Thor - Tag der Entscheidung

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Forumseintrag zu „Thor - Tag der Entscheidung“ von JackieX

21.10.2014 025 (2)
JackieX (05.12.2017 14:20) Bewertung
Zwiespältiges Vergnügen für Marvel-Fans
Wer seine Comic-Verfilmungen gerne lässig, cool und comichaft überdreht präsentiert bekommt, wird sich in „Thor Tag der Entscheidung“ prächtig amüsieren. Für jene jedoch, die (so wie ich) sowohl den Humor als auch den Tiefgang der Marvel-Verfilmungen stets sehr geschätzt haben, ist dieser Film ein äußerst zwiespältiges Vergnügen. Ich wurde während des gesamten Films das Gefühl nicht los, dass die Macher von Marvel und Disney zu sehr bemüht waren, das an den Kinokassen äußerst lukrative Erfolgsrezept der „Guardians of the Galaxy“-Reihe auf die Marvel-Filme übertragen zu wollen, nach dem Motto „Humor sells!“ Mit dieser Herangehensweise wurde Thors dritter Allein-Auftritt zwar ein locker-lässiger Actionspaß, aber lässt doch vieles zu Wünschen übrig, zumindest bei mir, einem überzeugten Marvel-Fan.

An den Schauspielern liegt es nicht! Der Australier Chris Hemsworth genießt es sichtbar, seinen immer leicht ans Lächerliche grenzenden Donnergott dieses Mal mit einer gehörigen Portion Selbstironie verkörpern und sich dabei auch der blonden Mähne und des roten Umhangs entledigen zu dürfen. Tom Hiddleston als sein verschlagener, stets auf den eigenen Vorteil bedachter Bruder Loki zieht auch dieses Mal den Zuschauer mit seinem zwielichtigen, tiefgründigen Charisma in seinen Bann. Und Mark Ruffalo ist als Wissenschaftlicher Bruce Banner, der unter seinem Alter Ego als riesenhafter, einfältiger Haudrauf-Hulk leidet, einfach wunderbar („Ich habe sechs Doktortitel, aber alle wollen mich nur als Hulk, der alles kurz und klein schlägt.“)
Auch die Nebenrollen sind toll besetzt! So verwandelt sich Jeff Goldblum mit sichtlichem Spaß in einen schrillen, selbstverliebten Müllplaneten-Herrscher mit Sadismus-Problemen. Cate Blanchett gibt eine beeindruckende Vorstellung als dämonische und von Rachesucht getriebene Todeskönigin Hela, und auch Tessa Thomson als beinharte, trinkfeste Kriegerin mit Herz ist eine Bereicherung im „Team Thor“.

An der Spielfreude und dem Charisma der Schauspieler liegt es also nicht, dass „Tag der Entscheidung“ nicht recht zu berühren und zu fesseln vermag, sondern daran, dass den Figuren Tiefe fehlt und sie zu comichaft überzeichnet sind.

Hela zum Beispiel, Thors und Lokis unbekannte, weil vom Vater verheimlichte, ältere Schwester, die nach langer Verbannung nach Aasgard zurückkehrt, wird im Wesentlichen als von Rachedurst und Machtgier getriebene Todeskönigin gezeigt, die mit Hilfe ihrer immensen Superkräfte, denen nicht einmal Thors Hammer gewachsen ist, ohne mit der (schwarzen) Wimper zu zucken mal eben ein paar Hundert Soldaten Aasgards niedermäht. Auch äußerlich unterscheidet sie sich kaum von all jenen blutrünstigen, eiskalten, schwarzhaarigen und schwarz-gewandeten Antagonistinnen, von denen es in unzähligen anderen Filmen nur so wimmelt.
Diese klischee- und comichafte Überzeichnung wird der Figur der Hela jedoch absolut nicht gerecht. Denn Hela hat allen Grund, mit einer Riesenwut im Bauch nach Aasgard zurück zu kehren. Nicht nur, dass der Vater sie verbannt und ihren Brüdern ihre Existenz verschwiegen hat. Viel schlimmer wiegt, dass sie vom Vater Odin als Kind aufgrund ihrer außergewöhnlichen Superkräfte als lebende Massenvernichtungswaffe dazu missbraucht wurde, ganze Völker zu vernichten und zu unterjochen. Als Odin irgendwann erkannte, dass die entfesselten, zerstörerischen Kräfte seiner Tochter nicht mehr zu kontrollieren waren, verbannte er Hela und schickte ihr später auch noch einen Trupp Walküren auf den Hals, um sie zu töten, was jedoch scheiterte und gehörig nach hinten losging.
Helas gigantischer Rachedurst hat also durchaus nachvollziehbare Gründe, denn ihr wurde übel mitgespielt. Leider jedoch werden das Leid, das ihr widerfahren ist, und der Hass, der über so viele Jahre daraus erwachsen ist, viel zu wenig ausgelotet. So lernt der Zuschauer sie nur als eiskalte, vor keiner Grausamkeit zurückschreckenden Medusa kennen.

Den anderen Figuren ergeht es nicht besser: Thor muss in „Tag der Entscheidung“ zahllose Schlachten auf gleich drei verschiedenen Planeten schlagen, muss dabei einiges an Schicksalschlägen und Prügel einstecken (kein Hammer, der ihn schützt!), doch das alles ist so actionreich und rasant inszeniert, Handlung und Spannung werden so häufig ironisch gebrochen, dass Thor dabei nur wenig charakterliche Tiefe und Konturen erhält. Manche Szenen lassen den nordischen Göttersohn schon fast zur Witzfigur verkommen offensichtliche Zugeständnisse an das „Guardians of the Galaxy“-Publikum. Selbst Loki, der charismatische Halbbruder und eifersuchtgeplagte Widersacher Thors („Er ist adoptiert“), ist hier nur noch ein Abziehbild seiner selbst und erscheint an manchen Stellen des Film in seinen „Ich bin teuflisch böse“-Posen schon fast lächerlich. Lokis innere Zerrissenheit, sein Schwanken zwischen (Bruder-/Vater-)Liebe und Hass, Loyalität und Verrat, Egomanie und Selbsthass, das Ringen mit seinen inneren Dämonen und Konflikten das alles dient in „Thor III“ nur noch als ironisches Beiwerk, dient mehr der Belustigung der Zuschauer als der Vertiefung von Lokis Figur und Charakter.

