier gilt: es steckt so viel drin, dass einmaliges Betrachten nicht ausreicht.

    Im Drehbuch stecken zudem eine Vielzahl spannender Aspekte. Was ist Sterben? Barbie und Ken beginnen zu zweifeln. Wie in Platons Höhle, wie Truman in seiner gleichnamigen Show, zweifeln sie an der immer gleichen Konstanz, den wiederholenden Tages-Kreisläufen. Sie stoßen an die Grenze zwischen eigener unperfekten Person und gesellschaftlichem Anspruch. Was werden sie finden? In einer herausragenden Szene erklärt eine Jugendliche alle Kritik an der Barbie-Puppe: ein menschlicher Körper wäre mit Barbie-Maßen nicht lebensfähig, mit Barbies spielende Kinder hätten ein verringertes Selbstbewusstsein, Essstörungen und ein völlig falsches Körpergefühl. In Barbie-Land waren sich noch alle einig: die Barbie hat für vollständige Emanzipation aller Frauen geführt – die Realität ist eine andere. Hauptdarstellerin Robbie gab an, das Ziel des Films sei es, die Erwartungen zu untergraben und dem Publikum „das zu geben, was man nicht wollte“. Diese Ansage entpuppt sich bisweilen als zu ambitioniert, sind doch die provozierenden Töne in Unterzahl (Mattel war stark an der Marketing-Kampagne beteiligt) und die Kritik am Patriarchat verschwimmt dezent in klassischer Selbstfindungsbotschaft. „Barbie“ regt dennoch merklich stärker zum Nachdenken an als die meisten Sommer-Blockbuster.

    Und so setzt der Film dieser Puppe ein Denkmal. Mit Differenzierung für beide Seiten. Für die, die sich nostalgisch an ein geliebtes Kinderspielzeug erinnern. Und für die, die diese Repräsentation femininer Stereotype verabscheuen. „Barbie“ ist ein phänomenaler Film, der seinem Phänomen und den monströsen Begleitumständen gerecht wird. Mit gnadenlosem Humor, sensationeller Cosplay-Extravaganza und einer rosa-pinken Plastik-Welt zum Anfassen. Mit humanistischer Botschaft und reichhaltiger Gesellschaftskritik, die in entscheidenden Momenten ein wenig der Ironie zum Opfer fällt. Ein Spagat aus Abenteuer-Action, dystopischer Satire und Musical-Komödie. Eine ästhetisch atemberauende Tour existentieller Fragestellungen über das Leben und über das Miteinander, über Schubladendenken und Strukturkategorien. Und zum Schluss inszeniert Greta Gerwig ein nachdenkliches, berührendes Finale, in dem alle Gefühle auf das reduziert werden, worauf es ankommt: die Existenz jedes einzelnen Individuums.
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    19.07.2023
    12:50 Uhr