Lady Snowblood

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Forumseintrag zu „Lady Snowblood“ von Thorsten

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Thorsten (15.06.2018 21:58) Bewertung
Eine poetische sowie brutale Rachegeschichte
Eldritch Advice
„Lady Snowblood“ ist ein vom Schriftsteller Kazuo Koike und dem Zeichner Kazuo Kamimura 1972 erschaffener Manga. Im deutschsprachigen Raum musste man etwas länger warten, um die Geschichten der Assassinin Yuki in übersetzter Form lesen zu können, denn die Veröffentlichung in deutsche Sprache erfolgte erst im Jahr 2006. „Lady Snowblood“ ist ein klassisches Beispiel für den „Gekiga“-Stil; eine brutalerer und an ein erwachsenes Publikum gerichtete Kunstform, die in ihrer Erzählstruktur von der Filmlandschaft der 50er- und 60er-Jahre, insbesondere dem „Film noir“, inspiriert ist. Dadurch sind derlei Werke geradezu optimal für eine Live-Action Umsetzung. „Lady Snowblood“ erfuhr eine solche alsbald. Bereits 1973 brachte der Regisseur Toshya Fujita ihre tragische Geschichte in die japanischen Kinos.

Zur Zeit der Meiji-Restauration beginnt das bisher feudal geprägte Japan in kürzester Zeit westliche Errungenschaften, mit dem Ziel selbst eine imperiale Großmacht zu werden, für sich zu beanspruchen. Veränderungen die zu Beginn Widerstände und Tumulte im ganzen Land auslösen. Vier Verbrecher nutzen diese, um eine junge Familie zu überfallen. Während der Vater und der Sohn einen schnellen Tod finden, wird die Mutter brutal vergewaltigt und geschwängert und schwer gezeichnet zurückgelassen. Nachdem ihre äußeren Wunden heilen, sinnt sie nach Rache und schafft es auch, einen der Übeltäter zu töten. Dabei wird sie allerdings von der Polizei gefasst und ins Gefängnis gesteckt. Dort stirbt sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter Yuki im Wissen, dass sie dereinst ihr Instrument der Rache sein wird. Jahre später ist Yuki nun dazu bereit den Rachefeldzug ihrer Mutter aufzunehmen und zu Ende zu bringen.

Ich muss sagen hierbei handelt es sich um ein zeitloses Kunstwerk!

Trotz der bereits sehr cineastischen Struktur des Quellenmaterials, entschied sich Fujita dazu, sich rein auf den primären Handlungsfaden der Mangas zu konzentrieren und strich für seine Adaption Yukis Rolle als Auftragsmörderin sowie zahlreiche erotische Szenen. Eine gute Entscheidung, denn der Fokus auf den Rache-Plot wirkt sich positiv auf die Dramaturgie dieses Werks aus und sorgt dafür, dass es sich hierbei um eine stimmige und in sich geschlossene Geschichte handelt, die für sehr kurzweilige 96 Minuten sorgt. Darüber hinaus ist es erstaunlich, wie es das Team geschafft hat, mit einem kleinen Budget eine überzeugende Illusion der Meiji-Ära zu kreieren und mit der wunderschönen Ästhetik japanischer Filmkunst zu vermischen; sprich endlose Blutfontänen - eine Augenweide. „Lady Snowblood“ ist aber nicht bloß optisch eine Wucht, sondern verfügt darüber hinaus über einen perfekten Score. Komponist Masaaki Hirao gelingt es nicht bloß das Ambiente aller Szenen einzufangen, sondern schafft es ferner, jede dieser Szenen mit seinen Klängen zu verbessern.

In diesem Film gibt es niemanden der schauspielerisch negativ zu erwähnen wäre, aber eine Person die alle an Talent und Leistung überstrahlt. Dies ist Meiko Kaji als die Protagonistin Yuki. Die Art und Weise, wie sie sich bewegt oder spricht, ihre Schönheit gepaart mit ihrer stoischen Mimik, es gibt keine Schauspielerin die diese Rolle besser interpretieren hätte können. Sie alleine hievt diesen Film auf den Olymp der Filmkunst. Es verwundert nicht, dass sie Quentin Tarantino zu einem seiner besten Projekte inspiriert hat und obwohl ich „Kill Bill“ mag, ist die wundervolle und talentierte Lucy Liu als O-Ren Ishii verglichen mit Kajis Yuki nur ein blasser Abglanz.

Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

Es spricht für sich, dass ich beim Besprechen dieses Films regelrecht ins Schwärmen gerate. Ich liebe den in vier Kapitel unterteilten Erzählstil, ich liebe die Ästhetik, Ich liebe es wie sich der Beginn mit dem Ende reimt, Ich liebe die Darstellung des Konflikts zwischen Tradition und Moderne, ich liebe nahezu alles an diesem Film. Wie bei allen Produktionen die in einem historischen Setting spielen und Adaptionen eines anderen Mediums sind, kann man auch hier, wenn man denn will, Ungereimtheiten finden, aber das würde für mich in die Kategorie „Zwanghaft nach Fehlern suchen“ fallen.

„Lady Snowblood“ ist ein mit Blut geschriebenes Gedicht und ich kann nur ausdrücklich empfehlen euch dieses Werk zu Gemüte zu führen. Es ist eine jener cineastischen Meisterleistungen, die immer einen Platz in meiner Liste der besten Filme aller Zeiten haben werden. Man muss weder den Manga gelesen haben, noch sich sonderlich gut in der japanischen Geschichte auskennen um „Lady Snowblood“ genießen zu können. Im seinem Kern ist es eine pure Vergeltungsgeschichte; zeit- und kompromisslos. Ich kann mich nur wiederholen: Seht euch dieses Werk an und weidet eure Augen an diesem magischen Stück Filmgeschichte. Für mich führt kein Weg daran vorbei „Lady Snowblood“ eines freitäglichen Filmabends würdig zu erklären.

Habt ihr Interesse an Horror und Trashfilmen sowie anderer cineastischer Kleinodien, empfehle ich euch meinen englischsprachigen YouTube Channel zu besuchen. Dort bespreche ich mindestens einmal wöchentlich ein Filmjuwel aus meiner Sammlung:
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