Sentimental Value

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Forumseintrag zu „Sentimental Value“ von Andretoteles

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Andretoteles (02.12.2025 19:11) Bewertung
Familienarchiv der offenen Wunden
Nora und Agnes leben verschiedene Leben. Beide aufgewachsen im gleichen Generationenhaus, schwesterlich eng verbunden – und doch so verschieden. Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) hakt die Standardkästchen im Spiel des Lebens ab: mit ihrem Sohn und ihrem Mann führt sie ein konventionelles Leben. Diametral anders Nora (Renate Reinsve), beruflich Theaterschauspielerin, einsam und zerbrechlich: gleich zu Beginn ein Nervenzusammenbruch direkt bevor sich der Vorhang hebt. Jetzt setzen sich die Schwestern nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrer Vergangenheit auseinander. Denn ihr Vater Gustav, gleichsam anerkannter Filmregisseur, der mitunter wie ein dunkler Dämon im Frack dieses Familienhaus betritt, stellt das Dasein der Schwestern vor eine Belastungsprobe.

Dass Gustav sein neues Filmwerk im Generationenhaus drehen möchte, setzt die Krone auf eine zerrüttete Beziehung und auf seine unsensible Charakterisierung. Stellan Skarsgård, dieser multitalentierte Schauspielveteran, spielt hier wahrscheinlich die Rolle seines Lebens. Gustav ist jedoch nicht immer so harsch und hölzern. Nachdem Nora die Hauptrolle ablehnt, versucht er mit Rachel (Elle Fanning) eine Weltschauspielerin einzusetzen. Und hier merken wir Empathie und Fürsorge, die er für seine Töchter nicht aufbringen kann. Bei seiner Familie sind ihm die Fäden zerrissen, die er als Regisseur sonst in der Hand hält. Skarsgård zeigt beeindruckend die Komplexität von Zuneigung und Distanz, die beide gerade im Familienkontext noch schwerer aufrecht zu erhalten sind als ohnehin schon in dieser schnelllebigen, individualisierten Welt. Altern und Verlust sind assoziative Themen.

Mit „We cant even communicate“ weist Nora das Angebot ihres Vaters zurück. Es ist ein Film über die Alltäglichkeit der Kommunikation, über deren Hindernisse und Notwendigkeiten. Offensichtlich und brillant: die Seitenhiebe auf Social Media im Alltag und Digitalisierung im Kino. Da klappt Agnes den Laptop zu, wenn sie mit Nora ins Gespräch geht. Welch beiläufige Reflexion, die uns alle trifft, wenn wir uns beim nächsten Meeting wieder hinter unseren Bildschirmen verstecken. Gleichzeitig wird das Ungesagte bebildert, es fehlen Stellen, da lässt uns der Film im Dunklen, einiges ist unausgesprochen. Ein Gleichnis zum Leben, das zu viel herunterschluckt, gerade in der älteren Generation zu viel nicht kundtut und früher mit derselben Stille nicht kommunizierte. Apropos frühere Generation, „Sentimental Value“ ist auch ein Kommentar zur Situation der Frauen im Patriarchat. Gustav fordert Nora auf: „you need someone to care about.” Frauen, die sich kümmern müssen; Väter, die abhauen; später Kinder, die damit umgehen müssen und diesen Rucksack mit sich schleppen.

Noch in Jahren wird es Seminare in der Filmwissenschaft zu Joachim Trier geben. Dieses norwegische Ausnahmetalent legt nach „Der Schlimmste Mensch der Welt“ ein weiteres Sensationsdrama vor, das als Quasi-Fortsetzung gelesen werden kann. Seine Fragmentierungen, das ihn auszeichnende episodenhafte Erzählen, sind noch lange nicht vollends analysiert. Ebenso der Einsatz von Musik: poppige Sounds treffen Jazz-Melodien und orchestrale Orgel-Töne. Musik, die das Sentimentale genauso kontrapunktiert wie der Humor. Präziser Witz lockert das Geschehen auf, erzeugt das ganz große Kino, das sich nicht auf Genres beschränken lässt und fade Pfade betritt.

Kombiniert mit dem Regie-Topos, dem „Film im Film“ und dem Anschluss an Triers Oeuvre ist „Sentimental Value“ eine Meta-Meta-Meta-Studie über das Leben, über Kunst und über Familie. Wie zu besten Zeiten der Nouvelle Vague verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Filmproduktion genauso wie die Grenzen in Noras Leben zwischen Stabilität und mentalem Druck bis hin zur Depression. Und trotzdem schafft es Trier, das Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn Stellan seinem Enkelkind „Die Klavierspielerin“ zum Geburtstag schenkt, überfordert Trier nicht, sondern lässt Raum zum Atmen. Die Regie ist fantastisch in diesen Momenten. Ganz zu schweigen von Renate Reinsve, deren Natürlichkeit das Authentische in diesem Film trägt.

Fazit: Joachim Trier etabliert sich mit „Sentimental Value“ in der ersten Riege sensiblen Filmemachens und schreibt ein 135-Minuten-Manifest für die Wichtigkeit von Kommunikation und für die Aufarbeitung existentieller Gefühle. Es geht um die Konfrontation mit der unabdinglichen Sozialkonstruktion „Familie“. – in der das komplette Kinopublikum eine Identifikationsfläche findet. Gespickt mit feinem Humor und einer Botschaft an der Schnittstelle zwischen Kunst und Realleben, einer der besten Filme des Jahres, nah dran an der Kategorie „Meisterwerk“.
 
 

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