Anora

Bewertung durch UR_000  90% 
Durchschnittliche Bewertung 83%
Anzahl der Bewertungen 16

Forumseintrag zu „Anora“ von UR_000

Auszug aus dem Forum des Films „Anora“:
  • Ein aufregender Kino-Ritt mit der umwerfenden Anora

    Wie schon in „Red Rocket“ oder „Tangerine“ blickt Regisseur Sean Baker in „Anora“ auf Menschen, die in der Erotikindustrie arbeiten, mit ihrem Körper ihr Geld verdienen. Sein neuestes Werk konzentriert sich auf Tänzerin Anora, die im jungen Russen Iwan eine Gelegenheit zum Ausstieg wittert. Mit der Goldenen Palme für den besten Film in Cannes ausgezeichnet, weckt das hohe Erwartungen …

    Kann das Märchen wahr werden?

    Anora (durchtrainiert, sexy, wild und einfach unschlagbar: Mikey Madison) tanzt als ‚Ani‘ in einem Club. Für ein paar Scheine mehr geht es ins Separee für einen privaten Lapdance, so auch für Iwan. Ihre Betreuung inklusive Small Talk in seiner Muttersprache beeindruckt den jungen, zwar unbeholfenen, aber selbstbewussten Russen. Er bucht Ani privat und bietet ihr eine schöne Summe dafür, dass sie eine Woche lang seine Freundin spielt. Fasziniert vom Luxusleben in der Villa, den Club-Touren und dem Ausflug nach Las Vegas, gibt Anora ihm mehr als nur ihren Körper. Sie nimmt seinen Heiratsantrag an, macht Iwan somit zum Amerikaner, der nicht nach Russland zurückkehren muss. Doch Iwans Eltern schicken bald die Schergen aus, um die Ehe annullieren zu lassen, denn eine Sexarbeiterin zu heiraten, bringt Schande über die Familie. Kann Anora als Ehefrau dem Leben als Tänzerin entfliehen oder werden sie erfolgreich ihre Fantasie vom sicheren Auskommen zerstören?

    Mitreißendes Kennenlernen

    Baker inszeniert das Aufeinandertreffen von Iwan und Anora mit genauem Blick. Die erfahrene Tänzerin kann den jungen Russen im Bett beeindrucken, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Er bringt sie wiederum mit seinem Lebensstil zum Staunen – schon beim ersten privaten Termin in der Luxusvilla. Vor allem Anora verhält sich eher vorsichtig, scheint sich immer bewusst zu sein, was diese Dienste für sie bedeuten. Iwan agiert mit dem Selbstbewusstsein von Reichtum, versprüht fast noch jugendlichen Charme. Er ist verspielt und genießt es, Anora zu necken, verbringt seine Zeit gerne mit Games auf der fancy Konsole. Der junge Russe ist jedenfalls nicht so hässlich wie so manche anderen Kunden. Bald verschwimmen Spiel und Job, Anora und Iwan haben zusammen Spaß, auch außerhalb des Bettes. Sie wachsen nach außen zusammen. Baker sendet sie auf eine Reise durch Clubs, Partys, Casinos – in eine Welt, die vor allem auf dieser Seite neu für die Tänzerin ist. Eingefangen in glamouröse, schnelle Bilder, meist nah am Geschehen. Am liebsten würde man mitfeiern. Das Lachen der beiden ist ansteckend, ihre Ausgelassenheit und Wildheit auch. Eine Euphorie, die schon lange nicht so emotional und gleichzeitig unbeschwert in Bildern eingefangen wurde.

    Schicksalsträchtige Reise durch die Nacht

    Als Iwan vor den Männern seiner Familie flieht, wird es für Anora gefährlich. Sie ist allein, allerdings nicht wehrlos. Solange sie kann, verteidigt sie sich mit ihrem Körper. Dank Training und Kreativität. Das macht extrem viel Spaß, wenn sie flucht und sich auf die Beine stellt – gegen die russischen Schergen. Trotzdem ist ihre einzige Chance auf ein Happy End, Iwan zu finden und den Jungen zu überreden, zu ihr zu stehen, sich gegen seine Familie aufzulehnen.

    Typisierung von feierwütigen Russen und Feindschaften unter Tänzerinnen

    Baker arbeitet zwar mit Klischees, aber mit viel Wärme. Außerdem blickt er genauer hin, zeigt vor allem verschiedene Aspekte aus der Lebenswelt der erotischen Tänzerinnen. So halten einige eng zusammen, sind richtige Freundinnen, die sich über ihre Erfahrungen austauschen. Oder Feindinnen. Er zeigt, dass es Regeln gibt, dass der Bereich der Sexarbeit nicht homogen ist, es verschiedene Tätigkeiten und Aspekte gibt. Dieser Fokus stimmt milde, denn die Russen kommen schon ein wenig stereotyp daher: trinkfest, laut, mit Geld um sich schmeißend. Auch Iwans Familie und die Männer, die für sie arbeiten, sind zum Teil eher Typen. Allerdings funktionieren sie in der Geschichte großartig. Die nächtliche Suche nach Iwan in der Großstadt bietet massenhaft komische Szenen im Zusammenspiel von Anora und den bösen Männern. Nicht selten droht ein Lachkrampf.

    Melancholie bricht durch

    Bei aller Euphorie, die Baker zu Beginn in pulsierenden Bildern unterlegt mit eingängigen Beats einfängt, lässt er immer wieder die Realität durchbrechen. Dass Iwan seinen Eltern nicht von Anora erzählt. Dass diese die Ehe und somit eine sichere Zukunft für die Tänzerin zerstören können. Die Gefahr stimmt nachdenklich. Jene Melancholie hebt „Anora“ aus der reinen Komödie, die nur mit Übertreibungen arbeitet.

    Explosive Chemie

    Was „Anora“ besonders macht, ist die Chemie zwischen den Figuren, getragen von Mikey Madison als Titelfigur. Sie zeigt jede Facette der Tänzerin, bekommt die Tanzeinlagen sehr erotisch hin (Hut ab!). Und glänzt mit komödiantischem Timing, vor allem wenn sie die starke Anora sein darf, die für sich kämpft. Das gesamte Ensemble agiert mit Spielfreude, die überspringt.

    Sean Baker schafft es, seine eher ungewöhnliche Heldin auf einem Weg voller Euphorie, Glück, aberwitzigen Situationen und Gefahren zu begleiten, ohne sie bloßzustellen. Es macht noch dazu Spaß, sie zu begleiten. „Anora“ hat Tempo, Spannung, wunderschöne Bilder, mitreißende Musik und ganz viel Humor. Zudem eine außergewöhnliche Hauptdarstellerin.
    venedig_neu_daed5a7ef3.jpg
    25.10.2024
    23:55 Uhr

zum gesamten Filmforum von „Anora“
zurück zur Userseite von UR_000