Die Kunst weiterzumachen
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE Und jene Müdigkeit ist traurig
Wie das verwischende Gedenken
An das was war und nicht mehr ist!
- Auszug aus „Tote (Muertos)“ von José Asunción Silva
Als wohl einflussreichster Dichter Kolumbiens bildet José Asunción Silva auch ein poetisches Ideal ab. Das des Künstlers, dessen Antrieb zum kreativen Schaffen aus seinem Weltschmerz entspringt. Stimmig mit diesem Ideal des leidenden Genies nahm sich Silva nach kurzem leidgeplagtem Leben mit nur dreißig Jahren das Leben. Eigenmächtig schuf er sich damit den dramatischen Höhepunkt der eigenen Tragödie.
Das Portrait des einen Poeten finden wir an der Zimmerwand eines anderen. Óscar Restrepo (Ubeimar Rios), der Protagonist in Simón Mesa Sotos Langfilmdebüt „Un Poeta“, verehrt das Ideal Silvas. Selbst hat er seinen künstlerischen Zenit lange überschritten, sodass er sich jetzt wünscht, er hätte sich doch auch schon mit 30 umgebracht. Seitdem er nicht mehr an der Universität unterrichtet, führt Óscar ein klägliches Dasein zwischen zerbröckelten Familienverhältnissen und Alkoholsucht. Als er sich aus Geldnot um einen Job als Gymnasiallehrer bemüht und dabei das junge Talent Yurlady entdeckt, scheint seine Misere aber doch noch eine Wendung zu nehmen.
Analog auf 16mm gedreht, bietet „Un Poeta“ nicht nur visuell viel Schönes. Auch der Soundtrack des Films lädt dazu ein sich seiner Stimmung völlig hinzugeben. So könnte man unserem Poeten ewig dabei zuschauen, wie er sich-bewusstlos-gesoffen auf den Straßen Medellíns herumliegt, solange dabei „La Luna En Tu Mirada“ von den Los Zafiros spielt. Generell lassen sich die filmstilprägenden und teilweise nicht unriskanten Entscheidungen des Regisseurs durchwegs positiv hervorheben: Von der Wahl des 16mm-Formats über die dokumentarisch anmutende Handkamera bis hin zum Casting von Laiendarsteller:innen für seine Figuren. Vor allem der Hauptdarsteller Ubeimar Rios – eigentlich Philosophielehrer – beschränkt seine Darstellung Óscars nicht auf das Stereotyp des in die Jahre gekommenen gescheiterten Künstlers. Er verkörpert stattdessen auch die charakterlichen und emotionalen Facetten des depressiven Vaters einer Tochter, die ihn nicht liebt, des Lehrers, der hofft seinen Traum durch seine Schülerin doch noch zu verwirklichen und des Mannes, der sich plötzlich mit schweren Anschuldigungen konfrontiert sieht, obwohl er doch nur helfen wollte.
Trotzdem hat „Un Poeta“ auch Probleme. Diese beginnen genau dort, wo sich die vorangegangene Sogwirkung der Erzählung in der zweiten Hälfte in einem komplexen Gewirr an Anschuldigungen, Meinungen und politischen Interessen verstrickt. So spät wird diese Wendung eingeführt, dass schlicht nicht genug Zeit bleibt, um eine Lösung zu finden, die sich nicht nach einer überhasteten anfühlt. Wo der Autor Simón Mesa Soto zuvor noch intelligent die Schattenseiten institutionalisierter und kommerzialisierter Kunst aufzeigt, bleibt dann nur ein Gefüge über, in dem sich alle Positionen gleichermaßen nicht ernst genug genommen gegenüberstehen. Das Narrativ kehrt diesem dann den Rücken zu, um seiner eigentlichen Geschichte noch ein Ende geben zu können.
Auch mit dieser Einbuße ist „Un Poeta“ aber immer noch eine großartige Tragikomödie, die nicht nur schön anzuschauen und anzuhören ist, sondern die auch erstklassiges Schauspiel zeigt. Mesa Sotos Film arbeitet sein Thema, die Poesie, auf gefühlvolle Weise in die filmische Form und Dramaturgie ein. Er trifft damit genau den richtigen Ton, der Melancholie und Zärtlichkeit einfängt, wie sie in der Poesie und im Leben gleichermaßen zu finden sind.
|