Atomic Blonde

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Forumseintrag zu „Atomic Blonde“ von JoaNeg


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JoaNeg (11.08.2017 15:51) Bewertung
Tolle Action, schwache Story
Exklusiv für Uncut
Drei Jahre, nachdem er zusammen mit Chad Stahelski bei John Wick Regie geführt hat, bringt uns David Leitch, welcher unter anderem für die Stunts in 300, V für Vendetta und den Matrix Fortsetzungen verantwortlich ist, Atomic Blonde mit Charlice Theron in der Hauptrolle. Wer sich jetzt John Wick, aber mit einer weiblichen Protagonistin erwartet, liegt nur teilweise richtig. Zwar ist Theron ähnlich stoisch und tödlich wie Keanu Reeves und die Action ist erwartungsgemäß ähnlich exzellent, jedoch nimmt sich Atomic Blonde wesentlich mehr Zeit, eine verwobene Agenten-Story voll überraschender Wendungen zu erzählen - leider nicht unbedingt zu seinem Vorteil.

Berlin 1989, kurz vor dem Fall der Mauer: ein Agent der MI6, welcher eine Liste mit höchst brisanten Informationen besitzt, wird getötet und die Liste entwendet. Der britische Geheimdienst schickt Lorraine Broughton (Theron) nach Berlin, um die Liste zurückzuholen. Der wenig vertrauenswürdige, in Berlin bereits tätige Agent David Percival (James McAvoy) soll sie dabei unterstützen. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass Lorraine weder ihm noch irgendjemandem sonst in Berlin trauen kann, als sich das Netz aus Intrigen und Verrat immer weiterspinnt.

Hier liegt auch schon das größte Problem des Films. Denn als übersichtlich lässt sich die Handlung von Atomic Blonde nicht bezeichnen. Immer neue Wendungen und Figuren, deren Hintergrund und Motivation nie ganz klar werden, machen es schwer, dem Film zu folgen. Auch emotional bleibt der Film völlig auf der Strecke. Es fällt schwer, sich in die Charaktere hineinzuversetzen, da viel zu wenig über sie und ihre Motivationen preisgegeben wird. Auch Lorraine bleibt den ganzen Film über kalt und stoisch, sodass man nie wirklich mit ihr mitfiebern kann. Selbst die Romanze zwischen Lorraine und der Französin Delphin Lasalle, gespielt von Sofia Boutella, welche unter anderem in Kingsmen: The Secret Service überzeugen konnte, lässt den Zuseher kalt. Sie dient dem Film lediglich dazu, das Geflecht an Verschwörungen und Betrügereien weiterzuspinnen und dem Publikum ein lesbische Sexszene zu präsentieren. Insgesamt zeigt der Film sehr obsessiv Therons Körper, an welchem die Kamera fast schon fetischisierend auf und ab fährt. Mehrmals sieht man Theron nackt in einer Badewanne. Glücklicherweise erreicht die Sexualisierung der Frau hier aber nie ein - zum Augenrollen führendes - Level, wie beispielsweise das eines Fast & Furious Films; immerhin steckt unter dem teuren Lingerie doch eine starke Frau, die unabhängig von ihren männlichen Mitstreitern agiert und auch ordentlich austeilen kann.

Denn was der Film mit seiner Handlung nicht unbedingt erreichen kann, macht er mit seiner hervorragenden Action wieder wett. Theron mag zwar nicht an das akrobatische Talent ihrer asiatischen Kollegen herankommen, beweist sich hier aber ein weiteres Mal als Actionstar und zeigt einiges an Können. Theron bereitete sich lang auf den Film vor und viele der Szenen wurden ohne Hilfe eines Stuntdoubles gedreht. Wie schon in John Wick verzichtet David Leitch auf die – für das Genre üblichen - hektischen Schnitte und verwackelten Bilder, um die wenig vorhandenen Fähigkeiten ihrer Stars zu kaschieren, sondern zeigt die Action in übersichtlichen, oft sehr langen Shots. Das Highlight des Filmes ist definitiv eine Szene, in der Lorraine versucht, einen Überläufer nach Westberlin zu bringen. Der Kampf erstreckt sich über mehrere Minuten durch ein Stiegenhaus, in ein leeres Apartment, auf die Straße, in ein Auto,… während Lorraine mit allen möglichen Waffen und Haushaltsutensilien kämpft - alles ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt. Vor allem das Sounddesign unterstützt die Szene und lässt den Kampf äußerst brutal und schmerzhaft wirken. In einer Zeit, in der das Actionkino von scheinbar unverwundbaren und nie müde werdenden Superhelden dominiert wird, ist es erfrischend, wieder bodenständige Action sehen zu können. Am Ende der besagten Szene sind weder Lorraine, noch ihr Kontrahent kaum mehr fähig, einen kraftvollen Schlag anzubringen, sondern werfen sich nur noch wie Betrunkene aneinander. Allein diese Sequenz macht den Film für Actionfans zu einem Muss.

Ein weiterer Punkt, in dem der Film überzeugen kann, ist der visuelle Aspekt. Oft sind die Bilder in expressive Farben gebadet. Getränkt in blaues und rotes Neonlicht erinnert der Film nicht selten an Bilder aus Nicolas Winding Refns neuere Werke wie etwa The Neon Demon, auch wenn es sich in Therons Film wohl eher nur um den coolen Look dreht als um eine tiefere Bedeutung. Auch der Soundtrack, bestehend aus vielen Hits der 80er, darunter auch Völlig Losgelöst von Peter Schilling und Falcos Der Kommissar (in einer englischen Version), weiß zu überzeugen und lässt einen oft über den trockenen Ton der Handlung hinwegsehen.

Denn diese nimmt doch einen großen Teil des Filmes in Anspruch und schafft es nie, den Zuseher wirklich für sich zu gewinnen, worunter auch die Action leidet. Schließlich wird ein Kampf gleich um einiges spannender, wenn man mit den Charakteren sympathisiert und mit ihnen mitfiebern kann. Die rein technisch großartigen Kampfsequenzen heben die Qualität des Films zwar schon ordentlich, jedoch sollte jeder für sich selbst entscheiden, ob diese es wert sind, einen verwirrenden und eben leider gar nicht mitreißenden Plot in Kauf zu nehmen.
 
 

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