Rose

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Forumseintrag zu „Rose“ von Andretoteles

Auszug aus dem Forum des Films „Rose“:
  • "IN DER HOSE WAR MEHR FREIHEIT"

    In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) tritt ein unbekannter Mann sein Erbe in einer protestantischen Dorfgemeinschaft an. Der zukünftige Landgutbesitzer täuscht alle: er ist eigentlich eine Frau namens Rose (Sandra Hüller), die sich nicht ihrem Schicksal als Sex- und Dienstmagd fügen möchte. Sie will ihre Freiheit bewahren – in einer Zeit, in der diese nur Männern zugestanden wird. Um größeres Land zu bewirtschaften, wird ihr später Suzanna (Caro Braun) zwangsverheiratet, und nach einem Imker-Unfall bröckelt das Geheimnis. Multitalent Markus Schleinzer (Regie, Buch, Casting) schafft einen bärenstarken Film, der sich nichts Geringerem als den großen Fragen (auch unserer Zeit) widmet: Was ist Freiheit? Was ist Identität? Was ist Geschlecht?

    Dass diese Epoche des 17. Jahrhunderts mit unserer nicht zu vergleichen ist, wissen wir. Und doch entgleitet sie uns, bleibt abstrakt: diese Abhängigkeiten vom Wetter, von Ernten, von göttlichen Dogmen. Mehr als einmal kämpfen sich die Dorfleute durch neblige Regengüsse, durch graue Schneestürme oder durch steinhartes Brot. Sie sind abhängig von Tieren, halten Nutzvieh, verteidigen sich gegen Wildtiere. Menschen als Teil der Biologie, als Körper unter Körpern. Selten wurde eine so trostlose Zeit derart greifbar ins Bild gesetzt. Selbst das kleine Schiebetürchen vor dem Schlafraum muss mit einem Seil verspannt werden, Misstrauen und Neid sind allgegenwärtig, Metallschlösser ein ferner Luxus. Hier ist nichts sicher – weder Besitz noch Identität.

    Doch es ist nicht nur das Zeitdokumentarische, das diesen Film trägt. Die Historizität wird zur individuellen Resonanzfläche. Mit dem Vorbild der Catharina Linck (1687-1721), die sich als Mann ausgab, umherzog und später wegen sexueller Handlungen abseits der Hetero-Penetration (Sodomie) enthauptet wurde, knüpft ROSE an Biographischem an. Archivarbeiten belegen darüber hinaus eine Vielzahl ähnlicher Existenzen – Frauen mit erfundenem Körper, mit Penisattrappen, mit geliehenem Namen. Mit also ähnlichem Schicksal, das Sandra Hüller atemberaubend personifiziert. Es ist kaum übertrieben zu sagen: Sie gehört zu den eindringlichsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Eine einzige Nahaufnahme – Tränen, die sich in einer quälend langen Einstellung ihren Weg bahnen – genügt, um das gesamte Gewicht dieser Existenz zu tragen. Dafür wurde sie mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Zu Recht.

    „Freiheit wird unsichtbar, wenn man sie hat und privilegiert ist“, meint Markus Schleinzer in Bezug auf die philosophischen Themen. Rose lebt in einem Zustand permanenter Maskierung – nicht aus Lust am Spiel, sondern aus existentieller Not. Ihre Identität ist kein innerer Kern, sondern ein fragiles Konstrukt im Blick der anderen. Wer bestimmt also, wer wir sind? Warum bestehen (reaktionäre) Gesellschaften – damals wie heute – darauf, das Fluide in binäre Formen zu zwingen? Und wie tief reicht die kulturelle Einschreibung in das, was wir „Geschlecht“ nennen?

    Die Hose erscheint als doppeldeutiges Symbol: einst Werkzeug der Emanzipation, zugleich aber Signatur von Männlichkeit. Kleidung wird zur Sprache, zum Code, zur sozialen Grammatik. Während die Hose historisch ihre Bedeutung verschieben konnte, bleibt das Kleid bis heute stärker fixiert – ein Relikt starrer Zuschreibung. Der Film legt frei, wie willkürlich diese Zeichen sind und wie brutal ihre Durchsetzung sein kann. Vor allem spricht der Film die radikale Hierarchisierung der Geschlechter aus: Über Jahrhunderte hinweg wurde der Sinn weiblicher Existenz auf Reproduktion reduziert. Es gab keine zweite Lesart, keinen alternativen Entwurf.

    Wie wird Geschlecht heute gemacht? Zunächst biologisch postnatal und amtlich festgenagelt, erst später erfolgt die persönliche Identitätsfindung oder die normierte Geschlechtsbestimmung durch Kleidung oder Haare. Früher fiel die urkundliche Fixierung weg, weshalb das öffentliche Genderswitching/Crossdressing flüchtiger vonstattenging. Ohne Dokumentation konnte ein Leben länger verborgen bleiben. So kam es, dass erst auf Schlachtfeldern oder später nach Begutachtung der Gräber das eigentliche Geschlecht festgestellt wurde. Der wesentliche Unterschied: während nichtbinäre Entwürfe wie Drag oder Trans heutzutage in liberalen Gesellschaften überwiegend akzeptiert werden, mussten die Leute damals ihr Geheimnis streng hüten und mit heftigen Existenzängsten leben. Die einzigen Beweise: Sichtprüfung der Geschlechtsteile oder Geburt eines Kindes. Sex als letzte Unterschrift unter den Ehevertrag. Alles heutzutage unvorstellbar, wenngleich die Identitätsfindung ähnlich schwierig abläuft.

    Die meisten dieser philosophischen Versatzstücke transportiert eine Voice-over-Stimme. Sie hinterfragt Sprachphilosophie: „Worte kann man ändern. Sie haben Wirklichkeit zur Folge.“ Und setzt damit den linguistischen Paukenschlag. Denn wenn Sprache Wirklichkeit formt, dann ist Identität kein Schicksal, sondern ein Aushandlungsprozess. Sie setzt aber auch humorvolle Stichpunkte, die den Film aufwerten. Schleinzers Entscheidung, das Drehbuch eher als Prosatext, denn als klassisches Skript zu denken, ist hier spürbar: Die Sätze haben Gewicht, sie verlangen Wiederholung.

    Fazit: ROSE ist ein Historiendrama über trübe Farblosigkeit – in den Individuen und zwischen ihnen. Beklemmend ist die unwirtliche Geschichtswelt, deren Farblosigkeit sich nicht nur in monotonen Tätigkeiten zeigt, sondern auch in der patriarchalen Unfreiheit. Biologie ist hier keine neutrale Tatsache, sondern ein performatives Schlachtfeld. Der Körper ist Beweisstück, Gefängnis und Möglichkeit zugleich. Doch in diesem grausamen Miteinander keimt eine Knospe der weiblichen Emanzipation, der widerständigen Rebellion, der existentiellen Freiheit. Erzählt über das lyrisch-philosophische Drehbuch, erschreckend gut gespielt von Sandra Hüller. Letztlich erinnert ROSE daran: Freiheit beginnt nicht mit der richtigen Kleidung. Sondern mit dem pluralistischen Recht, sich der Zuschreibung zu entziehen.
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    01.05.2026
    13:34 Uhr

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