White Snail

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Forumseintrag zu „White Snail“ von maxpumsi

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maxpumsi (31.10.2025 17:48) Bewertung
(K)eine schleimige Angelegenheit
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Was kommt einem beim Gedanken an Schnecken in den Sinn? „Schleimig“, „langsam“, „süß“, vielleicht sogar „lecker“? Bei wenigen wird sicher die Vorstellung von den Kriechtieren als Haustier oder gar als Beauty-„Produkt“ hervorgerufen werden. Genau das sind aber die titelgebenden Schnecken im neuen Film von Elsa Kremser und Levin Peter. „White Snail“ handelt einerseits von Masha (Marya Imbro), einem angehenden Model, die gerade einen Suizidversuch hinter sich hat und jetzt, gegen ihren Willen, aber auf Wunsch der Mutter, regelmäßig exorziert werden muss. Ihr Vater ist wegen der politischen Umstände in Belarus nach Polen geflohen und versucht die beiden Zurückgelassenen verzweifelt zu sich zu holen. Andererseits erzählen uns Kremser und Peter von Misha (Mikhail Senkov), einem Angestellten in einer Minsker Leichenhalle, wo er die Toten obduziert und für die Beisetzung präpariert. Wegen ihrer Faszination mit dem Tod sucht Masha nach ihrem Krankenhausaufenthalt Mishas Arbeitsplatz auf, wo die eigenartige Beziehung der Zwei ihren Anfang findet.

Nach den zwei Dokumentarfilmen „Space Dogs“ (2019) und „Dreaming Dogs“ (2024) inszeniert das Regieduo mit „White Snail“ seinen ersten Spielfilm. Ganz rücken die beiden dabei aber nicht von ihrer dokumentarischen Arbeitsweise ab. Basis des Filmkonzepts legte nämlich das Kennenlernen der Filmemachenden mit dem echten Misha, der auch in Wirklichkeit in einer Leichenhalle gearbeitet hatte und mitunter diese Arbeit in seine Malerei einfließen lässt. In vielen Jahren Recherche und Stoffentwicklung, in denen Kremser und Peter auch Marya Imbro entdeckten, begleiteten sie die realen Vorbilder ihrer Figuren in Alltag und Beruf, zogen Inspiration aus deren Umwelt und ließen sie vor Drehstart die Sets bewohnen. Tatsächlich konnte Misha zur Vorbereitung auf seine Rolle sogar in der Leichenhalle arbeiten, die auch im Film zu sehen ist.

Und ja, diese besondere Herangehensweise hat sich gelohnt. „White Snail“ zeichnet sich als Produkt dieses langwierigen Prozesses durch einen Realismus aus, den man durch die Kinoleinwand förmlich spüren kann. Auch die Kameraarbeit von Mikhail Khursevich bringt dieses Gefühl eines fiktional-dokumentarischen Mischmaschs zum Ausdruck. In langen aus der Hand oder von der Schulter gefilmten Einstellungen verfolgen wir die Protagonist:innen und saugen ihre Eindrücke, Erlebnisse und Reaktionen durch die stetige Nähe gerade so auf. Auf der anderen Seite des cinematographischen Spektrums des Films finden sich aber auch immer wieder statische, durchkomponierte Einstellungen, deren Inszeniertheit sich dann wiederum nahtlos in die Realitätsdimension des Films einfügt. Dazu gesellt sich ein Soundtrack, der mit treibenden Technobeats die Großstadtumgebung und politisch aufgeladene Atmosphäre Minsks unterstreicht. Den inszenatorischen Höhepunkt findet „White Snail“ in der Auflösung einer Szene, in der die Hauptfiguren sich gar nicht auf der Leinwand befinden. Ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen sei hier nur das Stichwort „Schneckensex“ in den Raum geworfen.

Die Erzählung des Films bleibt dabei stets bodenständig: Zwei Menschen, die sich unter „normalen“ Umständen wahrscheinlich nie kennengelernt hätten, finden einander und finden etwas ineinander, das sie in ihrem sonstigen Umfeld so sehr vermissen. Und doch sind die beiden so verschlossen und verletzlich, dass sie sich schwer damit tun ihre Zuneigung zueinander zu akzeptieren. Die Bedeutung der allgegenwärtigen Schneckensymbolik und die der Antagonismen Schönheit/Tod, Wald/Stadt, Mystik/Realität schwingen während dieser reduzierten Geschichte immer nur mit. Sie werden weder übererklärt noch dramaturgisch ausgeschlachtet. So überträgt sich die sehr persönliche Perspektive der Figuren auch auf die Interpretationsebene der Zuseher:innen und lässt die intime Kinoerfahrung komplett werden.

Als kleiner Film, der sich nicht als mehr ausgeben will als er ist und sich seiner Stärken bewusst ist, ist „White Snail“ eine runde, immersive Kinoerfahrung. Zwar schlagen weder Inszenierung noch Story besonders bahnbrechende Wege ein, aber der doch besondere Realismus – unterstützt durch Kamera und Soundtrack – lässt die Aufmerksamkeit dennoch die volle Laufzeit über an der Leinwand kleben, wie die weißen Schnecken auf den Gesichtern von Masha und ihrer Mutter. Auf jeden Fall einen Gang ins Kino wert, auch für nicht-Schneckenfans.
 
 

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