In die Sonne schauen

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Forumseintrag zu „In die Sonne schauen“ von Andretoteles

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Andretoteles (15.01.2026 15:14) Bewertung
Ein Jahrhundert weiblicher Verwundbarkeit
Ein Film wie ein schweres, altes Fotoalbum, dessen Seiten im Wind flattern: "In die Sonne schauen" ("Sound of Falling") entfaltet über vier Generationen das Porträt verschiedener Familien und zugleich die Kartographie der Blinden Flecken, die die Geschichte der Frau durch ein ganzes Jahrhundert ziehen. Mascha Schilinski arrangiert Episoden, Collagen und Sprünge — ein Episodenporträt, das erzählt, um zu entblößen; die einzelnen Bilder bleiben Rätsel, und gerade diese Ungereimtheit, die Unvorhersehbarkeit, webt die eigentliche Kunst des Films.

Gewalt und Liebe treten hier als doppelte Maske menschlicher Existenz auf: häusliche Härte, Vergewaltigung, Arbeitszwang und die alltägliche Gewöhnung an Schmerz liegen neben zärtlichen Momenten, die kaum mehr sind als Atempausen. Tod und Suizid ziehen sich wie dunkle Adern durch das Werk; Depression und Melancholie sind keine psychologischen Etiketten, sondern atmosphärische Räume, in denen die Figuren sich bewegen. Religion und Arbeit sind strukturelle Kräfte, die Sehnsucht, Gehorsam und Scham organisieren — sie bilden den Hintergrund, vor dem die Schicksale aufblitzen.

Die Kamera — großartig, ja nährend — saugt das Organische der Welt auf: Hände, Holzbretter, Staubkorn, Atem. Lange Einstellungen erlauben, dass die Zeit auf der Haut der Dinge wirkt; das Bild ist oft körnig, manchmal fast stofflich, als hätte die Linse Erinnerungsschichten eingefangen. Die Mise-en-scène findet direkt in der Szenerie statt: Raum ist nicht nur Hintergrund, sondern Akteur, wenn Zeitsprünge direkt in der Szenerie geschehen. Träume und unangenehme Musik durchschneiden die Chronologie.

Voyeurismus und Skopophilie sind wiederkehrende Motive — das Schauen durch Schlüssellöcher, das Anstarren, der Male Gaze, das „An- und Weggucken“ von Männern — sie werden nicht nur gezeigt, sie werden problematisiert. Sexualisierung und Objektivierung von Frauen treten in mannigfaltigen Rollen auf: als Sexobjekt, als Dienerin, als Dienstmagd, als Mutter; und ja — der Film zeigt auch, wie früh Sexualisierung die Kinder durchzieht. Diese Formen des Blicks werden in langen, kaum unterbrochenen Einstellungen ausgestellt, bis das Unbehagen selbst zum Thema wird; die Kamera beobachtet, aber sie verurteilt nicht pathetisch — sie legt offen. Vergewaltigung erscheint als unsichtbare Gewalterfahrung, nicht als voyeuristischer Fetisch; so entsteht eine moralische Schärfe, die nicht moralisiert, sondern seziert.

Zeitliche Sprünge sind extrem und grandios: ein Jahrhundert in Episoden, ein Familienalbum, das zwischen Blitzlichtern wandert. Die Narrative weigert sich, eine kohärente Teleologie anzubieten; stattdessen produziert sie eine Ungewissheit, eine beständige Ungereimtheit, die das Denken reizt. Das Werk fühlt sich wie eine Verfilmung von Blinden Flecken an — nicht nur historische Lücken, sondern die verkannten Lebensrealitäten von Frauen, aufgefächert in unzähligen Beispielen und Schicksalen, die zusammen eine kritische Soziologie des Alltags ergeben.

Fazit: Mascha Schilinski erhielt als erste deutsche Regisseurin für In die Sonne schauen auf den Filmfestspielen von Cannes 2025 den Preis der Jury – und das völlig zu Recht. Ein herausfordernder, poetisch schonungsloser Film, der sich als Ethnographie der Intimität liest — ein Werk, das erst auf der zweiten oder dritten Ebene zugänglich wird, das das Rätsel sucht, nicht die Beruhigung. In die Sonne schauen zwingt zum Hinschauen, lässt jedoch nie die Illusion, die Wahrheit vollständig zu besitzen; es ist weniger ein Urteil als ein anhaltendes Fragen, und genau darin liegt seine schneidende Größe.
 
 

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