Die einzige positive Ausnahme ist Bruce Banner, aka Hulk. Die kurze Szene, in der Bruce Banner sich endlich wieder in sich selbst zurückverwandeln und wieder vernunftgesteuerter Wissenschaftlicher sein kann statt wütendes Monsterbaby, das alles kurz und klein schlägt, gehört zu einem der angenehmsten Momente im ganzen Film, weil hier die Figuren endlich einmal nur menschlich sein dürfen.

Von dieser positiven Ausnahme einmal abgesehen, ist mein persönlicher Hauptkritikpunkt an „Thor Tag der Entscheidung“ somit, dass es allen Figuren und auch der Handlung an Tiefe fehlt!
Das Besondere an den Helden des Marvel-Universums und ihrer filmischen Umsetzung war ja stets, dass die Helden mit ihren unglaublichen Superkräften einerseits ironisch gebrochen wurden und sie dadurch der Gefahr entgingen, ins Lächerliche oder Pathetische abzugleiten , sie andererseits aber auch ernst genommen wurden, ganz egal wie fantastisch und irreal Figuren und Handlung bei nüchterner Betrachtung auch sein mögen. Ein in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingefrorener Kriegsheld mit Superkräften, der heute noch rumläuft, als wär' er seinem eigenen Comic entstiegen? Ein genialer Tüftler und Waffenproduzent, der sich selbst eine stählerne Rüstung baut, um zu Iron Man, dem Weltenretter, zu werden? Ein nordischer (!), von einem fremden Planeten stammender Götterprinz, der mit blondem Wallehaar, rotem Umhang und einem Hammer bewaffnet die Erde gegen Bösewichte verteidigt und dabei ein Englisch spricht, als käme er gerade aus einer „Shakespeare im Park“-Aufführung (wie Iron Man einmal so treffend bemerkte)?
NATÜRLICH ist das alles mehr als unglaubwürdig, die Figuren ebenso wie ihre Superkräfte und die gigantischen Herausforderungen, mit denen sie es auf der Erde und auf fremden Planeten zu tun bekommen!
Dennoch haben es Stan Lee und die Macher von Marvel Films es immer wieder geschafft, dass man sich auf die Figuren und ihre Abenteuer einlässt, dass man sie ernst nimmt, mit ihnen lacht und leidet, und sie ins Herz schließt.

In den filmischen Alleinauftritten erfuhr man viel über die einzelnen Helden, ihre inneren und äußeren Verletzungen, man erlebte ihre inneren Konflikte ebenso wie die äußeren Bedrohungen, denen sie sich stellen mussten. Egal wie ausufernd die Action und überwältigend die CGI-Effekte auch waren, immer gab es da auch eine gewisse Meta-Ebene, welche dafür sorgte, dass die Filme mehr waren als Fantasy-Gedöns und Popcorn-Action, sondern bei aller Unterhaltung auch eine tiefere menschliche und moralische Botschaft transportierten.
Leider wurde diese so besondere und wertvolle Eigentschaft der Marvel-Verfilmungen beim dritten Auftritt Thors nun aufgegeben, fast möchte ich sagen: verraten.

Ein Wort noch zur Liebesgeschichte aus den beiden ersten Thor-Filmen: Manche mögen es begrüßen, dass dieses Mal auf eine Forsetzung dieser Liebesgeschichte verzichtet wurde. Doch auch, wenn man diese nicht unbedingt vermisst, so war es dennoch Thors menschliche und emotionale Verbindung zur Erde, die ihn, den hammerschwingenden Donnergott vom Planeten Aasgard, im wahrsten Sinne des Wortes erdeten, ihm menschliche Züge gaben, und die Figur somit aus dem Bereich der reinen Fantasy heraus ins Hier und Jetzt holten. Dies fehlt bei seinem dritten Abenteuer, welches komplett auf fremden Planeten spielt (mal vom Besuch bei Dr. Strange abgesehen) und vor schwindelerregender Action und Effekten nur so strotzt.

Als großartiges Action-Kino funktioniert „Thor Tag der Entscheidung“ prima zwei Stunden lang wird man von Gekloppe und Geballer auf gleich mehreren Planeten und von gut aufgelegten Stars bestens unterhalten. Action und Effekte stimmen, die Spannung auch, und es gibt ein paar launige und humorvolle Drehbucheinfälle, die wirklich Spaß machen. So zum Beispiel die Szene, in der Thor um seine lange blonde Mähne kämpft, als hätte er in diesem Moment keine ernsteren Probleme, und wer ihm in dieser Szene mit zitternden Händen an die Haarpracht will. Oder Thors Kabbeleien mit Tony Stark, die wegen eines bestimmten Computer-Passwortes auch während Tony Starks Abwesenheit weitergehen. Oder wie sich der kindlich-debile Riese Hulk beim Bad in einem Wellness-Pool (!) nach einem heftigen Arena-Fight über den „mickrigen“ Donnergott Thor auslässt. All jene Fans jedoch, die im Kino nicht nur abschalten sondern auch von den Marvel-Helden und -Stories berührt werden wollen, werden die sonst übliche Tiefe der Filme vermissen.
 
 

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