Wo die Zeit davonschmilzt
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE Zahlen, Fakten, Statistiken, Prognosen. Hören wir von der Klimakrise, geht all das mittlerweile hinein ins eine und sofort wieder hinaus aus dem anderen Ohr. Gegenüber dystopischen Vorhersagen sind wir taub geworden. Wer kann einem das Gefühl von Machtlosigkeit angesichts eines fest verwurzelten oder, besser gesagt, einbetonierten Systems der ökologischen Ausbeutung auch wirklich verübeln. Fridays for Future findet kaum mehr statt, die Letzte Generation ist nicht mehr und selbst die kleinen Kämpfe, wie jener gegen den Lobau-Tunnel sind scheinbar zum Scheitern verdammt. Wie also geht man vor gegen ein Taubheitsgefühl, das sich mit Blick auf das scheinbar Unveränderbare bei vielen einstellt? Nikolaus Geyrhalter versucht in einer Zeit, wie dieser, einen Weg fernab von Didaktik zu gehen. Unter der Proklamation gar keinen Film über den Klimawandel machen zu wollen, versucht er mit seinem neuen Dokumentarfilm „MELT“ die Ansprüche kleiner zu halten. Das Ziel: ein Zeitdokument, das die Beziehung zwischen Mensch und Schnee an verschiedenen Orten unseres Globus einfängt.
Mit der Frage, wo der Alltag von Menschen vom Schnee bestimmt wird, findet sich Regisseur und Kameramann Geyrhalter an den unterschiedlichsten Orten wieder. In Japan, Kanada, Island, der Schweiz, Frankreich, Tirol und sogar der Antarktis zeigt „MELT“ episodisch das Leben und die Arbeit dieser Leute. Ob Pistenraupenfahrer auf dem Jungfraujoch oder eingeschneite japanische Reisbauern, der Film erzählt vom Alltäglichen, von subjektiven Beobachtungen und persönlichen Erlebnissen mit dem Schnee, der sie umgibt. Abseits von politischen Diskussionen, einstudierten Reden und wissenschaftlichen Konferenzen kommen hier Menschen zu Wort, die in den Interviews oft eine bodenständige Unsicherheit ausstrahlen. Sie wirken, als würden sie vor der Kamera eher laut nachdenken, als kalkulierte Meinungen statuieren zu wollen. Verstärkt durch das langsame Schnitttempo, das sich zugegebenermaßen zeitweise etwas zäh anfühlen kann und viel Raum für Stille lässt, zieht sich dieser nachdenkliche Ton durch die vollen zwei Stunden des Films.
Kontrastiert werden die alltäglichen Erzählungen mit einer visuellen Ästhetik, die sich – abgesehen von einigen gemütlichen Wohnzimmern – vielmehr nach außerirdischer Sci-Fi-Kulisse anfühlt. Panoramaaufnahmen von endlosen Eiswüsten, einsamen Forschungsstationen oder Berghotels, die wie Mondbasen anmuten, geben einem das Gefühl, hier nicht unsere Erde zu betrachten. Geyrhalter fängt mit seiner stets auf Symmetrie bedachten Bildsprache eine Natur ein, die man so selten zu Gesicht bekommt und bei der sich dann doch immer wieder die Frage ins Bewusstsein drängt: Wie temporär, wie zerbrechlich ist diese monumental-schöne Natur angesichts der Veränderung des Klimas?
Denn – und das wird auch dem Regisseur und seinem Rechercheteam bewusst gewesen sein – einen Film über Schnee zu machen, ohne dass sich die Klima-Thematik dabei an die Oberfläche drängt, das ist nahezu unmöglich. Spätestens wird das im letzten Abschnitt des Films, in der Antarktis, völlig klar. Wo zuvor noch aus der persönlichen Erfahrung „ganz normaler Leute“ gesprochen wird, stehen dann nämlich Wissenschaftler:innen einer deutschen Forschungsstation im Fokus. Von der scheinbaren Unberührtheit der antarktischen Natur berührt formulieren diese zum Ende hin immer klarer eine, dann doch didaktische, Forderung nach Änderungsbedarf, um eben diese Natur zu erhalten. Ob das den Film in seiner Herangehensweise scheitern lässt oder ob es genau die Frage, die er stellt, zur logischen Schlussfolgerung führt, bleibt dann für jede:n Zuseher:in selbst zu entscheiden. Als Zeitdokument, das zeigt, wie Schnee und Eis heute aussehen können und das implizit die Gedanken in Richtung ungewisser Zukunft lenkt, ist „MELT“ aber sicherlich gelungen.
|