Ja

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Forumseintrag zu „Ja“ von maxpumsi

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maxpumsi (07.11.2025 23:15) Bewertung
Dreimal „Ja“ für „Ken“?
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Ein Richter mit Schmiss, Hakenkreuzkrawatte und ohne Ohren; ein Journalist mit blutbefleckter Friedenspalme und Nachttopf am Kopf; ein Parlamentsabgeordneter mit wortwörtlich dampfender Kacke im geöffneten Schädel und ein Militärseelsorger mit Schnapsnase und verbrecherischen Wehverbandsanhängern im Rücken. So stellt George Grosz, Maler der Neuen Sachlichkeit und linker Karikaturist, 1926 die vier „Stützen der Gesellschaft“ im gleichnamigen Gemälde dar. Das Gemälde, das Nadav Lapid uns in seinem neuen Film „Ja“ (orig. „Ken“) zum Schluss einer energiegeladenen Eröffnungssequenz zeigt. Protagonist Y (Ariel Bronz) und seine Frau Yasmin (Efrat Dor) geben sich in dieser alle Mühe, jene mit Tanz, Gesang und körperlicher Nähe zu unterhalten, die Lapid karikaturistisch als Stützen der Gesellschaft Israels zeigt: hohe Militärs, Politiker:innen, Reiche und sonst alle, die eine elitäre Party besuchen dürfen, wo der Davidstern an der Wand in Neonfarben blinkt. Zwischen permanenten Newsmeldungen über Kriegsverbrechen in Gaza, die auf den Handys der Figuren aufpoppen, aber gekonnt ignoriert werden, einem ambivalenten Beziehungs- und Familienleben und dem Job als Party-Entertainer handelt „Ken“ von dem Paar, das allem voran „Ja“ sagt, um sich selbst den sozialen Aufstieg und ein sorgloses Leben zu ermöglichen. Bis Y dann die Aufgabe bekommt eine neue Hymne zu komponieren, deren Text aber die völlige Vernichtung allen palästinensischen Lebens auf dem Gazastreifen fordert. Er muss sich entscheiden: Kann er sogar dazu „Ja“ sagen?

Radikal und feurig karikaturistisch ist in „Ja“ nicht nur die Erzählung, sondern auch die von Nadav Lapid gewählte filmische Form. Der israelstämmige, aber mittlerweile in Paris lebende Filmemacher zeigt mit seiner Inszenierung, dass er weder Grenzen noch Regeln kennt, denen er seinen Stil unterwerfen muss. „Ja“ ist eine bunte Mischung aus Genres von Musical bis Sci-Fi, die dabei immer eine gepfefferte Realsatire bleibt und bei der einem das Lachen dann aber doch immer und immer wieder im Hals stecken bleibt. Die Musik ist oft so dröhnend, die Kamera so hastig, dass hier von keinem Filmgenuss gesprochen werden kann. Viel mehr ist der Film über weite Strecken erfolgreich darin, Undarstellbares und fast-nicht-Vermittelbares darzustellen und zu vermitteln. Das macht er mit Mitteln, die zwecks dessen nun einmal neu, experimentell und oft nicht schön anzuschauen sein müssen. Die filmisch-inszenatorischen Mittel – also Kameraarbeit, Sounddesign, Szenenbild bis hin zu den tänzerischen Choreografien – verbinden sich mit urkomischen Dialogen zu einer schlagkräftigen Groteske, die in ihren besten Momenten mit bissigem Humor und filmischer Innovativität brilliert.

Nicht ganz so fulminant ist „Ja“ in seinen ruhigeren Momenten. Es ist schwer dem Film zu verübeln, dass er sich irgendwann gezwungen sieht, einen ernsteren Ton anzuschlagen. So folgen wir Y auf einer Art Selbstfindungstrip bald weg aus Tel Aviv und immer näher hin zur Grenze des Gazastreifens. Die Musik wird dabei leiser und die Farben blasser – die Realität holt nicht nur die Figuren ein, sondern auch uns Zusehende. Spätestens, wenn wir mit Y auf dem von den IDF-Soldaten getauften „Love-Hill“ stehen und die Zerstörung Gazas, die eben ganz real ist, überblicken, spürt man die Echtheit des Leids am Horizont durch die Leinwand. Diese Bilder wirken, keine Frage. Schwierig wird dann nur die Erwartung sich plötzlich in den inneren emotionalen Konflikt einer Figur hineinfühlen zu sollen, die davor kein Charakter, sondern lediglich die Fassade eines Entertainers, eines Clowns war. Y wird nie nachvollziehbar, nie wirklich menschlich. Keine der Figuren wird das. Und das macht sich bemerkbar in allen Teilen, in denen der Ton des Films von der überzogenen Satire abweicht.

Gut, dass „Ja“ gegen Ende noch einmal Fahrt aufnimmt. Der Galgenhumor vom Beginn findet sich wieder in die Szenerie ein. Ja, er wird sogar auf neue Spitzen getrieben. Noch bizarrere Wege werden gefunden die Machtverhältnisse und die Amoralität der Figuren zu verdeutlichen und noch weniger ist einem, trotz der Absurdität der Situationen, zu Lachen zumute. Der Film schließt mit einer Szene ab, die sich dann aber doch versöhnlich zeigt. Über die Folgerichtigkeit dieses Endes ließe sich durchaus streiten, gebe es über Lapids Film nicht schon genug, über das sich sicher gestritten werden wird.

Trotzdem bleibt „Ja“ eine im wahrsten Sinne des Wortes flotte Satire, bei der man entweder Lachen will, aber nicht sollte oder Lachen sollte, aber nicht will. Ohne sich mit Samthandschuhen an ein so aktuelles, umstrittenes und betroffen-machendes Thema anzunähern, zeigt Nadav Lapid, wie eine in-your-face-Herangehensweise funktionieren kann. Auch mit vereinzelten Schwächen ist sein Werk daher ein starkes Beispiel für aktuellen politisch-satirischen Film. Ist man also bereit filmisch herausgefordert zu werden, dann ein definitives „Ja“ zur Schauempfehlung.
 
 

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