Sentimental Value

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Forumseintrag zu „Sentimental Value“ von Heidi@Home


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Heidi@Home (26.10.2025 09:47) Bewertung
Eine norwegische Familienaufstellung für Fortgeschrittene
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Joachim Trier hat seinem neuen Film den schönen, irgendwie unübersetzbaren Titel „Sentimental Value“ gegeben und so beginnt auch der Film, wahnsinnig poetisch. Nora Borg, damals noch eine Jugendliche, soll in der Schule ein Essay schreiben, das Thema lautet: Mein Haus erzählt. Nora reflektiert über ihren Wohnort, ein Anwesen im norwegischen Drachenstil, wo sie mit ihrer Schwester Agnes und ihrer Mutter lebt, sie überlegt, wie sich das Haus fühlt, das seit Generationen im Besitz der Familie ist. Am Ende bemerkt sie, dass, als der Vater Gustav, ein berühmter Filmregisseur ausgezogen ist, etwas Merkwürdiges mit dem Haus passierte: „It became brighter and brighter“.

Das setzt den Ton für diese filmische Familienaufstellung, die den Begriff „generational Trauma“ perfekt zu verkörpern scheint. Gustav (schön ambivalent: Stellan Skarsgård) hat sich nicht nur von seiner Frau getrennt, sondern auch von den beiden Töchtern. Er nimmt an deren Leben nicht mehr teil. Nun sind Nora (großartig: Renate Reinsve) und Agnes (beeindruckend: Inga Ibsdotter Lilleaas) erwachsen. Agnes ist Historikerin mit Mann und einem kleinen Sohn. Nora ist eine erfolgreiche Schauspielerin, gleichzeitig aber voller Selbstzweifel, Panikattacken und Angst vor Nähe. Agnes dagegen scheint durchaus zufrieden und in sich ruhend. Nora fragt sie einmal: „Why didn’t our childhood ruin you?“ Agnes antwortet klar und direkt, und diese Antwort hallt lange nach, wie so vieles in diesem Film.

Zum Begräbnis seiner Ex-Frau kehrt Gustav mit einem Drehbuch im Gepäck zurück. Er bittet Nora darum, die Hauptrolle in seinem neuen Film zu spielen. Sie soll seine eigene Mutter verkörpern, Freud lässt grüßen. Denn in seinem neuen Film dreht sich alles um diese Frau und deren Abgründe, die Gustav ebenso geformt haben, wie er selbst Noras Leben beeinflusst hat. Drehort soll das Haus der Familie sein. Gustav will sich damit vielleicht erklären, in jedem Fall anerkennt er Nora ganz klar als Schauspielerin. Doch Nora will damit nichts zu tun haben, sie möchte das Drehbuch nicht einmal lesen. Kurz darauf lernt Gustav die junge amerikanische Schauspielerin Rachel Kamp (Elle Fanning) kennen und bietet ihr die Rolle an.

Trier schildert seine Protagonisten mit einer ausgesprochenen Liebe zum Detail. Was Gustav seinem Enkel zum neunten Geburtstag schenkt, ist gleichermaßen amüsant wie bizarr und erzählt so viel über ihn. Nora schickt ihren Geliebten nach dem Sex weg aus Angst, es könnte zu kuschelig werden, auch das spricht für sich. Agnes weist Nora immer wieder darauf hin, dass es für den Vater auch nicht leicht wäre. Sie ist diejenige mit viel Verständnis für alles, was auch eine Bürde ist. Rachel schließlich plagt sich damit, für die Rolle einen norwegischen Akzent zu lernen, um authentischer zu werden, Fanning zeigt hier komisches Talent. All das schildert uns Trier zwar emotional, zuweilen auch sehr intensiv, immer aber ohne falschen Pathos.

„Sentimental Value“ erzählt in oft malerisch-stimmungsvollen Bildern, die allerdings weniger experimentell sind als in seinem Vorgängerfilm „The Worst Person in the World“. Die Ebenen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zuweilen ein bisschen, ebenso Fiktion und Realität, aber auf eine angenehm-unprätentiöse Art. Es geht um die Dinge, die gesagt wurden und nicht zurückgenommen werden können und um Dinge, die gesagt werden hätten sollen, aber nie ausgesprochen worden sind. Es ist aber auch ein Film voller leisem Humor, ein Film über Trost, der auch und gerade von Kunst ausgehen kann. Wenn Trier da und dort auch auf Ingmar Bergman referenziert, fehlt dessen Düsternis und Bitterkeit jedoch komplett.

„Sentimental Value“ überzeugt zwar von der ersten Minute an, dennoch schafft Trier es am Ende noch einmal, sich selbst zu übertreffen und einen Schlusspunkt zu setzen, der einem den Atem raubt und den das Publikum der Viennale zu Recht mit begeistertem Applaus und Jubelrufen bedachte.
 
 

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